Einige Bemerkungen zum Wasserfluss von amerikanischen Toiletten

November 8, 2010

Heute befassen wir uns mit einer Frage des interessierten Lesers CL: Warum spülen amerikanische Toiletten so schlecht?

Dieser Autor würde die Behauptung gerne als fiese anti-amerikanische Propaganda abtun, als üble Nachrede von verbitterten Kryptokommunisten, die die freie Welt in den, äh, Dreck ziehen wollen. Allein, das Problem existiert tatsächlich: Ganze Generationen von Toiletten in den USA packen es nicht.

Schuld daran sind die Politiker in Washington – wer sonst, würde der gemeine Amerikaner sagen. Unter Präsident George Bush (Senior) erließ der Kongress ein umfangreiches Umweltschutzpaket, den Energy Policy Act. Darin wurde unter anderem festgelegt, dass ab 1994 nur noch 1,6 Gallonen (sechs Liter) pro Spülvorgang statt 3,5 Gallonen eingesetzt werden dürften. Damit sollte der Wasserverbrauch gesenkt werden, ein großes Problem in den trockeneren Teilen der USA. Bis dahin hatten 17 Bundesstaaten bereits ähnliche Gesetze verabschiedet.

Dummerweise zeigten sich die amerikanischen Klo-Bauer der Herausforderung nicht gewachsen, mit weniger Wasser auszukommen. Installateure berichteten noch 1999 von vier Hauptbeschwerden ihrer erbosten Kunden:

[M]ultiple flushes are needed to clear solids from the bowls; residue remains in the bowl even after multiple flushes; the units clog easily; and they require more maintenance than 3.5-gallon models and cause more damage when they overflow.

(Wer sich über die vornehmen Umschreibungen wie solids amüsiert, wird auch Gefallen an den Amtsvokabeln bei der entsprechenden Diskussion in Deutschland finden, wo von „Spülgut“ die Rede ist. Was gut spült, spült auch Spülgut gut!)

An dieser Stelle spielen wir das Lied „Flakes“ [YouTube] von Frank Zappa ein, denn die Amerikaner schimpften wie die Rohrspatzen:

Builders report that most clients do not accept the explanation that the toilets are working, and can’t be replaced with ones that use more water and work better because they are against the law.

Die guten alten Toiletten von vor 1994 wurden gehortet (eine Reaktion, die wir bei solchen Verordnungen auch von Deutschen kennen) und gebraucht gekauft. Amerikaner gingen dazu über, zwei Mal abzuziehen, der Begriff low-flow toilet wurde zum Schimpfwort, Umweltschützer hatten ihren Ruf als Hygienefeinde weg und deutsche Touristen wunderten sich.

Inzwischen hat das Volk, das die Atombombe entwickelt, Menschen zum Mond gebracht und das Internet erfunden hat, auch die technologische Herausforderung der modernen Toilettenspülung gemeistert. Die Verspätung hatte einen wirtschaftlichen Preis: Der amerikanische Toiletten-Markt mit einem Wert von 320 Millionen Dollar wird zu einem Drittel von dem japanischen Konzern Toto gehalten.

Das neue Schlagwort heißt high efficiency toilet (HET) mit einem GPF-Wert (gallons per flush) von 1,4. Die amerikanische Umweltbehörde EPA vergibt Zertifikate und ist begeistert:

Unlike some first-generation, „low-flow“ toilets, WaterSense labeled toilets combine high efficiency with high performance. Design advances enable WaterSense labeled toilets to save water with no trade-off in flushing power. In fact, many perform better than standard toilets in consumer testing.

Man beachte die Schlagworte high efficiency, high performance und flushing power – fast wie bei einem Sportwagen. Wer kann da noch nein sagen? Nach offizieller Darstellung geben inzwischen 80 Prozent der Amerikaner an, mit den sparsameren Klos zufrieden zu sein. Ja, offenbar gibt es dazu Studien.

Wie auch immer, die neuen amerikanischen Toiletten sollen je Familie gut 100 Dollar und mehr als 10.000 Liter Wasser im Jahr sparen. Und das beste: Sie funktionieren sogar.

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