ZEUGS: Angriff der Informationsimperialisten

Januar 23, 2010

Als Schreiber liest man gelegentlich eine Wortschöpfung und verbringt dann den restlichen Tag damit, schlecht gelaunt und grün vor Neid durch die Wohnung zu stampfen, weil sie einem nicht selbst eingefallen ist. Sehr zum Leidwesen der Schönsten Germanin ist das heute wieder der Fall, denn dieser Autor hat bei Spiegel Online den Begriff „Informationsimperialismus“ gefunden. Es geht um den Streit zwischen den USA und China über Zensur im Internet:

Die [chinesische] Tageszeitung „Global Times“ warf den USA in einem Kommentar sogar „Informationsimperialismus“ vor. Die Forderungen der USA nach freiem Fluss der Informationen seien „ein verdeckter Versuch, anderen Ländern im Namen der Demokratie ihre Werte aufzuzwingen“.

Dagegen „regele“ China das Internet nach Angaben eines Regierungssprechers, um es in Einklang mit „nationalen Bedingungen und kulturellen Traditionen“ zu bringen.

Dieser Autor ärgert sich nicht wegen des Inhalts, sondern weil der Begriff herrlich in die Serie zur Meinungsfreiheit gepasst hätte. Der Übergang von „Kulturimperialismus“ zu „Informationsimperialismus“ hätte wunderbar deutlich gemacht, wie stark dieser Teil des First Amendment im internationalen Vergleich ist und welche Folgen er im Internet hat. Wie einprägsam wäre das gewesen!

Jetzt juckt es diesem Autor in den Fingern, alle Einträge umzuschreiben. Mehr noch, das wäre vielleicht ein guter Name für das Blog als Ganzes gewesen, auch wenn das Wort ziemlich lang ist und einige Leute bekanntlich mit der Ironie Probleme haben, wenn sie nicht kursiv geschrieben wird.

Vertan, vertan. Vielleicht als T-Shirt? Egal. Zum Umschreiben ist auch gar keine Zeit, denn viele interessierte Leser haben viele Dinge eingeschickt.

  • Zu Avatar und Pocahontas: Der interessiere Leser JP argumentiert, dass nicht Disneys Pocahontas, sondern The Last Samurai Pate für Avatar gestanden hat:

    Es passt einfach alles: Der Kriegsveteran, der eigentlich schon genug vom Krieg gesehen hat, der Konflikt zwischen Industrialisierung und Naturzustand, die Aufnahme in den „Stamm“, die langsame Bindung zum Stamm und die damit einhergehende Katharsis, der Endkampf gegen die Armee der Industrialisierung (komplett mit kaltblütigem General) … lediglich die Enden divergieren, und die Rolle der Neytiri wird in „Samurai“ auf zwei Charaktere aufgespalten.

    Die linke Kulturkritikerin Annalee Newitz von io9 hat einen langen Kommentar zu Avatar geschrieben mit dem Titel „When Will White People Stop Making Movies Like ‚Avatar‘?“ Auch dort kommt The Last Samurai vor, ebenfalls Dances with Wolves, District 9, Dune und Enemy Mine. Sie argumentiert, dass Science Fiction leidet, wenn ständig eine weiße Identifikationsfigur eingefügt wird:

    Speaking as a white person, I don’t need to hear more about my own racial experience. I’d like to watch some movies about people of color (ahem, aliens), from the perspective of that group, without injecting a random white (erm, human) character to explain everything to me.

    Vielleicht hätte Will Smith die Hauptrolle von Avatar bekommen sollen?

  • Zur Synchronisation: Wenn wir schon unsere schlechte Laune in viel zu langen Einträgen über Kinofilme auslassen: Bloody Disgusting hat den schwedischen Vampirfilm Låt den rätte komma in zum
    besten Horrorfilm des Jahrzehnts ernannt. Ja, noch vor The Descent. Låt den rätte, so die Begründung, sei

    an austerely beautiful creation that reveals itself slowly, like the best works of art do

    Kunst? Verdächtig. Zwar lief der Film unter dem (korrekt übersetzten) englischen Titel Let the Right One In als das Centerpiece des Fantasy Filmfestes 2008, aber dieser Autor hat ihn verpasst. Dummerweise führt dessen ansonsten wunderbarer Online-DVD-Verleih nur die deutschen Titel in der Datenbank, was die Suche enorm erschwerte: Auf So finster die Nacht kann man wohl nur kommen, wenn man sich nicht mit dem Film (oder dem Roman von John Ajvide Lindqvist) beschäftigt hat, denn der Titel wurde vom Morrissey-Lied „Let the Right One Slip In“ inspiriert.

    [Während wir dabei sind: Liebe FSK, ein Film mit abgerissenen Kinderköpfen im Schulschwimmbad und Narben auf dem Schamhügel einer Zwölfjährigen sollte nicht ab 16 Jahren freigegeben werden, egal, wie viele Preise er gewonnen hat.]

    Warum wir das hier erwähnen? Weil die Kultur- und Informationsimperialisten an einem remake arbeiten. Manchmal kann das gut sein, wie jeder weiß, der sich nach The Ring durch Ringu gequält hat. Aber alles deutet darauf hin, dass Let Me In (Vorschlag für den Synchron-Titel: Finstere Fische sterben schweigend) ein Desaster werden wird, denn die Macher laufen herum und erzählen, der Film solle „für die Allgemeinheit zugänglicher“ und a little bit more thrilling gemacht werden.

    Die Schönste Germanin dürfte das freuen. Der Rest von uns kann sich überlegen, was geändert werden wird und dabei seine Vorurteile testen, was eine britische Produktionsfirma mit niederländischem Eigentümer als richtig für den nordamerikanischen Markt sieht. Wir werden im Oktober darauf zurückkommen.

  • Zur Synchronisation, nochmal, und ab jetzt wieder kürzer, versprochen: Der interessierte Leser JP (ein anderer) verweist auf die Wut des Zwiebelfisch-Autors Sebastian Sick über eingeblendete deutsche Untertitel wie „Ich Herz LA“. Das ist doch mal echter Informations-Zwang.
  • Zu altem Englisch in neuer Form, denn offenbar ist Kino heute the leitmotif, wie es so schön auf Englisch heißt: Der Filmemacher und Autor Adam Bertocci hat eine Shakespeare-Version von The Big Lebowski verfasst mit dem Titel Two Gentlemen of Lebowski.

    Is not thy name, sir, Geoffrey of Lebowski? To be or not Lebowski, that is the question; I see we still did meet each other’s man. Shall we not make amends? A gentleman of high sentence ought to be of unsequestered location, possessed of resources fit to restore a thousand rugs from vile offence.

    Das Stück gehört hoffentlich bald zum Programm von Shakespeare in the Park.

  • Zu Religion: Der prominente amerikanische Atheist Christopher Hitchens spricht in einem Slate-Beitrag über die deutliche Zunahme von Konfessionslosen in den USA [ja, was jetzt kommt, ist ein einziger Satz; so viel zum Thema plain English]:

    Thanks to the foolishness of the „intelligent design“ faction, which has tried with ignominious un-success to smuggle the teaching of creationism into our schools under a name that is plainly stupid rather than intelligent, and thanks to the ceaseless preaching of hatred and violence against our society by the fanatics of another faith, as well as other related behavior, such as the mad attempt by messianic Jews to steal the land of other people, the secular movement in the United States is acquiring a confidence that it has not known in years, while many of those who put their faith in revelation and prophecy and prayer are feeling the need to give an account of themselves.

    Zusammenfassung: Religion bekommt nach seiner Ansicht einen immer schlechteren Ruf (die fanatics of another faith sind Muslime). Hitchens geht auch auf die Frage ein, warum laut einiger Umfragen angeblich mehr Amerikaner an den Teufel als an die Evolution glauben. Wir werden im Zusammenhang mit der Tiger-Woods-Affäre wieder auf Religion im Kongress eingehen.

  • Zu Chocolate Chip Cookies, denn nach diesem Zeugs-Eintrag ist etwas Schokolade vermutlich nötig: Der interessierte Leser FP erklärt, dass man doch Backpulver für baking soda nehmen kann:

    [M]an braucht nur etwas mehr. Umgekehrt geht das nicht, weil Baking Soda eine Säure benötigt um als Triebmittel aktiv zu werden. Backpulver enthält bereits Stoffe, die diesen Vorgang auslösen und wegen dieser Zusatzstoffe braucht man mehr davon, aber letztendlich funktioniert es genauso. (…) Ich mache seit Jahren meine Pfannkuchen und allerlei andere amerikanische Rezepte immer mit Backpulver.

    Und das Thema Essen bringt uns wieder zu Imperialisten und Schweden. Wenn der Rahmen steht, soll man aufhören.

Zuletzt noch etwas Eigenwerbung: Die Website Evangelisch.de hat mit diesem Autor ein Interview zum Thema „Obama nach einem Jahr“ geführt. Vielen Dank!

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