ZEUGS: Weg mit den Richtern, her mit dem Urin und was Gandalf wirklich sagte

November 4, 2010

Es ist erstaunlich, wie viele Mathematiker dieses Blog lesen. Vielen Dank hiermit an alle für den tapferen Versuch, diesem Autor das Auswahlaxiom zu erklären. Für mathematisch völlig unbedarft hält er sich zwar nicht — im vergangenen Jahr hat er ganz stolz der Schönsten Germanin mit Hilfe von Gradengleichungen demonstriert, dass sich eine LED-Glühbirne am Hauseingang innerhalb eines Jahres bezahlt macht. Allerdings hat er als Spross einer Familie von Maschinenbauern gewisse Probleme, wenn die Sache zu abstrakt wird (sein erster Gedanke in der Schule bei der Vorstellung der imaginären Zahlen war that’s bullshit). Vielleicht bleibt er doch lieber beim Rechnen.

Die Schönste Germanin hat bereits über Halloween berichtet, daher konzentrieren wir uns heute auf einige Splitter zur Wahl und diverses Zeugs.

  • Zur Direktwahl und direkten Demokratie: Wir haben darauf hingewiesen, dass in einigen Teilen der USA auch Richter sich dem Volk stellen müssen. Meist sieht das so aus, dass sie zwar ihr Amt durch eine Ernennung erhalten — eine gewisse fachliche Begabung ist hier doch ganz hilfreich — sich aber nach einigen Jahren vom Wähler im Amt bestätigen lassen müssen. In Iowa hat das am Dienstag dazu geführt, dass gleich drei oberste Richter gefeuert wurden. Sie hatten 2009 entschieden, dass ein Verbot von gleichgeschlechtlichen Ehen nicht mit der Landesverfassung vereinbar sei. Damit hätten die Richter faktisch die Verfassung umgeschrieben, sagten die Gegner:

    This is not their role. The Legislature makes the law. The Governor executes the law. And, only „we the people“ can amend our constitution.

    Dazu muss man wissen, dass in Iowa die Bevölkerung alle zehn Jahre gefragt wird, ob eine verfassungsgebende Versammlung einberufen werden soll; alle Änderungen an der Verfassung müssen per Volksentscheid gebilligt werden. Im Fall der drei Richter fasste der Wortführer der Gegner das Argument so zusammen:

    [I]t is „We the people,“ not „We the courts.“

    Das dazugehörige Schlagwort in den USA lautet judicial activism, der Vorwurf, dass Richter als nicht-gewählte Beamte sich Entscheidungen anmaßen, die eigentlich nur die Abgeordneten als Vertreter des Volks oder das Volk selbst über Referenden treffen dürften. Die Debatte über die Abwahl der Richter in Iowa zeigt, dass wir es hier mit einem extremen und kontroversen Beispiel zu tun haben. Es demonstriert aber sehr schön, welche Macht der Bürger in den USA hat.

  • Zu Geld und Wahlkampf: Die ehemalige eBay-Chefin Meg Whitman hat 160 Millionen Dollar bei dem Versuch verbraten, Gouverneurin von Kalifornien zu werden. Umsonst. Davon waren 140 Millionen Dollar ihr eigenes Geld – noch nie hat ein Kandidat in Amerika so viel von seinem Vermögen für irgendeinen Wahlkampf ausgegeben (keine Angst, sie hat noch eine Milliarde oder so). Der Sieger, Jerry Brown, investierte dagegen insgesamt 50 Millionen Dollar. Wenn das nicht die Frage erledigt, ob Wahlen in den USA käuflich sind, dann weiß dieser Autor auch nicht mehr, was er tun soll.
  • Zu Plain English: Es gibt noch einen Ort in den USA, wo man eine klare, leicht verständliche Sprache für dummes Zeug hält: In den Hallen der amerikanischen Notenbank Federal Reserve Bank („die Fed“). Zum Glück hilft moderne Technologie dabei, Sätze wie diese

    To promote a stronger pace of economic recovery and to help ensure that inflation, over time, is at levels consistent with its mandate, the Committee decided today to expand its holdings of securities.

    verständlich zu machen, im Sinne von

    So to give the economy a kick in the ass — and to pump up inflation a little bit — we decided to go on a shopping spree.

    Nicht, dass es die Lage an sich besser macht; aber the economy still sucks macht doch eher klar, was Sache ist.

  • Zum Bürgerkrieg: Die New York Times bloggt den Krieg wie er sich vor 150 Jahren entwickelte, Tag für Tag, mit Bildern.
  • Zu grammar nazis: Der interessierte Leser AP weist auf Batmans Probleme mit diesen Bösewichten hin.
  • Zu pinkeln in der Öffentlichkeit: Die Briten versuchen, die entsprechenden angelsächsischen Hemmungen im Dienste des Umweltschutzes abzubauen. Die Schönste Germanin will davon nichts wissen, vielleicht, weil der Pädagogische Komposthaufen direkt an der Straße steht.
  • Zu Gandalf the Yellow: Wer so ein Blog wie dieses schreibt, hat nicht Angst davor, die großen Dinge falsch zu machen – wann fing der Amerikanische Bürgerkrieg an, was ist das Auswahlaxiom – sondern einen „Schalke-05-Fehler“ zu begehen. Daher lief es diesem Autor kalt den Rücken runter, als der interessierte Leser TB sehr höflich nachfragte, ob Gandalf auf der Brücke von Khazad-dûm nicht doch eher

    You shall not pass!

    rief statt

    You cannot pass!

    Selbstverständlich hatte dieser Autor aus reiner Paranoia die Stelle im Buch nachgeschlagen, und dort heißt es eindeutig und durchgehend cannot. Allerdings sagt Gandalf im Film tatsächlich beim zweiten Mal shall [YouTube], warum auch immer. Nur falls sich noch jemand gewundert hat. Im Zuge seiner Recherchen hat dieser Autor jetzt gelernt, was Gandalf’s mistake [YouTube] ist – wobei die MTV-Parodie mit Sarah Michelle Gellar und Jack Black immer noch die beste [YouTube] ist.

[ÄNDERUNG 4. Nov 2010: „komplexe“ Zahlen durch „imaginäre“ ersetzt]

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