Heilende Hände: Vom deutschen Pfarrer zum Herrn der Ringe

Mai 9, 2010

Bei einem Grillabend der Familie war jüngst auch der Bekannte Pfarrer zu Besuch. Dabei erzählte er die Geschichte, wie an seinem Arbeitsplatz eine Gasheizung plötzlich wieder funktionierte, nachdem er sie mehr oder weniger nur berührt hatte. Das habe zu allen möglichen Witzen geführt, ob er den Jesus sei, erzählte er zum allgemeinen Gelächter. Worauf dieser Autor ergänzte, dass er ja auch kein König sei.

Der Witz kam gar nicht an. Stutzen und Stirnrunzeln bei den Germanen in der Runde. Äh, König? Wieso? Oops.

Fangen wir mit der Bibel an. In Markus 6,5 finden wir:

Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

Das kennen auch die Angelsachsen. Spätestens seitdem behauptet so ungefähr jeder Wunderheiler, durch die Kraft seiner Hände Leute gesund machen zu können. Solche Verfahren haben zudem einen festen Platz unter Quacksalbern in der Paramedizin, was die Recherche zu dem Thema im Internet zu einem wahrhaftigen Vergnügen macht.

Nun wurde in England zusätzlich auch dem König die Fähigkeit nachgesagt, durch Handauflegen zu heilen:

In England the practice evidently began with King Edward the Confessor before the Norman Conquest [1066 n.Chr.] and lasted until the death of Queen Anne in 1714. „Bonnie Prince Charlie,“ the Stuart claimant to the English throne, maintained the custom as late as 1745.

Natürlich kann der König nicht alles heilen oder gar Tote zum Leben erwecken, denn das wirklich coole Zeugs bleibt den höheren Instanzen vorbehalten. Aber immerhin. Besonders wirksam soll die Therapie bei einer Gruppe von Hautkrankheiten gewesen sein, die früher unspezifisch unter dem Dachbegriff „Skrofulose“ zusammengefasst wurde, heute ein klar definiertes Krankheitsbild. Entsprechend heißt scrofula auch King’s Evil, denn der König von England sollte sie heilen können.

Das konnte der Erzfeind, der König von Frankreich, nicht auf sich sitzen lassen. Im 13. Jahrhundert zog Robert II., genannt der Fromme, nach (ein angeblicher Hinweis auf Chlodwig I. im 5. Jahrhundert ist offenbar ein kläglicher Versuch der Franzosen, die Überlegenheit der Angelsachsen nicht auch noch hier anerkennen zu müssen). Das Ergebnis waren Massenveranstaltungen:

Ludwig XIV. behandelte so an einem einzigen Sonntag im Jahre 1701 fast zweieinhalbtausend Patienten. Seine Nachfolger pflegten das im 13. Jahrhundert entstandene Ritual, durch das die Könige ihre Erwähltheit durch Gott demonstrierten, zuletzt noch 1825.

Amerikaner haben zwar keine Könige mehr (etwaige Obama-Messias-Witze hier bitte selbst einfügen), aber übernahmen das Prinzip mit ihrem kulturellen Erbgut. Seltsamerweise beherrschten die deutschen Könige diese Fähigkeit nie, selbst die Kaiser nicht. Entsprechend sind in Deutschland diese sekundären Vorteile einer Monarchie nicht weitläufig bekannt, und nichts ahnende Amerikaner müssen bei Grillabenden ihre Witze erklären.

Das ist doof, denn damit verpassen die germanischen Leser von The Lord of the Rings (mal wieder) eine Anspielung, diesmal zur wirklichen Identität Aragorns. Schon als Strider in abgefuckten Ranger-Klamotten heilt er ständig irgendwelche Hobbits, ein klarer Hinweis auf seine königlichen Herkunft. Und je näher er seinem Thron kommt, desto stärker werden seine Fähigkeiten:

[I]t is not until the defeat of Mordor’s forces on the Pelennor Fields that Aragorn began to fully exercise his abilities as a healer.

In Gondor hilft er Faramir mit einem Kraut namens Athelas, das unter den Bauern rein zufällig kingsfoil genannt wird, das „Florett des Königs“. Und weil niemand Tolkien jemals vorwerfen konnte, subtil zu sein, gibt es schließlich in der Stadt die alte Heilerin Ioreth, die im dritten Band Klartext redet:

For it is said in old lore: The hands of the king are the hands of a healer. And so the rightful king could ever be known.

Gandalf – ein guter Zauberer, aber ein lausiger Journalist – macht übrigens aus dem could ein shall. Damit schaffen sich die neuen Machthaber in Gondor eine Prophezeiung, um ihren Staatsstreich zu legitimieren. Tatsächlich erzählt Ioreth allen weiter, dass Aragorn die Leute gesund macht. Sofort ist überall Liebe und Frieden und so:

And soon the word had gone out from the House [of Healing] that the king was indeed come among then, and after the war he brought healing; and the news ran through the City.

Auch Éowyn übernimmt die Propaganda des neuen Regimes und redet Aragorn plötzlich mit my liege-lord and healer an.

So viel dann wohl zu dem Witz dieses Autors. Wenigstens waren die Hähnchenspieße der Schönsten Germanin gut.

[Liebe und Frieden stammen aus „Hurra“ von den Ärzten]

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