Die Sternenkammer und der EFSF im Bundestag

November 2, 2011

Erstaunlicherweise gab es in der vergangenen Woche andere Themen außer Halloween und Baseball. Zum Beispiel haben sich die Europäer im Kampf gegen die Schuldenkrise viel mit dem Euro-Rettungsschirm EFSF befasst. Und der Bundestag richtete ein Sondergremium ein, um bei solchen Fragen schnell Entscheidungen treffen zu können. Das wurde zwar kurz darauf vom Bundesverfassungsgericht kassiert, aber bis dahin sorgte es auf dem Wirtschafts-Blog Zero Hedge für eine gewisse Unruhe (Hervorhebung hinzugefügt):

And we thought decisions made by our own central planning 10-person [US-Notenbank] Fed supercommittee were bad: Germany just one upped our own all-knowing overlords with its very own 9-person star chamber, which without a shadow of a doubt, represents the entire German population with perfect accuracy.

Für die Leute, die Zero Hedge nicht kennen: Der letzte Teil ist ironisch gemeint.

Um aber zu verstehen, wie bissig die Bemerkung wirklich ist, muss man wissen, was mit der „Sternenkammer“ gemeint ist: Ein englisches Sondergericht, das von etwa Anfang des 16. Jahrhunderts bis zu seiner Abschaffung 1641 willkürlich vorging.

Court sessions were held in secret, with no indictments, no right of appeal, no juries, and no witnesses.

Der Name soll sich vom Sternenhimmel an der Decke der Kammer ableiten, weswegen es bei Terry Pratchett eine „Rats Chamber“ gibt, mit, genau, Ratten als Verzierung (und ja, das ist auch eine Anspielung auf das deutsche Wort „Ratskammer“). Besonders am Ende war die Sternenkammer nur noch ein brutales Machtwerkzeug, weswegen ihr Name unter Angelsachsen bis heute als Schimpfwort dient.

Und dabei durfte das Gericht noch nicht einmal Todesurteile verhängen, sondern nur Dinge wie Folter, Peitschenhiebe und Verstümmelungen anordnen. Nehmen wir den Puritaner William Prynne, ein Politiker und Autor:

He was brought before Star Chamber and found guilty of sedition, for which he was sentenced to have his ears cropped, fined £5,000 and imprisoned for life. (…) In 1637, he was again brought before Star Chamber (…). He was sentenced to stand in the pillory, to have what was left of his ears hacked off, his nose slit and the letters SL, for „seditious libeller“ branded into his cheeks.

Später wurde er rehabilitiert. Wenn dieser Autor das richtig zwischen den Zeilen liest, war er allerdings etwas nachtragend. Irgendwie.

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