Neue Flaggenprobleme zur WM: Das aufrechte Sternenbanner

Juni 19, 2010

Die Familie Stevenson hatte schon bei der vorherigen Fußball-Weltmeisterschaft gewisse Flaggenprobleme. Jetzt gibt es neue. Denn die Schönste Germanin hat weder Kosten noch Mühe gescheut, damit neben der deutschen Flagge auch eine amerikanische auf dem Auto steht, gehalten von einer dieser Plastikstangen, die im Fenster eingeklemmt werden.

So weit, so gut. Aber jetzt muss dieser Autor dafür sorgen, dass das Sternenbanner bloß aufrecht stehen bleibt und nicht ständig vor zu zurück wackelt. Vor allem so nah am Flag Day (14. Juni) macht sich das nicht gut.

Denn die amerikanische Fahne darf grundsätzlich nicht geneigt oder gesenkt werden (to dip the flag), außer es handelt sich um eine schräge, statische Befestigung an einer Wand. Die Flaggenvorschriften (Flag Code) sagen ausdrücklich (Hervorhebung hinzugefüg):

No disrespect should be shown to the flag of the United States of America; the flag should not be dipped to any person or thing.

Wer statt Fußball Sportarten bevorzugt, deren Spiele nicht selbst auf Welt-Ebene ständig 0:0 ausgehen, kennt das Ritual: Vor einer Partie wie dem Superbowl marschieren Soldaten mit Fahnen auf, die color guard. Die US-Flagge wird dabei immer (von sich aus gesehen) ganz rechts geführt. Dann ertönt die Nationalhymne und alle Flaggen werden leicht nach vorne geneigt. Alle Flaggen? Nein, der Soldat mit dem Sternenbanner scheint zu pennen [JPG], denn der macht nicht mit. Tatsächlich soll das so sein: Das Sternenbanner verneigt sich vor niemanden.

Es gibt in den USA einige Mythen zu dieser Regel.

Der erste Irrglaube besteht darin, dass nur die Amerikaner so arrogant sind und sonst alle Staaten bei gegebenen Anlässen in braver Demut ihre Nationalflagge senken. Fünf Minuten mit Google zeigen, dass dem nicht so ist: Unter anderem haben auch Kanada, die Philippinen und Indien [PDF] diese Regel.

(Die Briten nicht, denn offenbar gibt es gar keine Flaggengesetze auf der Insel – hey, wer keine geschriebene Verfassung hat, braucht so etwas wohl erst recht nicht. Trotzdem ist die Aufregung groß, wenn der Union Jack auf den Kopf gestellt wird.)

Dann hätten wir noch die Mär, dass die Amerikaner zuerst bei den Olympischen Spielen 1908 in London die Sitte einführten und ab dann nie wieder die Fahne neigten (der Flag Code wurde 1942 Gesetz). Zwar weigerte sich wirklich der Leichtathlet und Flaggenträger Ralph Rose, König Edward VII. so zu ehren. Allerdings gab es von 1908 bis 1936 keine einheitliche Regelung bei den Olympischen Spielen: Mit dem ‘rauf und ‘runter ging es hin und her. Erst als von den USA erwartet wurde, Adolf Hitler so zu ehren, war endgültig Schluss. Die Briten studierten dagegen schon mal ihre Appleasement-Politik [JPG] ein.

Inzwischen gehört die streng senkrecht gehaltene Flagge zu den Erfolgen des amerikanischen Kulturimperialismus:

By the 1992 Albertville Winter Olympics (…), 60 of the 64 flag-bearers adopted the American habit and refused to dip.

Wie das bei den jüngsten Spielen aussah, hat dieser Autor nicht herausfinden können.

Der nächste Mythos: Früher oder später wird im Zusammenhang mit den Spielen von 1908 der amerikanische Leichtathlet Martin Sheridan mit folgenden Worten zitiert:

This flag dips to no earthly king

Es gibt dazu einen eigenen Handlungsstrang, der mit dem Protest gegen die britische Herrschaft über Irland zu tun hat – Sheridan war wie viele US-Athleten dieser Spiele irischer Abstammung – aber das überspringen wir hier. Wichtig ist: Ob Sheridan diesen Satz wirklich gesagt hat, ist umstritten. So oder so ist der Spruch in die Geschichte eingegangen, weil er den Grundgedanken hinter dem Verbot gut zusammenfasst.

Trotzdem gibt es immer wieder Leute mit mangelnder Mutterlandsliebe, lichtscheues Gesindel und fiese Kryptokommunisten, die die Nationalflagge dippen. Dazu gehören, äh, auch die protestantischen Kadetten der Naval Academy in Annapolis. Dort gibt es seit Jahrzehnten die einzigartige Sitte, beim Gottesdienst am Sonntag die US-Flagge vor dem Altar zu senken. Der Leiter der Universität, Vize-Admiral Jeffrey L. Fowler, untersagte die Praxis zwar vorübergehend, ließ sie dann aber aus unbekannten Gründen wieder zu. Bürgerrechtsgruppen wie die Military Religious Freedom Foundation schäumen vor Wut:

Such profound duplicity and cowardice fatally disgraces the U.S. Naval Academy, the U.S. Navy, and the entirety of our American armed forces, all of whom have taken a sacred blood oath to protect and defend, support and serve the Constitution of the United States … not the New Testament.

Dürfen die Kadetten das? Nun, wie besprochen ist der Fahnencode zwar ein Bundesgesetz. Er ist aber selbstverständlich der Meinungsfreiheit nach dem First Amendment untergeordnet. Sprich, man kann mit der amerikanischen Flagge (im Gegensatz zu der deutschen) straffrei alles tun, was man will [Fotostrecke], einschließlich sie zu verbrennen. Und eben auch vor einem Alter senken, wenn man unbedingt will.

Trotzdem verspürt man als anständiger Amerikaner einen gewissen Seelenpein, wenn die Fahne auf dem Auto zu stark hin und her wackelt. Wie sieht denn das aus? Spätestens bis zum Einzug der USA ins Finale werden wir das Problem gelöst haben müssen …

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