ZEUGS: Der Bürgerkrieg in 3D, europäische Dreckspatzen und der Gagarin-Hoax

April 10, 2011

Um noch einen Augenblick beim Thema Astronomie zu bleiben: Wir hatten von guerrilla gardeners gesprochen, die einfach irgendwo in der Stadt Gärten anlegen. In San Francisco gibt es parallel dazu die urban guerilla astronomers, die auf der Straße ein Teleskop aufbauen und dann unschuldige Passanten anquatschen: Hey, wollen Sie mal den Jupiter sehen?

For just a moment, they have a personal connection with the universe around them, and sometimes life seems a little better after that.

Das Ganze nennt sich sidewalk astronomy. Sonst bauen die Leute ihre eigenen Teleskope. Dummerweise braucht dieser Autor nicht noch ein Hobby …

  • Zum Bürgerkrieg: Das Pew Institute hat Amerikaner zum Civil War befragt. Das Ergebnis: Fast genau 150 Jahre später ist eine Mehrheit der Meinung, dass der Krieg weiter politisch relevant ist. Es gibt auch immer noch Streit über die Ursache:

    There is no consensus among the public about the primary cause of the Civil War, but more (48%) say that the war was mainly about states‘ rights than say it was mainly about slavery (38%). Another 9% volunteer that it was about both equally.

    Die Studie schaut sich auch die Einstellungen zur Südstaaten-Fahne an. Unterdessen geht das Kriegsblog der New York Times auf die Rolle der männlichen Identität in den Südstaaten ein:

    [T]he speeches, newspapers and writings from the time indicate that white masculine identity mattered a great deal, particularly for those Southerners who had little else that guaranteed their social status. As long as slaves were legally below them, they were secure.

    Ach, und Bilder vom Krieg gibt es auch in 3D, für die Leute, die so etwas mögen. Die ersten Schüsse fielen bekanntlich am 12. April 1861 — Jahrestag ist Dienstag. Außerhalb der USA wird dann eher der erste Flug eines Menschen in den Weltraum gefeiert. Fälschlicherweise, denn …

  • Zu Verschwörungstheorien: … natürlich war Juri Gagarin nie im Weltall. Das wissen selbst die Australier:

    The newspaper „Sovetskaya Rossiya“ claimed that Gagarin was wearing a blue flightsuit when he landed. In his memoirs, Gagarin himself claimed he was dressed in an orange flightsuit.

    Unumstößliche Beweise. Die Drecks-Kommis kennen einfach keine Scham!

  • Zu Verschwörungstheorien, nochmal: Der interessierte Leser AH weist darauf hin, dass die erste offizielle UFO-Landestelle in Kanada steht. Offenbar waren die Nordlichter es Leid, dass die Außerirdischen immer in den USA landen.
  • Zur englischen Rechtschreibung: Der interessierte Leser TS weist auf das Blog Morons with Signs hin, in dem Fehler auf politischen Schildern gesammelt werden. Es gibt diverse ähnliche Blogs, einschließlich eines mit dem wohl unvermeidlichen Namen Fuck Yeah, Protest.
  • Zu Verschwörungstheorien und schlechter Rechtschreibung: Dank der interessierten Leserin SZ können wir die beiden Themen sogar verbinden.
  • Zu Waffengesetzen: Wir hatten auf den Teil der Diskussion hingewiesen, bei dem Frauen für sich das Recht auf das Tragen einer Schusswaffe einfordern. Eine gewisse Prominenz hat dabei die 25-jährige Amanda Collins erlangt, die Oktober 2007 an der University of Nevada in Reno von einem Serienvergewaltiger missbraucht wurde. Dort wie an vielen US-Universitäten gilt ein Waffenverbot:

    The school’s „gun-free“ designation meant nothing to James Biela, a serial rapist with a gun of his own, who saw Collins as an easy target. „He put a firearm to my temple,“ she recounted, „clocked off the safety, and told me not to say anything, before he raped me.“

    Biela ermordete später die 19-jährige Brianna Dennison (und sitzt gegenwärtig in der Todeszelle). Collins argumentiert, dass sie ihn damals hätte stoppen können, wenn nur das Gesetz es ihr erlaubt hätte, ihre 9mm Glock bei sich zu führen. Entsprechend sagte sie auch vor dem Kongress von Nevada aus, wo über eine Änderung der Waffengesetze für Universitäten diskutiert wird. Nach ihrer Vergewaltigung hat Collins übrigens eine Sondergenehmigung erhalten.

  • Zu Amphibischen Angriffsschiffen: Es gibt Streit über die Frage, ob diese Waffengattung zusammengestrichen werden sollte.
  • Zu schlechten Toilettenspülungen: Das ganze Drama mit den miesen Öko-Klos scheint sich in den USA gerade mit Waschmaschinen zu wiederholen. Der Bund hat auch hier Standards vorgegeben, die sich leichter durch Geräte mit einer Öffnung vorne (front-loaders) statt wie in den USA üblich oben (top-loaders) erreichen lassen. Dumm nur:

    But, as Americans are increasingly learning, front-loaders are expensive, often have mold problems, and don’t let you toss in a wayward sock after they’ve started.

    Verbraucherschützer sind entsetzt: Die Wäsche kommt nach ihren Berichten jetzt zum Teil so dreckig heraus, wie sie hineinging. Das offensichtliche Fazit: Aus Washington kommt nur Mist (und Ökos sind Dreckspatzen).

  • Zu Haushaltsgeräten im Allgemeinen: Moment, mag der interessierte Leser jetzt sagen, in Deutschland werden doch meist Vorderlader benutzt? Äh, ja. Im Magazin Slate beschreibt ein Amerikaner wie es ist, nach zehn Jahren in Europa in die USA zurückzukehren. Er ist voller Lobes für die Gesundheitsversorgung, den Arbeitsmarkt und Straßen in der Alten Welt. Aber:

    Our domestic appliances — washing machines, ovens, etc. — are way better than Europe’s. I have but three words for those flag-torching ingrates who don’t know how good we have it in the homeland appliance department: We’re No. 1!

    In Europa, so sein Fazit, sind Tischmanieren noch wichtiger, weil man mit den Waschmaschinen dort etwaige Flecken nie wieder herausbekommt. Ach, und besonders die deutschen Geräte schneiden in dem (mit Humor geschriebenen) Erfahrungsbericht nicht gut ab:

    There’s no snappier summary of the cultural divide between Europe and America than the pricey German stove whose burner controls are marked 0, 3, 5, 8, 12, and A.

    Die Schneeflocke auf Backöfen hat dieser Autor ehrlich gesagt auch nie verstanden.

  • Zum Untergang Frankreichs, wenn wir von Kochen reden: Nach dem Niedergang der französischen Sprache bejubeln die Angelsachsen den Niedergang der französischen Küche — kann die Welt noch besser werden? Mit etwas weniger Spott: In dem Artikel eines amerikanischen Essenskritikers wird das Argument vorgestellt, dass Frankreichs Küche nicht schlechter geworden ist, sondern die in den USA in den vergangen Jahrzehnten sehr viel besser:

    Was the sole meunière that Child ate just off the boat in 1948 really that good, or did it just stand out in her memory because it was her first taste of France and was so different than anything available in the United States at the time? […] [N]owadays, eating in France no longer seems so special, so unique, and perhaps that frustrates Francophiles like me and colors our judgment.

    Wer sich für das Thema interessiert, dem wird auch The Moral Crusade Against Foodies von B.R. Myers gefallen, ein Angriff auf die Kultur der Gourmets (hier abwertend foodies genannt) und insbesondere ihre Selbstbild in den angelsächsischen Medien:

    [T]here appears to be no greater point of pride in this set than to eat with the indiscriminate omnivorousness of a rat in a zoo dumpster.

    Zum Glück für diesen Autor hat die ganze Diskussion nichts mit ihm zu tun.

  • Zu Indianern: Deren Einfluss auf die Umwelt in Nordamerika — Abholzung, Erosion — war größer als bislang vermutet.
  • Zu wichtigen Büchern: Die britische Zeitung „The Guardian“ hat eine Datenwolke [Bild] zusammengestellt mit den Werken, die jeder gelesen haben sollte. Quelle waren neben Umfragen auch Leihlisten von Bibliotheken. Die meisten wie 1984, Lord of the Flies oder The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy gehören inzwischen auch in Deutschland zur Allgemeinbildung. Auch Atlas Shrugged findet sich auf der Liste, aber wegen der britischen Gewichtung weniger „stark“ als es vermutlich bei einer rein amerikanischen Umfrage sein dürfte. Und um Irrtümern vorzubeugen: Der Roman Of Human Bondage hat nichts mit Seilen zu tun.
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