Morbus Excuse Me

August 2, 2010

Die Familie Stevenson war für einige Tage in Schottland und nun muss sich dieser Autor wieder umgewöhnen. Nein, nicht wegen des Linksverkehrs – wie immer und überall fährt die Schönste Germanin auch auf der Insel, vermutlich um nicht mit der Brut diskutieren zu müssen, ob Highland-Schafe lieber mit Pferden oder Einhörnern spielen. Es geht vielmehr darum, dass dieser Autor wieder aufhören muss, wie ein gut erzogener Angelsachse ständig und überall excuse me zu sagen.

Denn das passiert im Alltag in einer Tour, insbesondere wenn man jemandem zu nahe kommt. Zum Beispiel wenn man sich in Cawdor Castle sehr schnell an englischen Touristen vorbeidrängen muss, weil Kind Nummer Zwei gerade ansetzt, trotz der Absperrung auf das Hochzeitsbett von Sir Hugh Campbell und Lady Henrietta Stuart aus dem 17. Jahrhundert zu springen. Etwas häufiger ist die Situation, wenn man in einem Laden an jemanden vorbei muss, der wie in The Hurt Locker mit der Auswahl an Frühstücksflocken überfordert ist, selbst wenn es nur drei Sorten sind.

Natürlich signalisieren auch Germanen – höfliche zumindest – in solchen Situationen, dass sie die Unannehmlichkeiten bedauern. Aber sie machen es eher nonverbal, gerne per Gesichtsausdruck. Amerikaner und Briten babbeln wieder.

Excuse me gehört damit zu den Höflichkeitsfloskeln, die kleinen Kindern eingetrichtert werden und später auf Stammhirnebene ablaufen (sollen). Anders gesagt, sie sind inhaltsleer. Insbesondere heißt der Spruch nicht, dass die Person, mag sie noch so höflich und herzlich lächeln, nicht eigentlich bloody tourist denkt. Dazu passt dieser Rat aus New York:

If you see the doors of a packed subway about to slam in your face, push your way inside and say, „Excuse me!“ There is no need to wait eight to 10 more minutes for a train.

Wie oft man wirklich excuse me hört, hängt sehr von der Umgebung und dem Umgang ab, den man pflegt. In Großstädten ist es seltener als in Kleinstädten und bei älteren häufiger als bei jüngeren, denn die Jugend hat (wie jeder weiß) absolut keine Manieren:

The other day I was on a train and I wanted to get the empty seat. There was just enough room for me to walk around and go behind a lady without having to bump into her. But then after I got the seat she was all like „Young miss, you should have said excuse me!“

Dabei ist angeblich das Benehmen in Großbritannien noch viel schlechter geworden als in den USA.

Das kann dieser Autor so nicht bestätigen, zumindest nicht für Schottland, wo die Einheimischen gegenüber Touristen fast verdächtig freundlich waren. Selbst gegenüber sehr kleinen Touristen, die zum Entsetzen ihrer Eltern meinten, ausgerechnet auf dem Schlachtfeld von Culloden Radschlag üben zu müssen.

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