„Liberal“ in den USA

April 18, 2008

Wer die US-Politik verfolgt, stellt schnell fest, dass ein bestimmtes Wort in Amerika nicht das bedeuten kann, was es zu Hause heißt: liberal. Tatsächlich meinen Amerikaner damit etwas anderes als selbst die Briten.

Seit einigen Jahrzehnten wird in den USA mit liberal eine Politik bezeichnet, die – sagen die Befürworter – für den Schutz von Minderheiten, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit, Mitgefühl, öffentliche Hilfsprogramme für Arme und Kranke, für den Umweltschutz und für Bildung für alle steht. Kritiker sehen dagegen als Hauptmerkmale hohe Steuern und unkritische Sozialausgaben, ein ständiges Eingreifen des Staates in das Leben des Bürgers und erstickende Gesetze als Mittel zum Ausgleich von irgendwelchen angeblichen Ungerechtigkeiten, was alles zu einer Entmündigung des Volks und dem Tod jeder Eigeninitiative führe.

Solche Auflistungen enden früher oder später im Streit. Daher setzen wir lieber unsere Tradition der erschütternd groben Vereinfachungen mit einer Faustregel fort:

liberal (USA) -> sozialdemokratisch (DE)

Das ist nicht wirklich richtig, schon allein weil das Links-Rechts-Spektrum in der amerikanischen Politik anders gefächert ist. Aber die Überschneidungen sind groß genug, dass es auch nicht ganz falsch ist. Das sehen wir an dem nahtlosen Übergang, den böse Konservative von liberal über socialist zu communist sehen, wie auf einem T-Shirt mit dem Plakat von James Montgomery Flagg und dem Spruch:

Liberals — I want you to get your pinko commie asses out of America!

Auf anti-liberalAufklebern sehen wir ebenfalls, wie liberalism, Sozialismus und Kommunismus fröhlich zusammengekleistert werden. Demnach sind liberals Weicheier, die Amerika hassen, die Flagge verbrennen, auf Soldaten spucken, den Islamofaschisten die Welt überlassen wollen und bestimmt auch Eichhörnchen furchtbare Dinge antun, wenn niemand hinschaut. Für Konservative ist liberal ein Schimpfwort.

In Deutschland (und der übrigen Welt) wird man dagegen nur verständnislos angestarrt, wenn man „Liberale“ als Kommunisten beschimpft, wovon sich der interessierte Leser am nächsten FDP-Wahlstand überzeugen möge. Was hierzulande mit „liberal“ im Sinne der Wirtschaftspolitik gemeint ist, passt in den USA eher zu den Konservativen.

(Im Zusammenhang mit liberal bashing kommt häufig der Name Ann Coulter vor, Juristin, Kommentatorin und Autorin von Büchern wie Treason: Liberal Treachery from the Cold War to the War on Terrorism. Sie ist umstritten, einige Zeitungen drucken ihre Beiträge nicht und sie wird bei öffentlichen Auftritten schon mal mit der einen oder anderen Torte [YouTube] beworfen.)

Da liberal in einigen Kreisen quasi vergiftet ist, verwenden Nicht-Konservative auch den Begriff progressive. Das sehen wir bei Daily Kos, das sich als the largest progressive community blog in the United States bezeichnet.

Für den Beobachter aus Übersee ist das nicht hilfreich, denn die Begriffe sind eigentlich keine Synonyme. An progressive hängt ein ganzer Rattenschwanz von politischen Vorstellungen, die etwa 100 Jahre alt sind. Wir werden sie in einem eigenen Eintrag aufdröseln und dabei auch erklären, wie liberal eine andere Bedeutung bekommen hat.

Und um die ganze Sache noch komplizierter zu machen, gibt es die politische Strömung des libertarianism, verkörpert durch die Libertarian Party. Sie wurde 1971 gegründet und ist heute die drittgrößte Partei in den USA. Hier treffen wir wieder auf „liberale“ politische Werte, wie sie auch Europäer verstehen, wie a smaller government, lower taxes and more freedom. Ihre Kandidaten haben bislang eher auf Kommunalebene Erfolg.

Schließlich hätten wir noch Liberace zu bieten, aber das ist eine ganz andere Geschichte …

[Zuerst vorgeschlagen von CM, vielen Dank]

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