Guess the Party, das lustige politische Ratespiel

Februar 24, 2010

Heute wollen wir dem interessierten Leser ein besonders unter amerikanischen Konservativen beliebtes Spiel mit den Medien vorstellen: Guess the Party. Hintergrund ist der Vorwurf, dass Journalisten – angeblich alles linke Zecken – bei Berichten über das Fehlverhalten von Demokraten bewusst die Parteizugehörigen verschweigen. Habe dagegen ein Republikaner etwas ausgefressen, heißt es weiter, werde die Partei so prominent wie möglich genannt.

Nehmen wir dieses Beispiel aus dem konservativen Blog Moonbattery:

See if you can guess Texas State Rep. Borris Miles’s party affiliation after reading this news report: […] If you haven’t guessed his affiliation yet, here’s a giant clue: the news report doesn’t say.

(Wir hatten den Begriff moonbat bereits erklärt). Blogs wie The Colossus of Rhodey sammeln solche Fälle. Dummerweise geht die Unterstellung gelegentlich in die Hose und es war doch ein Republikaner. Zudem ist es besonders auf den unteren Ebenen in der US-Politik wegen der Direktwahl so, dass sie gar nicht zu einer Partei gehören müssen.

Es gibt Varianten von Guess the Party wie Guess the Religion. Dabei wird unterstellt, dass die Journalisten aus politischer Korrektheit den Glauben auslassen, wenn die Täter Muslime sind. Das folgende Beispiel stammt aus dem Blog der konservativen Kommentatorin Debbie Schlussel, die laut Wikipedia selbst auch für Zeitungen schreibt:

While both [newspapers] had big stories on the food stamp ring — which ripped off taxpayers to the tune of over $1.5 million — neither story would publish the names of the defendants even though they were in the press release. Why? Well, naming them would let readers know that all of the individuals in this ring are Muslim Arabs, Shi’ites from Lebanon.

Interessant ist dieses Beispiel im Zusammenhang mit unserem Eintrag zum police blotter, denn Schlussel druckt die Namen der 27 Verdächtigen dann selbst ab. Man beachte auch das Foto von der Razzia, bei dem die Gesichter – natürlich auch das des Polizisten – klar zu erkennen sind. In den USA ist das, wie gesagt, völlig legal.

Programmiert ist der Vorwurf der aktiven, äh, Verschleierung der Religion bei Berichten über Unruhen in den Vororten von Paris (Paris, France wohlgemerkt, nicht Paris, Texas). Hier wird, so die Behauptung, ständig nur von „Jugendlichen“ gesprochen, ohne auf deren Glauben hinzuweisen. Dem Religions-Redakteur der Nachrichtenagentur Reuters Tom Heneghan wurden die Vorwürfe irgendwann zu doof, und er schrieb in seinem Blog eine lange Erwiderung: Die Religion sei nach seiner Ansicht hier nicht relevant.

Why should we inject religion into this when these neighbourhoods are actually a religious patchwork and there is no sign that faith has been a factor in the rioting?

Es gibt weniger kontroverse Varianten von Guess the Religion. Der interessierte Leser mag sich angesichts des jüngsten Treffens zwischen US-Präsident Barack Obama und dem Dalai Lama anschauen – ob in den amerikanischen oder deutschen Medien – wie häufig der ältere der beiden Friedens-Nobelpreisträger nur „das geistliche Oberhaupt der Tibeter“ genannt wurde. Hinweise darauf, dass er irgendwas mit dem Buddhismus zu tun haben könnte, fehlen gerne, trotz des geschorenen Kopfes und des doch recht auffälligen rot-gelben Gewandes.

(Wer als Buffy-Fan jetzt stutzt: Ja, in der achten Staffel werden die tibetanischen Mönche mit gelben Roben gezeichnet, aber das ist ein Fehler: Gelb tragen die chinesischen Mönche [Foto], rot und gelb die tibetanischen [Foto]. Offenbar handelt es sich um einen Recherchefehler.)

Ob bei irgendeinem der Ratespiele wirklich eine Verschwörung oder Boshaftigkeit im Hintergrund steht, kann dieses Blog natürlich nicht sagen. Der Vollständigkeit halber verweisen wir am Ende aber auf eine Variante von Hanlon’s Razor als alternative Erklärung:

Never attribute to malice that which can be adequately explained by incompetence.

Das wusste schon Goethe.

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