Der endlose und erbittert geführte Streit über den geteilten Infinitiv

August 11, 2013

NSA-Überwachung? Telefondaten-Schnüffelei? Alles Kleinkram. Für wirklich tiefgehende Empörung musste man sich in den vergangenen Tagen an einen Liebhaber der englischen Sprache wenden. Denn ausgerechnet das altehrwürdige Wirtschaftsmagazin The Economist hat angeblich einen Infinitiv geteilt. Einen Infinitiv! Einfach so!

Das Language Log zitiert den kontroversen Satz und hebt dabei die kritische Stelle hervor:

These approximations allow a computer to cope with the problem, yet are sufficiently similar to many real places for the conclusions drawn from them to, as it were, hold water.

Da sieht man es: Zwischen dem to und dem hold ist mehr als nur ein Leerzeichen. Kann es wirklich sein, dass der Economist nach 170 Jahren schwach geworden ist und einen split infinitive zugelassen hat? Kennt die Barbarei keine Grenzen mehr? Ist das Abendland jetzt endgültig dem Untergang geweiht?

Nein, schreibt Geoffrey K. Pullum in dem Blog. Es handelt sich nur um eine parenthetical interruption, ein Einschub, der überall stehen kann. Das britische Magazin bleibt — aus Pullums Sicht — weiter stilistisch in einer finsteren sprachlichen Vorzeit gefangen.

It’s basically an exception that merely proves the rule: my favorite magazine still has a usage policy which on some points is stuck in the dark ages of the 19th century.

Kein Sprachstreit im Englischen erregt die Gemüter so sehr und seit so langem wie der über den getrennten Infinitiv. Zusammenfasst geht es darum, ob man

to boldly go where no man has gone before

sagen darf, wie es bei Star Trek in der Anmoderation heißt, oder ob die Serie nicht eigentlich

to go boldly where no man has gone before

als Motto haben müsste (der britische Autor Douglas Adams griff in The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy den Streit mit dem Satz to boldly split infinitives that no man had split before auf).

Historisch gab es die erste Konstruktion im Englischen bereits im 14. Jahrhundert. Dann wurde sie zwischendurch kaum benutzt, um im 19. Jahrhundert wieder aufzutauchen. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorstellung unter einigen Sprachwissenschaftlern, dass man das nicht machen dürfe, weil … nun … also … es sich irgendwie nicht gehört, to und den Infinitiv zu trennen.

(Ältere germanische Semester werden sich an dieser Stelle an eine ähnlich gut begründete Regel aus ihrem Deutschunterricht erinnern:

Trenne niemals s und t, denn es tut den beiden weh

Diese Regel gilt nicht mehr.)

Als angeblich stichhaltigeres Argument wird angeführt, dass man Infinitive im Lateinischen nicht trennen dürfe, und dass es deswegen auch nicht im Englischen gemacht werden sollte. Auch das ist nicht viel überzeugender. Englisch ist nicht Latein, wie wir spätestens seit Romanes eunt domus! [YouTube] wissen.

(Die gleiche Logik mit dem Latein ist übrigens daran Schuld, dass es im englischen Wort für „Insel“, island, heute ein stummes „s“ gibt. Auch island stammt nicht aus dem Lateinischen.)

Entsprechend sagt die überwältigende Mehrheit der englischen Stilberater und Sprachwissenschaftler beiderseits des Atlantiks, dass am split infinitive nichts auszusetzen sei. Selbst der Economist schreibt in seiner Stilfibel:

Happy the man who has never been told that it is wrong to split an infinitive: the ban is pointless.

Warum dann noch die Aufregung, Jahrhunderte später? Warum lässt der Economist dann selbst keine getrennten Infinitive zu? Nun, der Eintrag in der Fibel geht weiter:

Unfortunately, to see it broken is so annoying to so many people that you should observe it.

Eine kleine aber lautstarke Minderheit von Stilwächtern — häufig mit dem uns schon bekannten Titel grammar nazis bedacht — hält eisern an der Regel fest und erhebt ein wütendes Protestgeheul, wann immer jemand einen Einschub wagt. Wer wie der Economist seine Ruhe haben will, vermeidet es einfach.

Auch das praktisch veranlagte Grammar Girl nennt die Vorschrift einen „Mythos“, rät aber, die Trennung bei gewissen Texten zu vermeiden, weil einige Leute halt an „erfundene Grammatikregeln“ glauben.

I would never split an infinitive in a pitch letter to an editor, for example, because there are certainly editors out there who believe the myth.

Anders formuliert ist das für einige Leute ein Aufregerthema, egal, ob das Sinn macht oder nicht. Der interessierte Leser kennt solche Vorgänge auch von gewissen Mitmenschen, zum Beispiel die, die im vergangenen Satz lieber ein „Sinn ergibt“ gelesen hätten, auch wenn die Masse der Germanen inzwischen „Sinn macht“ sagt. Nur dass in diesem Fall nicht nach ein ein oder zwei Generationen die neue Form akzeptiert wurde, sondern kein Ende des Streits in Sicht ist.

Was macht der Ausländer in einer solchen Situation? Wie bei dem veralteten whom kann man den Status des geeinten Infinitivs als Bildungsmarker eiskalt ausnutzen und jede Trennung vermeiden. Man muss nur mit dem Wissen leben, dass man sich damit einer Art Sprachterror beugt. Aber hier ist wohl selbst der NSA machtlos.

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