Die Fußball-WM und andere Fahnenprobleme

Mai 24, 2006

Sportereignisse wie die Fußball-WM stellen binationale Ehen vor die erstaunlichsten Probleme. Die Schönste Germanin versucht nun schon seit Wochen, für Kind Nummer Eins ein amerikanisches Trikot zu finden, damit sie es in der Mitte zerschneiden und an ein ähnlich behandeltes deutsches Trikot nähen kann. Die Nachfrage nach dem US-Dress in Kindergröße scheint aber in Berlin so groß zu sein, dass alle Trikots schon ausverkauft sind – oder so. Die Alternative wäre, ein weißes oder blaues T-Shirt in Größe 110 zu nehmen und selbst ein (halbes) Trikot zu malen, auch wenn das Design vermutlich markengeschützt ist und die FIFA böse werden würde.

Nur hat man als Amerikaner aber eine gewisse Hemmung davor, Staatssymbole selbst zu malen, denn die amerikanischen sind so unglaublich kompliziert. Bei der Flagge kommt man nicht einfach mit drei Streifen durch, sondern hat gleich 13 und muss sich merken, dass Rot außen ist. Das Sternenfeld muss in die richtige Ecke, der Abstand zwischen den Sternen ist geregelt und 50 Stück zu malen ist eh kein Spaß. Andere Symbole sind auch nicht besser: Während die Deutschen vernünftig genug waren, einen abstrakten Adler zu nehmen, wird sein amerikanischer Amtskollege nicht nur Feder für Feder gezeichnet, sondern schleppt auch jede Menge Zeugs wie Olivenzweige, Pfeile und beschriftete Banner mit sich herum. Auf dem Schild auf seiner Brust sind zwar auch 13 Streifen, aber jetzt ist weiß außen. Kein Wunder, dass auf T-Shirts oft nur „U.S.A.“ steht.

Die Komplexität kommt durch die Symbolik. Die 13 Streifen, ob mit weiß oder mit rot außen, stehen für die ursprünglichen Kolonien. Jeder Bundesstaat kriegt einen Stern. Letzteres bedeutet, dass sich die Fahne auch im Laufe der Zeit ändert. Sollte Puerto Rico irgendwann von einem (von der Einkommensteuer des Bundes befreiten) US-Commonwealth zu einem echten Bundesstaat werden, müsste ein weiterer Stern eingefügt werden, irgendwie. Es hätte allerdings noch schlimmer kommen können. Zuerst war geplant, dass auch jeder Bundesstaat ein Streifen kriegen sollte. Eine ganze Zeit lang gab es eine Fahne mit 15 Streifen, bevor jemand mit ausreichendem Weitblick dem ein Ende machte.

Die höhergeordnete Symbolik ist dabei etwas anders als in Deutschland. Die Fahne wird weniger als Zeichen „des Bundes“ oder „der Nation“ verstanden, sondern eher als Symbol für die Rechte des Bürgers, der freiheitlichen Grundordnung, für die Republik. Die Regierung sieht das zwar anders und redet gerne von dem Symbol der Nation, ihrer Stärke und anderen mutmaßlich inspirierenden Dingen. Aber es fällt auf, dass Amerikaner gerade bei Protesten gegen die Regierung die Fahne mitschleppen, was in der Bundesrepublik zumindest bis zur Wende praktisch nie zu sehen war. Wir sind das Volk, sozusagen, ergänzt durch durch den Nachsatz: und es ist unsere Flagge!

Was auch der Grund ist, warum Amerikaner so gereizt reagieren, wenn andere Amerikaner das Sternenbanner misshandeln. Über Ausländer, die US-Fahnen verbrennen, ist man zwar nicht glücklich, aber das wird schon als Protest gegen die US-Politik verstanden. Außerdem: Wenn ein totalitärer Staat mal wieder von oben eine Massenverbrennung der Stars and Stripes anordnet, ist das eher ein Kompliment. Von einem US-Bürger erwartet man dagegen, dass er die Fahne als Zeichen seiner Freiheiten versteht. Die Flagge zu entweihen bedeutet, so das Argument, das Andenken von Menschen wie Martin Luther King Jr. zu beschmutzen.

Die Fahne zu verteidigen ist in den USA daher kein Zeichen von Hypernationalismus, oder zumindest nicht zwingend. Für Deutsche, die ein distanziertes Verhältnis zu ihrer Flagge haben, sie nicht in ihre Vorgärten stellen und auch nicht bei schlechtem Wetter ins Haus holen, damit ihr nicht kalt wird, kann das erfahrungsgemäß etwas schwierig zu verstehen sein.

Juristische Unterschiede gibt es auch. Während die Zeichen des Staates in Deutschland nach StGB § 90a geschützt sind, hat der Supreme Court der USA in Texas v. Johnson und United States v. Eichman festgestellt, dass weder Bund noch Bundesstaaten eine Misshandlung des Sternenbanners verbieten dürfen: Das höchste Gut der US-Verfassung, die Meinungsfreiheit nach dem ersten Verfassungszusatz (First Amendment)), ist wichtiger als jedes nationale Empfinden. Das Sternenbanner kann in den USA also ganz legal verbrannt werden. Versuche empörter Kongressabgeordneter, den Schutz der Fahne in die Verfassung aufnehmen, sind bislang gescheitert.

Das heißt nicht, dass es keine Regeln für den Umgang mit der Flagge gibt. Im Gegenteil, der offizielle Flag Code enthält mehr Vorgaben als eine japanische Tee-Zeremonie. Demnach darf die Fahne nicht für die Werbung benutzt werden, nicht auf Wegwerf-Artikeln (insbesondere Schnäuztücher) oder Kleidung (sprich, Trikots) auftauchen, nicht als Gardine dienen, man darf sie nicht zusammenknüllen, mit irgendwelchen Bildern oder Buchstaben bekleben, nicht über Autos oder andere Fahrzeuge legen und sie darf um Himmels Willen den Boden nicht berühren. Fünf Minuten in jedem amerikanischen Kaufhaus zeigen allerdings, dass sich der durchschnittliche US-Bürger um die meisten dieser Vorgaben nicht schert.

Schon eher befolgt werden die Regeln, wie die Fahne aufgestellt werden soll: Keine andere Fahne darf höher hängen, an Straßenkreuzungen wird das Sternenfeld nach Norden oder Osten ausgerichtet und an der Wand gehört es oben links hin, um nur einige zu nennen. Alte Fahnen sollen „würdevoll“ entsorgt werden – und zwar möglichst durch verbrennen. Damit dürften allein die amerikanischen Pfadfinder im Jahr mehr US-Fahnen verbrennen als der ganze Nahe Osten zusammen.

Was aber alles nicht bei dem Problem hilft, was mit Kind Nummer Eins und der Fußball-Weltmeisterschaft zu machen ist. Vermutlich ist es am einfachsten, dem binationalen Nachwuchs je nach Bedarf die entsprechende Fahne in die Hand zu drücken. Ganz unproblematisch ist das allerdings auch nicht: Der größte Nutzen einer Fahne, egal welcher, besteht seiner Meinung nach darin, durch wildes Umherschwenken und Gebrüll die Katze zu terrorisieren.

Die wirklich wichtigen Verbote stehen nie in Büchern.

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