Der Krieg gegen Japan, Teil 3: Die Totenzahlen der Atombomben

August 12, 2008

Let all souls here rest in peace, for we shall not repeat the evil.

– Inschrift am Kenotaph in Hiroshima.

Zu der Diskussion über den Krieg im Pazifik gehört der fortgesetzte, wenn auch etwas abklingende Streit über die Opferzahlen der Atombomben. Da wir früher oder später solche Zahlen zitieren müssen, sollten wir auf den Hintergrund, einige Fehler und die noch strittigen Angaben eingehen.

Die erste wichtige Größe ist die Zahl der Toten bis Ende 1945, denn das umfasst den größten Teil der Strahlentoten. Für Hiroshima wird in der deutschen Presse meist 140.000 Menschen angegeben. Das sind die offiziellen japanischen Angaben [PDF].

(Eigentlich gehört ein „plus oder minus 10.000“ dahinter, aber Journalisten hassen Spannen, weil sie den Lesefluss stören, und lassen sie deswegen meist einfach weg. Darauf bezieht sich auf jeden Fall ein etwaiges „mindestens“.)

Der interessierte Leser wird sich denken können, dass diese Zahl umstritten ist. Wir überspringen die Details und weisen darauf hin, dass die Wissenschaftler der gemeinsamen japanisch-amerikanischen Radiation Effects Research Foundation (REFR) heute Spannen angeben: 90.000 bis 140.000 Tote für Hiroshima und 60.000 bis 80.000 für Nagasaki. Die binationale Stiftung ist der Nachfolger der ursprünglichen Atomic Bomb Casualty Commission, die ab 1948 die Folgen der Bomben erforschte.

Wieso ist das so schwer, die Zahl der Opfer zu schätzen? Die RERF schreibt dazu:

[T]he total number of deaths is not precisely known because records of military personnel in each city were destroyed; entire families perished, leaving no one to report the deaths; and forced laborers were present in unknown numbers.

Die Militärakten wären wichtig für die kontroverse Frage, wie viele der 40.000 Soldaten in Hiroshima – dem Hauptquartier der Zweiten Armee – unter den Toten waren.

Das Problem betrifft nicht nur die Atombomben. Auch bei dem Brandbomben-Angriff auf Tokio am 9.-10. März 1945 (auf den wir getrennt eingehen werden) beträgt die Spanne 80.000 bis 120.000 Tote. Selbst für die Hauptstadt hatte niemand einen Überblick, wie viele Menschen in den zerstörten Vierteln wirklich lebten.

Die genau Zahl der Atombombentoten bis Ende 1945 ist also unbekannt, aber es gibt mit der Spanne einen gewissen Konsens. Alle Angaben, die eine größere Präzision vortäuschen, führen zum Streit: Eine höhere Zahl bringt den Vorwurf, eine „japanische Opferrolle“ solle gestärkt, eine niedrigere, eine „amerikanische Täterschaft“ solle abgeschwächt werden.

Um das Problem zu vermeiden, werden wir in diesem Blog die Angaben der RERF verwenden, auch wenn es umständlich ist.

Der zweite Punkt ist die Frage, wie viele Menschen sofort starben. Das ist wichtig, um die Entscheidungsfindung der japanischen Militärregierung nachvollziehen zu können. Heute vor 63 Jahren stritt man in Tokio bekanntlich immer noch darüber, ob man wirklich kapitulieren sollte, Atombomben hin oder her.

Allgemein scheint die Antwort „die Hälfte“ der Totenzahl bis Ende 1945 zu sein, egal, welche Ausgangszahl genommen wird. Bei der obigen Spanne wären das 45.000 bis 70.000 Tote in Hiroshima und 30.000 bis 40.000 in Nagasaki.

(Am 7. August wurde der japanischen Regierung aus Hiroshima gemeldet, dass es 130.000 „Opfer“ gebe, also Tote und Verletzte. Da niemand die Folgen der Strahlung verstand, schien die Bombe damit eher weniger schwerwiegend zu sein als der Angriff auf Tokio. Nach der zweiten Bombe berichtete der Gouverneur der Präfektur Nagasaki zudem, es gebe nur eine „kleine“ Zahl von Opfern, und stärkte mit dieser bizarren Fehleinschätzung die Falken [1]. Japan kapitulierte schließlich am 15. August.)

Ein Fehler, den wir nicht nur hier, sondern bei allen Konflikten bis hin zum laufenden Irak- und Afghanistan-Krieg finden, ist die falsche Übersetzung von casualties. Damit sind im Englischen nicht Tote gemeint, sondern Tote und Verwundete. Die meisten deutschen Berichte beruhen (wie dieses Blog) wegen mangelnder Japanischkenntnisse auf englischsprachigen Veröffentlichungen.

Zuletzt haben wir die Frage, wie viele Menschen insgesamt bis heute an den Folgen der Atombomben gestorben sind. Jetzt müssen wir etwas ausholen und ins Detail gehen, denn hier tobt ein bitter geführter Streit, der eher an Deutschland vorbeigegangen ist.

Die Überlebenden der Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki werden in Japan hibakusha genannt. Am 31. März 2008 betrug ihre weltweite Zahl offiziellen japanischen Angaben zufolge 243.692 bei einem Durchschnittsalter von 75,1 Jahren. Nach den Kriterien der japanischen Regierung leiden etwa ein Prozent von ihnen an Strahlenfolgen.

Wir werden in einigen Absätzen die Daten von 2007 brauchen: Damals lebten noch 251.834 Hibakusha, von denen 2.242 als strahlenkrank eingestuft wurden.

(Sind das wirklich alle? Schwer zu verstehen, aber offenbar wahr: Die Hibakusha und ihre Nachkommen sind in Japan Diskriminierung ausgesetzt. Das dämpft die Bereitschaft, sich als Strahlenopfer zu erkennen zu geben. Gleichzeitig gibt es eine Debatte darüber, ob die Kriterien der japanischen Regierung für die Verstrahlung nicht zu eng gefasst sind. Wir bleiben bei den offiziellen japanischen Angaben, behalten das aber im Hinterkopf.)

Zu der jährlichen Gedenkzeremonie in Hiroshima gehört es nun, die Namen aller im Vorjahreszeitraum verstorbenen Hibakusha der Stadt in eine Liste einzutragen. In diesem Jahr waren es weitere 5.302 Namen für eine Gesamtzahl von 258.310 Toten (das gleiche Verfahren gibt es in Nagasaki, wo die Liste um 3.058 Namen auf 145.984 Tote ergänzt wurde).

Das Problem ist nun, dass offiziell nur die Namen von Hibakusha aufgenommen werden, die als Folge der Atombombe [PDF] starben:

Books that list the names of those who have died as a result of the atomic bombing are kept in the Monument (79 books registering 226,870 names as of August 6, 2002).

Allein für Hiroshima wurden in diesem Jahr damit mehr als zwei Mal so viele Namen formell als Atombombentote aufgenommen, als nach Angaben der japanischen Regierung 2007 überhaupt an den Folgen der Explosionen litten. Irgendwas passt da nicht.

Tatsächlich werden in der Praxis die Namen aller verstorbenen Hibakusha eingetragen, ohne Rücksicht auf die Todesursache [1]:

[W]henever such an individual dies, from any cause whatsoever, they become officially classified as a deceased hibakushka [sic].

Dafür kann man gute Argumente finden. Niemandem wäre mit langen und unwürdigen Diskussionen geholfen, ob ein Hibakusha nach 1950 an einem Krebs gestorben ist, der durch die Atombombe ausgelöst wurde (die RERF benutzt den Begriff excess cancer deaths), oder zu den etwa 91 Prozent der Fälle gehört, wo er andere Ursachen hat. Auch wer körperlich soweit den Angriff überstanden hat, dass er seine normale Lebenserwartung erreicht oder (inzwischen) übertrifft, trägt mit Sicherheit psychische Narben. Es gibt keinen Grund, nicht auch dem Leiden dieser Menschen zu gedenken.

Allerdings sind die inzwischen etwa 400.000 Namen auf den Rollen der Kenotaphe in Hiroshima und Nagasaki nach offizieller japanischer Lesart die Zahl der Menschen, die bis heute als direkte Folge der Atombomben gestorben sind. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass bei dem jetzigen Verfahren in einigen Jahrzehnten alle Bewohner von Hiroshima und Nagasaki vom August 1945 auf diesen Listen stehen werden.

(Zum nachrechnen: Die Bevölkerung beider Städte betrug direkt vor den Angriffen nach japanischen Angaben [PDF] bis zu 620.000 Menschen. Zählen wir die Namen auf den beiden Totenrollen und die Zahl der noch lebenden Hibakusha zusammen, kommen wir etwa auf 640.000 Menschen. Die Differenz lässt sich durch das oben beschriebene Fehlen von genauen Daten erklären.)

Entsprechend gibt es den Vorwurf aus den USA, Japan manipuliere die Opfer-Angaben, um auf die größtmögliche Zahl zu kommen, nämlich die aller Bürger der Städte. Während man sich mehr oder weniger auf die Opferzahl bis Ende 1945 einigen kann, werden diese japanischen Angaben als viel zu hoch (und oft als politisch motiviert) abgelehnt. Japan sieht seinerseits keinen Grund, das Verfahren zu ändern.

Wir finden die Ausläufer dieses Streits in den vorsichtigen Formulierungen der angelsächsischen Medien zu den Gedenkveranstaltungen (Hervorhebung hinzugefügt):

Nagasaki’s toll from the bomb […] is updated every year by the Japanese government which keeps a record of victims it says die of radiation illness.

In Deutschland weiß man nichts von dem Streit über die Totenlisten. Entsprechend war in den vergangenen Tagen in der Presse (und auf Blogs) einfach von „400.000 Atombombentoten“ die Rede. In Wirklichkeit ist das die Gesamtzahl der bis heute verstorbenen Bewohner von Hiroshima und Nagasaki, die sich zur Zeit der Angriffe dort aufhielten, ohne Berücksichtigung der Todesursache. Das liest sich natürlich etwas sperriger.

Ja, aber wie viele Menschen sind jetzt wirklich bis heute als Folge der Atombomben gestorben? Der oben beschriebene Streit verhindert einen Konsens. Da etwas wie „mehr als 150.000 und weniger als 400.000“ nicht sonderlich hilfreich ist, lassen wir die Frage in diesem Blog offen.

Ohnehin kommt nach jeder längeren Diskussion über die Toten in Hiroshima und Nagasaki die Zeit für einen reality check, wie wichtig ganz genaue Angaben wirklich sind. Die einzig sinnvolle Antwort auf die Frage, wie viele Menschen durch die Atombomben starben, lautet am Ende immer: Zu viele.

(Nächster Eintrag der Serie: „Der Jahrestag der dritten Atombombe“)

([1] Richard B. Frank Downfall. The End of the Imperial Japanese Empire Penguin Books 1999)

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