Über die Verwendung von „gay“ unter angelsächsischen Jugendlichen

Januar 17, 2014

Dieser Autor hat, wie mehrfach in diesem Blog angedeutet, absolut keine Ahnung von Fußball, trotz der ständigen Nachhilfeversuche von Kind Nummer Zwei. Daher war seine erste Reaktion auf die Flut von Medienberichten nach dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger ein verwirrtes „wer“? Zum Glück war die Schönste Germanin zur Stelle, die nicht nur weise, sondern auch klug ist.

Nun würde sich eine Diskussion über den Begriff facepalm anbieten, aber wir wollen uns ein anderes Thema vornehmen: Eine besonders unter angelsächsischen Jugendlichen geläufige Verwendung des Wortes gay, die Außenstehende verwirren kann.

Zuerst müssen wir festhalten, dass gay an etwas leidet, das Programmierer als operator overloading bezeichnen: Es hat je nach Zusammenhang eine unterschiedliche Bedeutung. Die älteren Verwendungen — Shakespeare und so — gehen in Richtung „fröhlich, heiter“ bei Personen und „knallbunt, schrill“ bei Farben. Inzwischen sind beide überwiegend von „homosexuell“, genauer gesagt „schwul“, verdrängt worden. Das dürfte dem interessierten Leser am vertrautesten sein.

Allerdings listet beispielsweise die Oxford University Press eine vierte Bedeutung auf:

informal, offensive foolish, stupid, or unimpressive

Stupid trifft es nach dem Sprachgefühl dieses Autors nicht ganz, eher wäre für ihn lame (lahm, öde) angebracht. Die New York Times bietet als Beispiel:

In a circle of 13-year-olds, „That’s so gay!“ might translate to: „Only ding-dongs go to the movies on Saturday when anyone who is anyone goes to the movies on Wednesdays.“

Am Ende ist das Haarspalterei, denn so oder so ist gay in diesem Zusammenhang abwertend, eine Beleidigung.

Verwendet wird That’s so gay von Jugendlichen auf beiden Seiten des Atlantiks. Einer britischen Studie zufolge war gay vor einigen Jahren das am häufigsten verwendete Schimpfwort auf den Schulhöfen des Landes. Die Erwachsenen sind entsetzt — das ganze Bemühen um eine tolerantere Gesellschaft, und dann kommt so etwas von der Generation, für die bekennende Homosexuelle zum Alltag gehören sollten. Die Schockwirkung dürfte die Verwendung bei den Rotzblagen natürlich noch gefördert haben.

Es gibt das Argument, dass die beiden Verwendungen so gar nichts miteinander zu tun haben. Wir kennen diese Sichtweise aus Deutschland, wo Ausländern die Kinnlade herunterfällt, wenn sie das erste Mal das Wort „getürkt“ hören. Der BBC sagt ein Experte zu der Schulhof-Studie von 2008:

„I have interviewed scores of school kids about this and they are always emphatic that it has nothing at all to do with hostility to homosexuals,“ […] „It is nearly always used in contexts where sexual orientation and sexuality are completely irrelevant.“

Homosexuellen-Verbände sehen das schon allein wegen der Selbstmordrate unter schwulen und lesbischen Jugendlichen nicht so locker. In Großbritannien — um heute mal auf der Insel zu bleiben — läuft eine Kampagne gegen diese Art der Verwendung in den Schulen. Darunter:

„Your so gay.“ — Can you spot two common mistakes?

Die Briten wären keine Angelsachsen, wenn sie nicht mit einem Wortspiel dagegen vorgehen würden. Der Slogan lautet:

Homophobia is gay

Die New York Times spekuliert in dem oben verlinkten Artikel, dass die Formulierung ohnehin langsam den Weg aller Jugendbegriffe geht. Eine 14-Jährige erklärt der Zeitung, gay habe sie benutzt, als sie kleiner war. Heute halte sie das für falsch und zieht folgende Konsequenz:

I’d much rather call someone a loser.

Vielleicht noch nicht ganz das, was man sich wünschen würde, aber immerhin.

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