Wie das US-Wahlsystem automatisch radikale Parteien herausfiltert (am Beispiel von Mass Effect)

September 2, 2013

Wir wollen uns heute anlässlich der Bundestagswahl mit einem Aspekt des amerikanischen Wahlsystems befassen, den wir zwar angedeutet haben — zum Beispiel im Eintrag, warum Nicht-Wählen in den USA nicht so schlimm ist — aber bislang nicht direkt angesprochen haben. Es geht darum, dass radikale Gruppen wie Neonazis und Kommunisten herausgefiltert werden, ohne dass es einer Fünf-Prozent-Hürde bedarf. Tatsächlich sind alle kleineren Gruppen davon betroffen.

Der Mechanismus ist eigentlich nicht kompliziert. Da in den USA die Abgeordneten nach dem Mehrheitswahlrecht innerhalb eines begrenzten Gebiets gewählt werden — Wahlkreise für das Repräsentantenhaus, Bundesstaaten für den Senat — siegt in Amerika der Kandidat, der dort den Durchschnitt der Volksmeinung anspricht (mathematisch korrekter wäre wohl der Modalwert, aber das lassen wir jetzt).

Dagegen stehen in Kontinentaleuropa (stark vereinfacht) Parteien landesweit zur Wahl. So werden die Stimmen von Minderheiten gebündelt und ihre Vertreter können ins Parlament einziehen.

Ein Beispiel.

Nehmen wir an, in den USA und Deutschland bildet sich zur jeweils nächsten Wahl die Mass-Effect-Partei. Sie will Commander Shepard, die Retterin (wahlweise der Retter, je nach Einstellung) des Universums, zur Präsidentin beziehungsweise Kanzlerin machen. Wer wäre ein besserer Diplomat als Wrex [YouTube], argumentieren sie, und Tali’Zorah nar Rayya vas Normandy [YouTube] sei die geborene Technikministerin. Der Wahlspruch lautet nicht „Yes we can“ sondern natürlich „I should go“ [YouTube].

In beiden Staaten begeistern sich zehn Prozent aller Wahlberechtigten für die Mannschaft der Normandy. Alle stehen am Wahltag in ihren N7-T-Shirts artig an der Urne (in Oregon schicken sie alle ihre Stimmzettel ein). Was kommt dabei heraus?

In Deutschland schaffen sie problemlos die Fünf-Prozent-Hürde: Die Grünen-Wähler laufen zu ihnen über (saubere Energie durch Eezo, Frauen in Führungspositionen, über jeden Verdacht des Rassismus, der Homophobie und der Behindertenfeindlichkeit erhaben) und auch die FDP kann nicht mithalten (Kasumi Goto als Finanzministerin). Shepard wird zwar nicht Kanzlerin, aber ihre Partei kann sich die Union oder SPD als Koalitionspartner aussuchen.

[Fußnote für Fans: Unter anderem, weil Shepard nur eine einzige Forderung stellt: Liara T’soni soll BND-Chefin werden. Zwei Wochen nach ihrem Amtsantritt wird T’soni in einem beispiellosen Vorgang auch Chefin des US-Geheimdienstes NSA, wo sie sofort das PRISM-Programm als „lächerlich primitiv“ einstellt.]

In den USA scheitert die Partei dagegen komplett.

Kein einziger Kandidat schafft es in den Kongress, geschweige denn ins Präsidialamt. Warum? Zwar stimmen zehn Prozent der Wähler auch hier für die Reaper-Killer, und Shepards Status als Kriegsveteranin hilft ihnen bei Umfragen enorm. Aber die Kandidaten der Demokraten und Republikaner bekommen einfach mehr Stimmen. Die Mass-Effect-Partei bleibt wie die amerikanischen Grünen oder auch die Kommunisten politisch irrelevant.

Ist das jetzt ein bug oder ein feature des amerikanischen Systems? Das kann man sehen, wie man will. Dass radikale Splitterparteien schon strukturell keine Chance haben, macht es (nachweislich, könnte man nach 230+ Jahren argumentieren) stabil. Auf der anderen Seite haben kleinere Gruppen erstmal keine Stimme in der Legislative. Der Kongress bildet nur grob die Struktur der Bevölkerung ab, was man zum Beispiel gut an dem Mangel an Atheisten dort sieht.

Dann kann man nur froh sein, dass Shepard immer einen Weg findet.

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