Avatar – Pocahontas in blau

Januar 19, 2010

Dieser Autor hat es dann doch endlich geschafft, Avatar zu sehen. Mehr noch, inzwischen hat er den Film in 3D und 2D geschaut. Der Streifen ist genau so, wie man es gehört hat: Von der Handlung vorhersehbar und schlicht wie, nun, eine Liebesgeschichte auf der „Titanic“, aber visuell umwerfend. Die zusätzliche Dimension ist nett, aber macht das Bild unscharf. Das ist schade: Avatar ist der erste Film, bei dem dieser Autor neugierig ist, wie er sich in full HD macht.

[Wer den Film noch sehen will, hört jetzt auf zu lesen, geht ins Kino und kommt dann wieder. Das gilt nicht für unsere interessierten Leser in China.]

Für Amerikaner ist sofort klar: Die Handlung von Avatar ist geklaut sehr stark inspiriert von der Geschichte der Indianer-Frau Pocahontas, zumindest wie sie von Disney erzählt wird. Das geht so weit, dass es im Internet das angepasste Exposé dazu gibt.

Pocahontas ist eine von zwei Indianerinnen, deren Namen man mindestens kennen sollte (die andere ist Sacajawea von den Shoshone, die Führerin der Expedition von Lewis und Clark). Schon deswegen gehen wir kurz auf sie ein. Zudem kennen die meisten Deutschen vermutlich nur die Disney-Version, die sich gewisse erzählerische Freiheiten nahm.

Pocahontas (etwa 1595 bis 1617) war die Tochter eines Indianerhäuptlings der Algonquian namens Powhatan im heutigen Virginia. Als sie noch ein kleines Mädchen war, landeten am 14. Mai 1607 die Engländer und gründeten die Kolonie Jamestown. Der Überlieferung nach verstand sie sich sehr früh sehr gut mit dem Anführer der Siedler, ein Haudegen namens John Smith.

Damit sind wir auch bei dem Kern der Geschichte: Angeblich wollte Powhatan Smith zwischendurch töten, aber Klein-Pocahontas setzte sich für ihn ein und rettete ihm das Leben. Mensch, das kennen wir doch!

[Fußnote: In Avatar wird die Retterin Neytiri von Zoe Saldana (und vielen blauen Pixeln) gespielt, die wir besser als Uhura in der Neuauflage von Star Trek kennen. Ihre Familie stammt aus der DomRep. Damit ist sie eine dieser black Hispanics, die Europäer so verwirrend finden: Von der Rasse her ist sie schwarz, von der ethnischen Zugehörigkeit eine Latina. Zusammen mit Michelle Rodriguez (Resident Evil) als Trudy Chacon sind damit in Avatar die beiden kämpfenden Frauen Hispanics.]

Smith selbst hat den Vorgang in seinem 1624 erschienen Buch The Generall Historie of Virginia, New England & the Summer Isles: Together with The True Travels, Adventures and Observations, and a Sea Grammar beschrieben. So lang wie der Titel ist auch der entsprechende Satz, denn plain English war damals noch unbekannt:

[T]hen as many as could laid hands on him, dragged him to them, and thereon laid his head, and being ready with their clubs, to beat out his brains, Pocahontas the king’s dearest daughter, when no entreaty could prevail, got his head in her arms, and laid her own upon his to save him from death: whereat the Emperor was contented he should live to make him hatchets, and her bells, beads, and copper; for they thought him as well of all occupations as themselves.

Später wurde Smith verletzt und musste zurück nach England – den Indianern wurde gesagt, er sei tot.

Pocahontas‘ Leben blieb aufregend. Sie wurde zwischendurch entführt, konvertierte zum Christentum [JPG], änderte ihren Namen in Rebecca, und heiratete 1614 den Siedler John Rolfe. Zusammen hatten sie ein Kind, Thomas. So eine binationale Ehe hilft immer bei internationalen Beziehungen und auch mit den Indianern klappte es besser. Die Zeit wird Peace of Pocahontas genannt.

Die Familie reiste 1616 nach England, wo Pocahontas/Rebecca alle verzauberte und sie König James I. traf. Auch den totgeglaubten Smith sah sie wieder, eine sehr emotionale Begegnung. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Porträt von Simon van de Passe, das die Vorlage für das noch berühmtere Ölgemälde lieferte. Auf beiden Bildern ist, äh, vielleicht nicht sofort zu erkennen, warum sie alle in ihren Bann geschlagen haben soll.

Im März 1617 brach die Familie Rolfe wieder nach Amerika auf. Pocahontas, inzwischen etwa 22 Jahre alt, wurde so krank, dass sie die Reise abbrechen musste. Heute geht man von einer Lungenentzündung oder Tuberkulose aus. Sie verstarb auf englischem Boden. Ihre letzten Worte sind überliefert als:

All must die. ‚Tis enough that the child liveth.

Tatsächlich wurde Thomas der Urahn einer ganzen Sippe, zu der angeblich auch die ehemalige First Lady Nancy Reagan gehört. Pocahontas wurde in Gravesend beigesetzt, aber leider wissen die schusseligen Engländer nicht mehr, wo. Immerhin haben sie später eine Statue aufgestellt.

Wer Pocahontas nur von Disney kennt, wird jetzt verwirrt sein. Sie und Smith waren doch für einander bestimmt! Wer ist diese blöde Rolfe-Person? Das war doch ganz anders! Ja, unter anderem weil man in westlichen Kinderfilmen ungern nackte kleine Mädchen und 28-jährige Männer zeigt, die sich sehr gut verstehen. David Morenus, nach eigenen Angaben selbst Nachfahre von Pocahontas, hat eine Tabelle mit den wichtigsten Unterschieden zwischen Zeichentrickfilm und Wirklichkeit zusammengestellt. Er schreibt dazu:

The movie is just a cartoon musical, after all. Disney was more interested in telling a good story than in sticking to the facts. (…) If you know the history, it adds to the pleasure of the movie. If you think this is history, you will be confused.

Über die Symbolik von Pocahontas‘ Leben sind Bände geschrieben worden. Entweder zeigt die „Vorzeigefamilie“, dass alles gut wird, so lange die dämlichen Eingeborenen die überlegenen christlich-europäischen Werte übernehmen, wie es Gottes Wille ist (beliebt im 17. Jahrhundert). Oder ihr Tod zeigt, dass das eine richtig blöde Idee ist und dass der weiße Mann, seine Religion und seine Technik nur Verderben bringen (die Variante bei Avatar). Der interessierte Leser wird sich das alles selbst denken können und dieser Autor fand politische Interpretationen schon in der Schule fürchterlich langweilig. Wir lassen das hier.

Bleibt die Frage, ob der romantische Kern der Geschichte, Smiths Rettung, überhaupt wahr ist. Seine Zeitgenossen auf beiden Seiten des Atlantiks hatten keine Zweifel. Erst in der Neuzeit erschien das einigen Leuten zu schön, um wahr zu sein. Seitdem gibt es Spekulationen, Smith habe die Geschichte nur erfunden – aber eine Lüge müsste man ihm konkret nachweisen. Überlegt wird auch, ob das mit der Hinrichtung nur ein Ritual war. Dagegen spricht wiederum, dass keine derartigen Sitten unter den Indianern der Region bekannt sind. Smith ist auf jeden Fall die einzige Quelle.

Am Ende weiß man es schlicht nicht. Aber es ist eine gute Geschichte, so gut, dass man sie einfach immer wieder neu erzählen muss. Der Erfolg ist dann programmiert. Wir können alle nur froh sein, dass diesmal Céline Dion nicht irgendwie beteiligt war – und dabei hat sie doch schon bei Titanic vom Baum gesungen.

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