FanFic oder wenn Buffy vor Harry Potters Augen endlich Edward tötet

Oktober 15, 2010

Die Schönste Germanin hat ein Hobby: Sie liest in großen Mengen Geschichten aus der Literaturgattung des fan fiction. Das führt in Deutschland schon mal zu Verwirrung, nicht nur, weil das hierzulande kaum jemand kennt: Der Begriff wird umgangssprachlich zu fanfic verkürzt, auf Englisch natürlich völlig harmlos, auf Deutsch, äh, weniger. Inzwischen hat es dieser Autor satt zu erklären, was seine Ehefrau fast jeden Tag auf dem Sofa (am Arbeitstisch, in der Küche, im Bett) macht, besonders wenn dann ständige gewisse Missverständnisse auftreten. Deswegen gibt es jetzt einen Text dazu.

FanFics sind Geschichten, die im Universum eines Romans, Films oder Comics spielen, aber nicht von dem ursprünglichen Autor geschrieben wurden. So wie der Begriff verstanden wird, gibt es dafür kein Geld, die Rechte verbleiben beim Schöpfer. Veröffentlicht wird heute fast ausschließlich im Internet. Die Schönste Germanin hängt bei dem riesigen Archiv von FanFiction.Net ab (eine sehr viele kleinere deutsche Site ist FanFiktion.de).

Das Grundprinzip gibt es natürlich schon lange. Die englische Wikipedia verweist auf Varianten von Tausend und eine Nacht und Teilen des Ramayana aus Indien. Bekannter in unseren Breiten ist Rosencrantz and Guildenstern Are Dead, ein Bühnenstück von Tom Stoppard aus dem Jahr 1966 — Hauptdarsteller sind zwei Nebenfiguren aus Hamlet. John Gardner schrieb Grendel, in dem das Epos Beowulf aus der Sicht des Monsters erzählt wird.

In beiden Fällen sind allerdings die Autoren Leute, die hauptberuflich schreiben, nicht Fans. FanFic ist eine Amateurveranstaltung. Wobei einige dieser Amateure inzwischen den Sprung zu erfolgreichen eigenen Geschichten schaffen, selbst wenn sie vorher eher anrüchige Varianten geschrieben haben. Womit wir wieder bei den angeblich prüden Amerikanern wären.

Will man über FanFic reden (oder auch nur eine Diskussion zwischen der Schönsten Germanin und ihrer ähnlich süchtigen interessierten Freundin Frau Lostinabadbook verfolgen können), muss man sich mit den wichtigsten Fachbegriffen vertraut machen.

Angst können sich deutsche Leser dabei selbst erklären, squee kann vom Laut erraten werden. Ships haben nichts mit Wasser zu tun, sondern sind Geschichten über Beziehungen (von relationship). Slash sind schwule Liebesgeschichten (von dem Schrägstrich bei Paarungen wie „Kirk/Spock“); femslash das lesbische Gegenstück. Unter crossover versteht man ein Zusammenkommen von Roman-Universen, wie bei Road of Carnage von Ida Brink:

Outside the safe walls of Hogwarts, Buffy and co. find themselves involved in a war against Voldemort. No one is safe, not everyone is loyal and there will be losses on both sides. Can love and friendship prevail against the darkness or will it crumble beneath the growing shadows?

Wie gut geschrieben ist denn das alles? Die Qualität scheint wie bei (hust) Blogs einer Normalverteilung zu folgen: Einige sind fürchterlich, die Masse ist mässig, und einige sind wirklich, wirklich gut.

Die Schönste Germanin verweist dabei auf Creature of Habit (zu dem fast 13.000 Bewertungen abgegeben wurden) von EZRocksAngel aus dem Twilight-Universum. Frau Lostinabadbook bietet ihrerseits The End of the Honeymoon von Jane Elliott aus der Welt von Pride and Prejudice an (dem ursprünglichen Roman, nicht das mashup mit den Zombies). Der Open-Source-Guru Eric S. Raymond lobt ein abgefahrenes Werk des KI-Forschers Eliezer Yudkowsky namens Harry Potter and the Methods of Rationality:

Which meant that the only possible stable time loop was the one in which Paper-2 contained the two prime factors of 181,429. If this worked, Harry could use it to recover any sort of answer that was easy to check but hard to find. He wouldn’t have just shown that P=NP once you had a Time-Turner, this trick was more general than that. Harry could use it to find the combinations on combination locks, or passwords of every sort.

In diesem Blog haben wir schon andere Beispiel erwähnt, die natürlich meist mit Buffy zu tun haben: Die FanFic-Hörspiele Buffy Between the Lines, das berühmte Buffy vs. Edward-Video [YouTube] oder das Shakespeare-Derivat A Midsummer’s Nightmare von Linda R. Barlow. Bei FanFiction.Net gibt es fast 37.000 Werke aus dem Buffy-Universum. Das hört sich nach viel an, bis man es mit Twilight vergleicht (etwa 163.000 Texte). Selbst die verblassen gegenüber Harry Potter mit mehr als 470.000 Geschichten. Ja, fast eine halbe Million. Und ständig kommen neue hinzu.

Dass Harry der Gottkönig unter den FanFics ist, darf nicht wundern. J.K. Rowling gehört seit Jahren zu den Unterstützern der Gattung:

JK Rowling’s reaction is that she is very flattered by the fact there is such great interest in her Harry Potter series and that people take the time to write their own stories.

Andere Autoren sind nicht so begeistert (es gibt Listen, wer dafür und wer dagegen ist). Anne Rice (Interview with the Vampire) ist berühmt für ihre kategorische Ablehnung:

I do not allow fan fiction. The characters are copyrighted. It upsets me terribly to even think about fan fiction with my characters.

So oder so kommen angelsächsische Autoren inzwischen nicht an FanFic vorbei. Was uns zur Frage bringt, wie legal die ganze Sache ist. Um eine komplizierte Diskussion brutal zu vereinfachen: In den USA handelt es sich um eine Grauzone, und man tut als FanFic-Schreiber gut daran, sich innerhalb der vom ursprünglichen Autor gesetzten Grenzen zu bewegen. Bei Rowling sieht das so aus:

Her concern would be to make sure that it remains a non-commercial activity to ensure fans are not exploited and it is not being published in the strict sense of traditional print publishing.

Die Organization for Transformative Works (OTW) setzt sich für die Belange von Fan-Autoren ein und bemüht sich um ein freundlicheres juristisches Umfeld. Je länger sich das Genre hält, desto besser sind natürlich die Chancen dafür. Oder wie die Autorin Catherynne M. Valente es formuliert:

This argument is already over. It is a generational one. You’ve got a whole host of authors coming into their own who grew up with fanfic as a fact of life, or even committed it themselves.

Und nun hat dieser Autor ein schlechtes Gewissen: Was ist, wenn die interessierten Leser jetzt ihre Zeit mit FanFics verbringen, statt sich auf den diesjährigen National Novel Writing Month vorzubereiten?

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