Shotgun Shacks, die traditionellen Wohncontainer

September 11, 2010

Wir haben in unserem Eintrag zur schlechten Dämmung vieler amerikanischer Häuser über traditionelle Bauarten gesprochen, die mit dem Beginn des Ölzeitalters aufgegeben wurden – die saltbox, cracker und adobe houses. Eine typisch amerikanische Bauweise fehlt uns: Die shotgun houses, auch shotgun shacks genannt.

Musikalisch gebildete interessierte Leser kennen den Begriff. Kein geringerer als Elvis selbst wurde in einem Shotgun Shack geboren:

One hundred miles southeast of his future mansion in Memphis, Tennessee, Elvis Aaron Presley entered the world in East Tupelo, Mississippi, in the early morning hours of January 8, 1935. The two-room shotgun shack where Elvis was born was light-years away from Graceland in all respects.

Dann hätten wir noch diese Textzeile von den Talking Heads aus „Once in a Lifetime“:

And you may find yourself living in a shotgun shack
[…]
And you may ask yourself, well, how did I get here?

Meist dadurch, dass man arm war. Vereinfacht gesagt handelt es sich um ein schmales, längliches Gebäude [Foto], in dem die Zimmer ohne einen Flur hintereinander liegen. Die Vordertür liegt an einer der schmalen Seiten. Das soll zu dem Namen geführt haben: Ein Schuss von der Vordertür aus würde durch die Hintertür herausgehen, ohne irgendwas zu treffen. Sehr nützlich gegen Zombies, natürlich, und der Left 4 Dead 2-Spieler wird sofort ahnen, dass solche Häuser besonders in den Südstaaten zu finden sind.

Was aber trotzdem keine ausreichende Erklärung für den komischen Baustil ist. Die kennt niemand sicher. Vermutet wird unter anderem, dass die Luft so besser durch das Haus ziehen und alles abkühlen kann. Einen anderen möglichen Grund erkennt man an einer Karte des unteren Mississippi, die jüngst in dem wunderbaren Blog Strange Maps gepostet wurde (der Anlass für diesen Eintrag). Dort sieht man, dass die Häuser auf langen, schmalen Grundstücken stehen. Nach dieser Theorie wurden während der französischen Kolonialzeit die Steuern nach der Länge des Uferstücks erhoben. Entsprechend wollten alle etwas vom Ufer, aber bloß nicht zu viel, und auf das schmale Grundstück passte ein schmales Haus besser.

Wie auch immer, wir sollten noch zwei Varianten des Shotgun Houses erwähnen: Die double shotgun bei dem zwei solche Häuser Seite an Seite gebaut wurden, und den camelback [JPG] mit einer weit zurückgesetzten, zweiten Etage. Beim Double Shotgun wird heute gerne die Trennwand herausgerissen, um da Innere nach einem normalen Flurplan umgestaltet.

Denn wie bei vielen traditionellen Bauweisen hat sich die Einstellung zu den Shotgun Houses in den vergangenen Jahrzehnten völlig gewandelt. In den 70ern versuchte man sie abzureißen, wo man nur konnte, weil sie als erbärmlich und rückständig galten. Inzwischen sind sie aber romantisch und erhaltenswert und werden saniert. Entsprechend gehören die Shotgun Shacks des 19. Jahrhunderts zu den großen bautechnischen Verlusten nach der Flutkatastrophe von New Orleans.

Wir können getrost annehmen, dass die heutigen, stinknormalen amerikanischen Rahmenhäuser in 100 Jahren auch eine begehrte Immobilie sein werden — solange die Polywell-Fusionsheizung läuft, versteht sich.

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