ZEUGS: Heinrich IV. und Hirnfrost

Oktober 22, 2011

Aufgrund der enormen Zahl von Zuschriften werden wir uns in diesem Eintrag mit genau zwei Themen beschäftigen: Dem Huhn in jedem Topf und brain freeze.

A chicken in every pot

Wie eine (eigentlich erstaunliche) Zahl von interessierten Lesern bemerkt haben, wird der Spruch mit dem Huhn im Topf dem französischen König Henrich IV. (1553 bis 1610) zugeschrieben, lange bevor es Präsident Herbert Hoover, die Republikaner oder auch nur die USA gab:

Wenn mir Gott zu leben erlaubt, werde ich dafür sorgen, dass es in meinem Land keinen Bauern gibt, der Sonntags nicht sein Huhn im Topf hat

(Zynische interessierte Leser werden bemerken, dass moderne Politiker lieber nicht mehr angeben, wie häufig es Huhn geben soll).

Die Frage ist nun, ob die Republikaner das geklaut haben oder den Spruch neu erfanden. Nick Rizzo von Counterparties — der Autor des ursprünglich hier verlinkten Eintrags — hält eine Anlehnung für durchaus denkbar:

It wouldn’t be so surprising for Republican presidential candidate Herbert Hoover to quote a French king. (They were a more genteel lot in those days.) Hoover had originally won fame as the man who coordinated the relief of the Belgian famine under German occupation during World War I, and afterwards was active in the relief of several other famines, so he was known as a food-dispensing fellow.

Genau belegen lässt sich das nicht. Zudem weist Rizzo darauf hin, dass der Spruch zwar Heinrich zugeschrieben wird, aber nicht klar ist, ob er das wirklich gesagt hat. Vielleicht sollten die Leute doch einfach Kuchen essen — selbst im schlimmsten Fall schmeckt das auch nach Huhn.

Brain Freeze / Hirnfrost

Beim Begriff des „Hirnfrostes“ für den Kältekopfschmerz sind die Forschungsergebnisse befriedigender. Hier gab es eine große Zahl von E-Mails, die eine eindeutige Tendenz zeigen: Die „jungen Erwachsenen“ (Leute, deren Kindheit „15 Jahre oder so“ zurückliegt) kennen ihn und weisen ihn einer oder mehreren amerikanischen Fernsehserien zu. Für den interessierten Leser TH waren es die Simpsons:

Ich erinnere mich noch daran, den Begriff anschließend in meiner Familie eingeführt zu haben — was die Annahme unterstützt, dass es sich auch um ein „Generationsding“ handelt.

Wir alten Leute kennen halt keine Squishees. D berichtet von einem Erstkontakt über die Nickelodeon-Serie The Adventures of Pete & Pete (möglicherweise die Folge „Field of Pete“ [YouTube], in der das Horror-Getränk Orange Lazarus eine wichtige Rolle spielt und wir die Warnung What about the brain freeze! hören). S spricht davon, „Hirnfrost“ als Teenager benutzt zu haben – das sei vor 13 Jahren gewesen.

Es mag allerdings sein, dass es sich damals selbst unter Jugendlichen eher um Nischensprech handelte, und es begegnen mir heute noch Menschen, die in schallendes Gelächter ausbrechen, so ich diesen Begriff benutze.

Tatsächlich ist die Liste der US-TV-Folgen mit Hirnfrost lang. Es gab reichlich Gelegenheit, das aufzuschnappen.

[Fußnote: Der interessierte Leser SG weist auf eine Episode von Scrubs [YouTube] hin, wo die Übersetzer überfordert waren und aus brain freeze „Kopfvereisung“ machten. Das kann sich ja nicht durchsetzen.]

Dieser Autor möchte folgende Hypothese aufstellen: Irgendwann vor 15 bis 20 Jahren wurde „Hirnfrost“ als Übersetzung von brain freeze über US-Serien in die deutsche Sprache eingeführt. Das erklärt, warum dieser Autor und sein ähnlich altes Umfeld nie davon gehört haben, während die Jungspunde damit groß geworden sind und jetzt damit beginnen, ihn an die nächste Generation weiterzugeben.

Sollte das zutreffen — was man allerdings systematischer belegen müsste — wäre „Hirnfrost“ ein aktuelles Beispiel für die Eindeutschung eines englischen Wortes. Wer hätte das gedacht.

Danke für die Hinweise!

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