Von der Struktur der demokratischen Partei und ganz normalen Präsidenten

April 15, 2008

Der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama hat sich in die politischen Nesseln gesetzt. Auf einem Treffen mit Anhängern in San Francisco sprach er über die einfachen Bürger in den kleinen Städten von Pennsylvania, dort, wo am 22. April die nächste Vorwahl stattfindet. Sie hätten zusehen müssen, sagte Obama, wie seit 25 Jahren ihre Jobs verschwinden, und kein Präsident, ob Demokrat oder Republikaner, habe ihnen geholfen.

So it’s not surprising then that they get bitter, they cling to guns or religion or antipathy to people who aren’t like them or anti-immigrant sentiment or anti-trade sentiment as a way to explain their frustrations.

(Fußnote: Der Bericht war ein scoop, eine Exklusivmeldung, der 60-jährigen Bloggerin Mayhill Fowler von der Online-Zeitung „Huffington Post“. Von den traditionellen Medien, die alle sie zitierten mussten, war am Wochenende von Küste zu Küste das Geräusch von knirschenden Zähnen zu hören.)

Die Reaktion seiner Gegner, seiner Rivalin und der Presse kam prompt. Dumme, verbohrte Kleinstadtbürger! wurde seine Aussage paraphrasiert. Sie verstehen die große komplizierte Welt nicht und klammern sich abergläubisch an Waffen und Religion, greifen in ihrer Verbitterung die Einwanderung und den freien Handel an. Oder einfacher: You voters are idiots, and I promise to give you what you want!

Dass Obama die Bemerkungen in San Francisco machte, half nicht wirklich, denn für viele Amerikaner sind die Kalifornier alle hochnäsige Besserwisser, die auf den Rest der Republik herabsehen.

Das Wahlteam des Republikaners John McCain wusste sofort, was es mit der Steilvorlage zu machen hatte:

It shows an elitism and condescension towards hardworking Americans that is nothing short of breathtaking … It is hard to imagine someone running for president who is more out of touch with average Americans.

Und auch Obamas Parteifreundinkollegin Hillary Clinton forderte lautstark für Amerika einen Präsidenten, der die Menschen wirklich versteht und nicht auf sie herabsieht (womit sie natürlich sich meinte). Amerikanische Kommentatoren und Blogger überschlagen sich noch heute, vier Tage später, mit Verurteilungen oder aber Erklärungen, warum Obama doch Recht haben könnte.

Oops, sagte er selbst, das war ungeschickt formuliert. Er habe niemanden verletzten wollen, bleibe aber dabei, dass es in den Kleinstädten jede Menge Verbitterung über ein „Versagen der Politik“ gebe.

Dass die Republikaner die Aussage benutzen, um Obama als einen elitären Schnösel darzustellen, wundert nicht, denn es ist Wahlkampf. Auch Clinton kann so eine Gelegenheit kaum auslassen. Der interessierte Leser mag sich allerdings fragen, warum der Streit auch unter Demokraten für völliges Entsetzen sorgt, die sich sonst aus dem Vorwahlkampf heraushalten.

Dazu muss man wissen, dass die Democrats zwei gegensätzliche Hauptströmungen vereinigen: Linke Intellektuelle (und solche, die sich dafür halten) und die klassischen blue-collar Arbeiter. Man spricht von „Wein-Demokraten“ und „Bier-Demokraten“. Wie der britische Economist es vor Wochen hellseherisch formulierte:

Mr Obama’s supporters are, mostly, the liberal version of „values voters“. They are intensely worried about America’s past sins and its current woeful image in the world. They regard Mr Obama as a „transformational“ leader — a man who can, with one sweep of his hand, wipe away the sins of the Bush years and summon up the best in their country.

Mrs Clinton’s supporters, by contrast, are kitchen-table voters. They wear jackets emblazoned with the logos of their unions. They work with their hands or stand on their feet all day. They have seen their living standards stagnate for years, and they are worried about paying their bills rather than saving their political souls.

Für den Economist war klar, dass dieser Vorwahlkampf die Partei zerreißen und McCain die Scherben aufheben wird. Ob es wirklich so kommt, werden wir bis November sehen.

Allerdings geht der Vorwurf des elitism noch tiefer und ist nicht nur ein Schimpfwort für Demokraten, die lieber Käse und Wein als Hot Dogs und Bier mögen. Auch Republikaner müssen sich hüten. Wie in jeder Demokratie wollen die Amerikaner von Leuten regiert werden, die ihre täglichen Sorgen verstehen oder sie zumindest kennen und sich nicht in der Beltway abkapseln. Eine grundsätzliche Volksnähe ist gefragt.

Das kennen wir auch aus Deutschland, wo man dafür das schönere Bild des „Raumschiffes“ Bonn oder Berlin benutzt, in dem Politiker über alle alltäglichen Probleme schweben. Zu den Leistungen der Quantenphysikerin Dr. Merkel gehört es, die Wähler davon überzeugt zu haben, dass die gute alte „Angie“ nicht nur bizarre Tiere versteht, sondern auch normale Sorgen. Helmut Kohl hatte seinen Saumagen, Gerhard Schröder seine Currywurst als symbolischen Anker zum wirklichen Leben.

(Merkel hatte als Ex-Ministerin etwas anderes im Lebenslauf, das allen drei US-Kandidaten schmerzhaft fehlt: Praktische Berufserfahrung. Das zieht immer. Clinton, McCain und Obama sind Senatoren, die nie einen echten Exekutiv-Posten hatten. Das ist in der jüngeren amerikanischen Geschichte ungewöhnlich. Bush Junior war Gouverneur von Texas, Bill Clinton Gouverneur von Arkansas, Bush Senior Vize-Präsident unter Ronald Reagan, Reagan Gouverneur von Kalifornien, Jimmy Carter Gouverneur von Georgia, Gerald Ford Vize unter Richard Nixon und Nixon Vize von Dwight D. Eisenhower. So oder so werden die Amerikaner dieses Mal die Katze im Sack kaufen.)

Allerdings: Da die Amerikaner nicht nur den Präsidenten (faktisch) direkt wählen, sondern schon die Bewerber von der Parteibasis bestimmt werden statt nach dem Beck-wird’s-und-basta-Verfahren, ist es für die Kandidaten in den USA noch dringender, ihre Volksnähe zu betonen. Besonders im Vorwahlkampf sind die groben politischen Linien gleich. Bei einem so knappen Rennen wie in diesem Jahr wird um jede Grauschattierung gekämpft.

Entsprechend hören wir seit Monaten ständig von Hillary Clinton (Anwältin, Yale), dass sie im Herzen ein einfaches Mittelschichtmädchen aus „der Mitte Amerikas“ geblieben ist und von Obama (Anwalt, Harvard), dass er in seinem kleinen Dorf in Kenia seinem Vater bei den Ziegen half. Auch McCain (Admiralssohn und -enkelsohn, Kriegsheld, Annapolis) betont, dass er eigentlich ein schlechter Pilot war und ein noch viel schlechterer Student. Übrigens mag er Abba.

Wir sind wie ihr! lautet der Ruf. Absolventen der besten Unis und richtig vermögend und – äh. Okay, vielleicht sind wir nicht mehr wie ihr. Aber wir haben die gleichen Wurzeln und haben uns durch ehrliche Arbeit by our bootstraps hochgezogen und haben dabei niemals vergessen, wo wir herkommen. Ehrlich! Und jetzt ein Bier, sonst streik‘ ich hier!

Geschichtlich gesehen ist das Ganze kurios. Die USA wurden von einem Haufen intellektueller Oberschichtpinkel gegründet – Benjamin Franklin und Alexander Hamilton waren aus der engeren Clique die einzigen, die nicht wohlhabend geboren wurden [1]. Erst nach langer Diskussion entschlossen sich die Verfassungsväter dazu, auch Nicht-Landbesitzern eine Stimme zu geben.

Allerdings: Thomas Jefferson, Autor der Unabhängigkeitserklärung, dritter Präsident und Genie der Goethe-Klasse, war so intellektuell wie man es im 18. Jahrhundert nur sein konnte. Und was tat er?

He projected a down-to-earth, relaxed and unconventional attitude and his desire to be seen as a “common man” was reflected in his penchant for receiving White House visitors in a robe and slippers.

Bleibt die Frage, ob jemand nach 220 Jahren auf die Nummer mit dem regular guy (in diesem Jahr auch regular gal) hereinfällt. In der Vergangenheit war es insbesondere die deutsche Presse.

Ich baue Erdnüsse an! schwor der Demokrat Jimmy Carter mit breitem Südstaatenakzent, und die Europäer lachten. Ein Erdnuss-Farmer als Präsident! Diese Amerikaner! Dass Carter seinen Physik-Abschluss an der Militär-Universität Annapolis machte und danach für den Aufbau der Atom-U-Boot-Flotte seine Studien in der Kernphysik fortsetzte, stand halt eher im Kleingedruckten.

Das Paradebeispiel bleibt aber Ronald Reagan. Ich war ein Schauspieler! rief er allen zu. Ich war ein Rettungsschwimmer! Dass er Wirtschaft und Sozialwissenschaften am Eureka College studierte – wenn auch nicht mit brennender Leidenschaft – weiß in Deutschland kaum jemand, wie der interessierte Leser an seiner Umgebung überprüfen mag. Irgendeinem republikanischen Wahlstrategen im Altersheim muss bis heute ganz warm ums Herz sein.

Dabei war es bei Reagan eigentlich noch viel, viel schlimmer:

One of the better jobs I had in my entire life, working my way through Eureka College, was washing dishes in the girls dormitory.

Vom Tellerwäscher zum Präsidenten. Kann es noch kitschiger kommen?

[1] An Empire of Wealth. The Epic History of American Economic Power. John Steele Gordon, Harper Perennial

%d Bloggern gefällt das: