Kleidung nach Anlass, Kleidung nach Stand

Dezember 4, 2006

Amerikaner kleiden sich aus europäischer Sicht manchmal komisch. Damit sind nicht die Tage gemeint, an denen George W. Bush gezielt das Image des „Texas Cowboy“ pflegt, auch wenn das am häufigsten in die deutsche Presse kommt. Eher gilt das für sein Auftreten nach dem Hurrikan „Kathrina“, als er für europäische Augen etwas arg lässig am Unglücksort herumspazierte.

Nun macht das aber nicht nur Bush so. Auch die Senatoren, die sich ein Bild von der Verwüstung machten, ließen ihre Krawatten zu Hause. Ex-Präsident Jimmy Carter trägt Jeans, wo es in Deutschland undenkbar wäre und Bill Clinton trug sie auch als Präsident in der Öffentlichkeit. Dass diese beiden sich so kleiden ist in den USA überhaupt kein Thema, eher diskutiert man darüber, welche Marke sie bevorzugen. Helmut Schmidt und Gerhard Schröder sieht man dagegen selbst heute fast nur in Anzügen. Und die Vorstellung, dass Helmut Kohl Jeans tragen könnte, ist geradezu verstörend.

Wir haben es hier wieder mit einem kulturellen Unterschied zwischen den USA und Europa zu tun: Vereinfacht gesagt kleiden sich Amerikaner eher nach Anlass, während bei Europäern mehr die gesellschaftliche Rolle oder soziale Stellung im Vordergrund steht. Historisch gesehen können wir in Europa von Kleidung nach Stand sprechen: Im Mittelalter war es per Gesetz festgelegt, was ein Bauer, Handwerker oder Adeliger tragen durfte, bis hin zur Farbe des Stoffes und der Länge der Ärmel. Das hallt bis heute noch nach, wie das kurze Nicken beim Händeschütteln. In der Neuen Welt wurde das zusammen mit dem Adel abgelegt und durch neue Konventionen ersetzt.

Diese Faustregel gilt zwar nur begrenzt, wie wir sehen werden. Aber wo sie gilt, sorgt sie für Missverständnisse und Kopfschütteln.

Früher gab es dazu einen Klassiker: Die Hausfrau im Supermarkt. Eine Amerikanerin, die mit Lockenwicklern und abgefuckter Hose Hot Dogs und Root Beer kaufen ging, war für Europäer das Zeichen für die angebliche Kultur- und Stillosigkeit der USA. Umgekehrt war es für Amerikaner völlig unpassend, um nicht zu sagen lächerlich, wenn sich eine Deutsche schminkte und feine Kleidung anzog, nur um sich aus dem Laden um Ecke ihre Bratwürste und ihren Sauerkraut zu holen – completely overdressed lautete das vernichtende Urteil. Inzwischen hat sich das auf beiden Seiten des Atlantiks entschärft. Die 50er Jahre sind halt eine Weile her.

Heute sieht man den Unterschied eher in der Politik und Wirtschaft. Als US-Firmenchef taucht man zu Präsentationen durchaus lässig auf. Das, nun, einprägsamste Beispiel ist Steve Ballmer von Microsoft bei seinem Monkey Dance. Deutsche Wirtschaftsbosse haben es nicht nur nicht mit dem Tanzen (was wohl auch besser so ist), sie bleiben bei ihren Anzügen. Die Idee, dass ein Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in der Öffentlichkeit Jeans oder gar Turnschuhe tragen könnte, ist so abenteuerlich wie Kohl in einer stone washed. Ein Mann in dieser Position trägt so etwas nicht öffentlich, ähnlich wie die Queen ihre Hunde nicht im Trainingsanzug im Garten Gassi führt.

Ein ausdrücklich informelles Treffen kann in den USA aber durchaus Jeans für die höchsten gesellschaftlichen Ränge bedeuten, denn die Kleiderordnung legt der Gastgeber fest und man hat sich als Gast gefälligst daran zu halten. Als Jacques Chirac 2004 zum G8-Gipfel auf Sea Island als Einziger im Anzug auftauchte, lag das also entweder an einem Versagen seines Stabes oder er wollte den Leuten in der alten Heimat irgendwas signalisieren. Auf seine Gastgeber wirkte er bestenfalls unpassend angezogen, eher aber grob unhöflich.

Umgekehrt kann auch ein formeller Anlass für die (vergleichsweise) unteren Schichten formelle Kleidung bedeuten. Die dress codes in Restaurants sind so ein Beispiel. Der Sinn dahinter verschließt sich hier selbst zum Teil den sonst wesensverwandten Briten: Phil Collins‘ Album „No Jacket Required“ erhielt seinen Namen weil der gebürtige Engländer nicht verstand, warum er in Chicago nicht mit seiner schönen Lederjacke in eine Bar mit Jackett-Zwang hineingelassen wurde.

Ein weiteres gutes Beispiel, das dann aber auch die Grenzen dieser Faustregel zeigt, sind die Grünen. Als sie 1983 in den Bundestag einzogen, trugen sie Turnschuhe, Latzhosen und Strickpullis und demonstrierten damit ihre „alternative“ Weltsicht. Ihre Stammwähler liebten sie dafür. Wer wie Jürgen Trittin im Laufe der Jahre zu Anzügen wechselte, musste sich sogar fast rechtfertigen. Ökos in Anzügen sind in Europa verdächtig.

In den USA ist es dagegen undenkbar, dass man sich im Kongress nicht fein anzieht, denn das wäre ein Beleidigung für den ganzen demokratischen Prozess, ein Zeichen, dass man das Volk nicht respektiert. Die Bürger erwarten, dass man die Sache ernst nimmt und dazu gehört nun mal formelle Kleidung, egal ob man Kernkraftwerke mag oder nicht. Amerikanische Öko-Promis wie Ralph Nader tragen Anzüge. Auch die 60er Jahre sind lange vorbei.

Allerdings: Auch jede Menge Deutsche waren entsetzt über den Auftritt der Grünen und selbst der grünste deutsche Öko trägt zu Beerdigungen schwarz. Der „Medienkanzler“ Gerhard Schröder trug bei der Jahrhundertflut 2002 auch demonstrativ keine Krawatte (der spätere Wahlverlierer Edmund Stoiber blieb klassisch). Joschka Fischer wechselt seine Kleidung inzwischen fast wie ein Amerikaner. Über Trittin haben wir schon gesprochen. Damit hätten wir wohl auch die 80er abgehakt.

Es gibt auch sonst keinen Mangel an Gegenbeispielen, denn: In den USA geht nicht alles nach Anlass und in Europa nicht alles nach Stand. Die Faustregel kann einige wichtige Unterschiede erklären, aber die Kleiderkonventionen sind in beiden Kulturen zu komplex, als dass wir sie hier auch nur umreißen können. Dazu gehört auch dieses komische Ding namens „Mode“, das die Schönste Germanin in regelmäßigen Abständen diesem Autor vorstellt, in der Hoffnung, dass er endlich versteht, was man damit machen soll. Letztens wurden ihm die 501s gestrichen, einfach so, nach zwölf Jahren. Sehr seltsam.

Kleidung gilt auf beiden Seiten des Atlantiks inzwischen mehr als Art, ein persönliches statement abzugeben. Apple-CEO Steve Jobs ist für seine schwarzen Rollkragenpullis und Turnschuhe berühmt, die er anscheinend immer trägt. Sein Gegenspieler Bill Gates von Microsoft will bestimmt auch etwas aussagen, allein, niemand weiß so recht was.

Solche Statements halten auch Einzug in die Politik, wie US-Außenministerin Condoleezza Rice zeigt. Im Februar 2005 trug sie bei einem Besuch in Wiesbaden kniehohe schwarze Lederstiefel mit Pfennigabsätzen. Weltweit überstürzte sich die Presse mit Interpretationen und Analysen von the boots und zog Parallelen zu The Matrix (womit wir doch wieder Carrie-Anne Moss eingebaut hätten). Was überhaupt der Anlass des Besuchs war, ging völlig unter.

Ob das auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Alternative wäre, lassen wir dahingestellt.

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