Der Krieg gegen Japan, Teil 4: Der Jahrestag der dritten Atombombe

August 21, 2008

No one expected the war to end when it did, even after the two atomic bombs and the entry of the Soviet Union into the war on August 9, the Japanese, though doomed, were expected to fight on for some considerable time.

– Roland Spector, In the Ruins of Empire, 2007

Heute vor 63 Jahren, am 21. August 1945, wäre unter anderen Umständen die dritte Atombombe auf Japan abgeworfen worden. Das vorgesehene Ziel war Sapporo auf der nördlichen Hauptinsel Hokkaido, der Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1972.

Einige interessierte Leser werden jetzt stutzen. Die Geschichte der Atombombe wird meist so erzählt, dass die USA zunächst nur drei davon bauen konnten, aber die zwei nach der Testbombe verbliebenen in kurzer Folge abwarfen – eben am 6. und 9. August – um den Eindruck zu erwecken, sie hätten jede Menge davon. Das ist auch wahr. Die Frage ist, was man mit „zunächst“ meint.

(Wie erfolgreich war die Täuschung? Gemischt. Zwar konnten die hardliner im japanischen Militär nach Nagasaki nicht mehr behaupten, die Amerikaner seien genetisch zu dumm technisch nicht in der Lage, eine Atombombe zu bauen, und die Zerstörung in Hiroshima sei die Folge von vielen Magnesium-Sprengsätzen oder gar einer Naturkatastrophe. Aber auf Grundlage von Japans eigenen zwei Atomwaffenprogrammen erklärte Admiral Soemu Toyoda, die USA könnten nur über wenig spaltbares Material verfügen.

Auf der anderen Seite warnte Heeresminister Korechika Anami – eigentlich einer der Falken – Stunden nach dem Angriff auf Nagasaki seine Kollegen im Kabinett [1]:

[T]he Americans appeared to have one hundred atomic bombs … while they could drop three per day. The next target might well be Tokyo.

Die Details dieser Aussage gehen auf den abgeschossenen US-Jagdflieger Marcus McDilda zurück, der unter japanischer Folter die Zahl erfand und Kyoto und Tokio als nächste Ziele nannte. McDilda wusste in Wirklichkeit nichts über die Bomben.)

Tatsächlich war der „Kern“ der dritten Atombombe (damit insgesamt die vierte) am 13. August [PDF] fertig. Für September und Oktober waren je drei Bomben fest zugesagt – zusammen also sieben bis Ende Oktober 1945. Danach wäre es schneller gegangen:

Improvements in bomb design being prepared at the end of the war would have permitted one bomb to be produced for every 5 kg of plutonium or 12 kg of uranium in output. […] Assuming these bomb improvements were used, the October capacity would have permitted up to 6 bombs a month.

Für uns ist der Zeitraum bis Ende Oktober wichtig, denn der erste Abschnitt der zweiteiligen Invasion von Japan, Operation Downfall, sollte am 1. November 1945 beginnen (der zweite im Frühjahr 1946). Es gab dabei einen Streit, ob die nächsten Atombomben weiter so schnell wie möglich abgeworfen werden sollten – in der Hoffnung, dass Japan irgendwann genug haben würde – oder ob man sie sammeln und dann alle auf einmal „taktisch“ zur Unterstützung der Invasion einsetzen sollte.

Die Frage wurde bis Kriegsende nicht beantwortet. Da Präsident Harry S. Truman festgelegt hatte, dass weitere Atomwaffen nur mit seiner Genehmigung eingesetzt werden durften, hätte er am Ende die Entscheidung getroffen.

(Wir werden in einem späteren Eintrag sehen, dass hochrangige US-Militärs in dieser Zeit die ganze Invasions-Strategie wieder infrage stellten, weil die alliierten Geheimdienste langsam die Größenordnung von Ketsu-Go zu erahnen begannen. Die Frage wäre dann gewesen, wie die Atombomben – falls überhaupt – bei einer Blockade eingesetzt worden wären.)

Wie kommen wir vom 13. zum 21. August? Einmal musste der Kern der Bombe aus Los Alamos auf die Pazifik-Insel Tinian gebracht werden. Diese war wegen ihrer besonders langen Startbahnen auch Ausgangspunkt der Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki gewesen.

Allerdings gab es noch einen Grund für die Verzögerung. General George C. Marshall – später Friedensnobelpreisträger und Europäern vom Marshall-Plan bekannt – und der militärische Leiter des Manhattan-Projekts, Leslie Groves, hatten dafür gesorgt, dass gewisse Komponenten erst mit Verzögerung auf die Insel gebracht wurden [1]. Sie taten das in der Hoffnung, dass Japan nach zwei Atombomben kapitulieren würde.

Sie hofften es, aber sie glaubten nicht daran. Marshall wurde nach dem Krieg mit der Einschätzung zitiert:

There is one point that was missed, and that, frankly, we missed in making our plans. That was the effect the bomb would have in so shocking the Japanese that they could surrender without losing face.

Als ein Beleg für den amerikanischen Pessimismus wird auch gerne darauf hingewiesen, dass Kriegsminister (der Titel damals) Henry L. Stimson am 10. August in den Urlaub aufbrechen wollte, als die streng geheime Mitteilung aus Japan über die Bereitschaft zur Kapitulation ankam – mit der Bedingung, dass das Kaisertum erhalten bleiben müsse. Die USA antworteten mit der Byrnes‘ Note, in der die Frage offen gelassen wurde. Japan kapitulierte trotzdem am 15. August.

(Außenminister James F. Byrnes kennen Deutsche wiederum von seiner zentralen Rede zur Deutschlandpolitik von 1946, der „Speech of Hope“.)

Einige interessierte Leser werden immer noch stutzen – wieso Sapporo? Schließlich stand die Stadt nicht auf der ursprünglichen Liste der Atombomben-Ziele vom 25. Juli:

Hiroshima, Kokura, Niigata, Nagasaki

(Das Arsenal von Kokura war das eigentliche Ziel der zweiten Atombombe. Wegen schlechter Sicht entschied die Besatzung der Bock’s Car, das Ausweichziel Nagasaki anzufliegen. Bei dem hastig ausgeführten Angriff wurde Fat Man über den falschen Teil der Stadt gezündet, ein Grund, warum die Zerstörung geringer ausfiel als in Hiroshima.)

Allerdings hatte die Wirkung der ersten beiden Bomben far exceeded optimistic expectations, und das US-Militär überarbeitete vor diesem Hintergrund die Liste. Die Vorschläge wurden am 14. August vorgelegt:

Sapporo, Hakodate, Oyabu, Yokosuka, Osaka, Nagoya

Auf beiden Listen fehlen Kyoto – das Stimson wegen der kulturellen Bedeutung gegen den Wunsch des Militärs von den Angriffen ausnahm – und Tokio.

Die japanische Hauptstadt war aber Mitte August durchaus als Ziel im Gespräch, wenn auch nicht klar zu sein scheint, für welche Bombe. Der britische Botschafter in den USA, John Balfour, sprach am 14. August mit Truman. Er schrieb dazu, der Präsident habe niedergeschlagen gewirkt und erklärt, noch keine Antwort aus Japan erhalten zu haben:

[Truman] remarked sadly that he now had no alternative but to order an atomic bomb dropped on Tokyo.

Ganz falsch lag McDilda also vielleicht doch nicht. Einige Stunden später erhielt Truman die Nachricht von der Kapitulation Japans, womit sich auch diese Frage erledigte.

(Etwas Hintergrund: Japans Armee verhinderte zwischen dem 10. und 15. August fast den Frieden. Heeresminister Anami erklärte am 11. August in der Presse:

Even though we may have to eat grass, swallow dirt, and lie in the fields, we shall fight to the bitter end, ever firm in our faith that we shall find life in death.

Admiral Takijiro Onishi stellte Kabinettsmitgliedern zwei Tage später einen „sicheren Sieg“ in Aussicht, wenn die Regierung nur bereit sei, 20 Millionen Menschen zu opfern [1]. Eine Gruppe Militärs versuchte einen Staatsstreich.

Die Alliierten wussten das nicht – viel wurde ohnehin erst 1989 bekannt. Sie sahen nur, dass weiter gekämpft wurde, dass die Geheimdienste weiter Durchhalteparolen abfingen und dass eine Antwort auf die Byrnes‘ Note weiter ausblieb.

Schließlich ging den Amerikanern die Geduld aus. Sie warfen am 13. August Flugblätter mit dem Text des eigentlich geheimen Kapitulationsangebots und der amerikanischen Antwort über Japan ab. Aus Angst vor einem Putsch befahl Kaiser Hirohito dem Militär danach unmissverständlich ein Ende der Kämpfe.)

Am Ende bleibt der Einsatz einer dritten Atombombe natürlich Spekulation. Japan kapitulierte.

Wir halten hier fest, dass es bei einer Fortsetzung des Kriegs um auch nur eine Woche vielleicht nicht bei Hiroshima und Nagasaki geblieben wäre. Die USA waren durchaus in der Lage, auch kurzfristig weitere Atombomben einzusetzen. Diesen Punkt – und die komplette Neuausrichtung der konventionellen Bomben-Strategie ab dem 11. August – werden wir noch einmal in dem Eintrag über den alliierten Gesamtplan aufgreifen, dem Gegenstück zu Ketsu-Go.

Das wird allerdings einige Wochen dauern. Wegen der Jahrestage der Atombombenabwürfe haben wir diese Serie forciert; ab jetzt gehen wir wieder zu einem breiter gefächerten Programm über.

(Nächster Eintrag der Serie: „Die Einäscherung Tokios“)

([1] Richard B. Frank Downfall. The End of the Imperial Japanese Empire. Penguin Books 1999)

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