Warum amerikanische Journalisten Obamas Pronomen zählen

September 6, 2012

Wer die Berichterstattung der US-Medien über den Präsidentschaftswahlkampf verfolgt, dürfte etwas Seltsames bemerkt haben: Amerikanische Journalisten verbringen ihre Zeit damit, in den Reden von Politikern die Pronomen zu zählen. Nehmen wir die „New York Times“ zu einer Rede des Republikaners Chris Christie vor etwa einer Woche auf dem Nominierungsparteitag für Mitt Romney:

By my count, Mr. Christie used the word „Romney“ six times in his address. He used the word „I“ 30 times, plus a couple of „me’s“ and „my’s“ tossed in for seasoning.

Deutsche Journalisten machen so etwas (bislang) nicht. Sie interessiert eher, ob die Ansprache mit „Bürgerinnen und Bürger“ anfängt. Was machen die Amis da schon wieder?

Amerikanischen Politikern wird vorgeworfen, viel zu viel über sich selbst zu reden statt darüber, was „wir“ als Volk, Nation oder Gemeinschaft tun können. Um diese Behauptung zu belegen, zählen die Journalisten, wie häufig die Kandidaten Wörter wie „ich“, „mein“ und so weiter verwenden.

Es gibt zwei Hauptvarianten des Vorwurfs. Der „allgemeine“ lautet, dass Präsidenten nach der Amtsübernahme plötzlich anfangen, ständig über sich zu sprechen. Das wird imperial „I“ genannt, eine Anspielung auf das royal „we“ der Könige, dem Pluralis Majestatis. Der „spezielle“ Fall wirft Präsident Barack Obama vor, mehr über sich selbst zu sprechen als jedes andere US-Staatsoberhaupt vor ihn. Das wird teilweise ohne Quelle als Fakt dargestellt, wie hier in „Forbes“:

No other presidents in history have made so many speeches, appeared on television so many times, and used the pronouns „I“ and „my“ so many times.

Ja, aber stimmt das denn? Dieser Autor hat ehrlich gesagt interessantere Dinge im Leben zu tun als Pronomen zu zählen und weiß es daher schlicht nicht. Das Language Log befasst sich mit diesen Berichten, die dort als first person singular pronoun attack bezeichnet werden. Die „allgemeine“ Variante des Vorwurfes stimmt demnach zumindest für Obama nicht:

[B]ut his (or his speechwriters‘) rate of use of first-person singular pronouns hasn’t increased — in fact, maybe it’s gone down.

Auch die spezielle Variante hält Mark Liberman von dem Blog für falsch:

The problem with the business about Obama’s pronoun usage is that the pundits who have carried on about it hardly ever actually count anything, and make no relevant comparisons in the few cases where they do. Instead, they make unsupported assertions that turn out to be trivially false as a matter of mere fact.

Bei der Anfangs erwähnten Rede des Republikaners Christie finden wir einen Vergleich mit anderen Rednern. Ein Ausschnitt als Beispiel für die entsprechenden Berechnungen („FPSP“ sind first-person-singular pronouns):

  • Paul Ryan: 73 FPSPs in 3295 words = 2.22%
  • Rick Santorum: 28 FPSPs in 1258 words = 2.23%
  • Ann Romney: 64 FPSPs in 2365 words = 2.71%
  • Clint Eastwood: 56 FPSPs in 1161 words = 4.8%

Damit läge Christie mit 2,17 Prozent im Rahmen seiner Kollegen. Ohnehin ist dieses Beispiel eigentlich ein Sonderfall, denn hier lautet der Vorwurf, dass Christie auf Romney gar nicht so gut zu sprechen ist und lieber von sich selbst spricht.

Das Language Log hält die ganze Geschichte mit den Pronomen für dummes Zeug mit dem sich die Journalisten beschäftigen, statt etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit zu tun.

Commenting on first-person pronouns seems to be turning into one of those pundit’s tropes, like the cab-driver conversation, that give some shape to a column that the writer is too bored or lazy to support in a more consequential way.

Natürlich wissen die amerikanischen Redenschreiber inzwischen von dieser Eigenheit der US-Medien. Man kann daher davon ausgehen, dass die Zahl der Pronomen bei den zentralen Ansprachen streng rationiert wird.

Der interessierte Leser, der heute Nacht Obamas Rede auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten mithört, kann das überprüfen und selbst mitzählen — außer natürlich, er hat etwas Besseres zu tun.

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