Kulturelle Missverständnisse per Händedruck

August 27, 2006

Dieser Autor kommt oft in Situationen, wo er nicht nur Deutschen etwas über die USA erzählen muss, sondern auch Amerikanern etwas über Deutschland. Eines der ersten Dinge, die er seinen Landsleuten nach der Ankunft erklärt – ziemlich direkt nach I’m afraid there are speed limits on some of them und Never touch a German’s car without permission – ist die Sache mit dem Händeschütteln.

Deutsche lieben es, sich die Hand zu geben. Sie können nicht genug davon kriegen. Sie tun es vor einer Geschäftssitzung und nach einer Geschäftssitzung, sie tun es mit Unbekannten, mit Bekannten, mit Freunden, manchmal sogar mit ihrer eigenen Familie, selbst in ihren eigenen vier Wänden. Amerikaner, die sich nur beim ersten Kennenlernen und bei sehr formellen Anlässen die Hand geben, kommen sich vor wie in einem Trainingscamp für Nachwuchspolitiker. Wer wem wann in Deutschland die Hand zuerst gibt ist für sie am Anfang ein schwieriges Thema.

Nun wäre das alles nur einer dieser lustigen kulturellen Unterschiede wie die Sache mit den Tischmanieren, wenn es nicht ein gewisses Detail bei der Ausführung des Händedrucks gäbe. Denn Deutsche machen beim handshake eine ganz kleine Verbeugung, ein kurzes Nicken, auch wenn es ihnen selbst oft nicht auffällt. Amerikaner bleiben dagegen kerzengrade stehen und halten den Kopf hoch.

Amerikanern fällt das deutsche Nicken auf, etwa so wie ein Deutscher merkt, wenn ein Japaner beim Händeschütteln instinktiv seine halbe Verbeugung macht. Sie finden es eher reizend und spekulieren schon mal, ob es ein Überbleibsel der ständigen Verbeugungen vor dem Lehnsherren ist – das Kaisertum wurde ja irgendwie erst Vorgestern oder so abgeschafft. Für sie gehört das zum Charme der Alten Welt. Nur der Handkuss macht mehr Spaß.

Die Probleme gibt es in der anderen Richtung. Der Deutsche merkt, dass irgendwas fehlt, dass der Amerikaner etwas ausgelassen hat, und empfindet ihn, ohne dass er genau sagen könnte, warum, instinktiv als arrogant, abweisend, im Extremfall hochnäsig – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das, obwohl vielleicht noch kein Wort gewechselt wurde.

In Benimmregeln für Manager steht daher unter „Germany“ auch schon mal etwas wie:

[A] handshake may be accompanied with a slight bow. Reciprocating the nod is a good way to make a good impression, as failure to respond with this nod/bow (especially a superior) may get you off to a bad start.

Was zeigt uns dieses Beispiel? Das selbst die grundlegendsten Dinge in den USA anders ablaufen können als in Europa. Amerikaner sind (inzwischen) mehr als nur „herausgeworfene Europäer“, zumindest was ihr Verhalten angeht. Die Unterschiede im täglichen Umgang sind zwar nicht so groß wie bei, sagen wir mal, den Chinesen. Aber sie sind da und wenn man sie ignoriert, gibt es Probleme. Deswegen werden wir hier auch immer wieder auf die wichtigsten Fallen hinweisen.

Die gute Nachricht: Wer erstmal weiß, dass es diese Unterschiede gibt, kann sich wappnen. Wir müssen sie nur etwa 300 Millionen Amerikanern und 80 Millionen Deutschen erklären. Verglichen mit anderen Herausforderungen – die Sache mit dem Popcorn zum Beispiel – ist das eine reine Fleißarbeit.

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