Guerrilla gardeners – Die andere Art von Öko-Terroristen

Juli 3, 2009

Eigentlich wollten wir über ganz andere Sachen schreiben, wie Japans Versuche, im Zweiten Weltkrieg ein Gespräch mit der Sowjetunion anzufangen oder was Veronica Mars meint, wenn sie mit ihrem Freund über second base redet. Aber dieser Autor verbringt im Moment viel Zeit im Garten, wo die Kinder sich mit unerwarteter Begeisterung auf die Erbsen stürzen, und daher liegen ihm grüne Themen erstmal näher.

Daher befassen wir uns heute mit der pflanzentechnischen Ausprägung eines wesentlichen Charakterzuges des Amerikaners an sich. Bekanntlich zeigt dieser sich schon seit kolonialen Tagen als respektlos, aufrührerisch, subversiv, eigensinnig und eben allgemein zum zivilen Ungehorsam geneigt. Die pampige Reaktion auf Steuererhöhungen und ihre Folgen hatten wir besprochen; neuere Beispiele sind Abbie Hoffmans berühmtes Steal this Book (1971) oder Fight Club von Chuck Palahniuk (1996), dessen Gesellschaftskritik für das Kino abgeschwächt wurde.

Selbst amerikanische Gartenfans zeigen solche Züge.

Gehen wir in die Industriestadt Bushwick in New York. Dort klettern die Mitglieder der Gruppe Trees Not Trash (TNT) über Zäune und pflanzen Dinge auf Land, das ihnen nicht gehört – Gemüse, Bäume, Blumen. Insbesondere nehmen sie sich verlassene, verwahrloste Grundstücke vor. Wo sie die Zäune nicht überwinden können, werfen sie seedbombs, kleine Bälle aus Samen, Ton und Kompost, die sich im Regen auflösen und Pflanzen sprießen lassen.

Gegründet wurde TNT von der Kanadierin Kate Gilliam. Sie beschreibt fröhlich, dass man solche Aktionen nicht heimlich vornehmen muss, so lange man nur frech genug vorgeht. Ein zugemülltes Stück Land an der Bogart Street gingen die Radieschen-Revoluzzer am helllichten Tag an:

Gilliam did not know who owned the property, but she did know that if she and her friends waded into the mess with trash bags and gave the appearance that they knew what they were doing, the cops were unlikely to disturb them.

Auf dem Grundstück (das sich später als Eigentum der Stadt herausstellte) wachsen inzwischen Kirsch- und Ahornbäume, Gemüse und jede Menge Blumen. Dank der Gruppe ist die Zahl der Bäume in der vorher ziemlich trostlosen Nachbarschaft von einem (in Zahlen: 1) auf 51 gestiegen.

Gilliam und TNT gehört zu einer angelsächsischen Bewegung namens guerrilla gardening. Der Begriff geht auf die amerikanische Künstlerin Liz Christy zurück, die zusammen mit den Green Guerillas sich 1973 ein heruntergekommenes 1.400 Quadratmeter großes Grundstück in Manhattan vornahm und in einen Garten verwandelte. Es dauerte ein Jahr, um überhaupt den ganzen Müll wegzuräumen, denn es musste in diesem Fall wirklich heimlich geschehen.

[Einschub: Der aufmerksame interessierte Leser wird bemerkt haben, dass guerrilla gardening zwei „r“ hat, die Green Guerillas aber nur eins. Beide Schreibweisen sind im Englischen gebräuchlich.]

Die Stadt war zuerst nicht wirklich glücklich darüber, entschied sich aber ein Jahr später, das Grundstück formell für einen Dollar pro Jahr zu verpachten. Zudem wurde 1978 das offizielle GreenThumb-Programm ins Leben gerufen, das beim Aufbau von community gardens hilft, inzwischen 600 an der Zahl. Offiziell lautet die Entstehungsgeschichte inzwischen so:

The majority of GreenThumb gardens were derelict vacant lots renovated by volunteers.

Was etwa in der Art stimmt, wie dass Graffiti auch „Kunst von Freiwilligen“ ist.

Die Beziehung zur Stadtverwaltung bleibt trotz des Programms schwierig. In den 90er Jahren kam Bürgermeister Rudy Giuliani auf die Idee, man könne auf dem Land doch viel besser irgendwas bauen, das Steuern einbringt. Nach einem riesigen Aufschrei einigte man sich 2002 darauf, das Land von mehr als 100 Gärten zu verkaufen, während knapp 200 geschützt werden und die Rechtslage bei dem Rest unklar blieb. Christys erstes Stück Land an der Bowery und Houston ist inzwischen der Liz Christy Garden und macht die Leute so richtig glücklich:

Friends meet here. People feel safe and talk to future friends here. Dates come here. Artists come to paint and draw, photographers visit. People come in groups, as singles and smile a lot.

Sie selbst starb im Alter von 39 Jahren an Krebs.

Die Guerrilla-Gardening-Bewegung hat sich in den ganzen USA ausgebreitet. Parallel dazu gibt es immer mehr offizielle Programme von Städten wie das adopt-a-lot in Flint, Michigan. Damit soll das Ganze wenigstens ansatzweise in geordnete Bahnen gelenkt werden, nach dem Motto: If you can’t beat them, join them.

Was ist außerhalb der USA? Bekanntlich sind die Briten nur Amerikaner, deren Vorfahren das Schiff verpasst haben. Daher darf es nicht wundern, dass guerrilla gardening insbesondere in Großbritannien, äh, Wurzeln geschlagen hat, der Heimat der Transition Towns. Hier ist der bekannteste Name Richard Reynolds. Auf seiner Website findet man Bildberichte aus aller Welt von troop digs, eine Art grüner Kriegszug von Guerrilla-Gärtnern.

Dort finden wir auch Berichte einer gewissen „Julia“ aus Berlin von der Humboldt Universität, bei der es sich möglicherweise um Julia Jahnke [PDF] handelt. Sie schrieb im Oktober 2007 ihre Master-Arbeit im Studiengang Nachhaltige Landnutzung (in der leider keine E-Mail-Adresse angegeben ist):

Als mittellose Studentin sah ich die einfachste und praktikabelste Genugtuung meiner Gärtnerlust darin, eine der unzähligen verwahrlosten Brachen Berlins in Eigeninitiative zu meinen Zwecken umzugestalten. Ich begann, Erde heranzuschaffen, Beete anzulegen und Gemüse, Blumen und Kräuter anzubauen. Damit wurde ich – zunächst ohne mir als solche bewusst zu sein – zur Guerrilla Gärtnerin.

Jahnke dokumentiert unter anderem die deutschen Guer(r)illa-Gärtner in Berlin, wo sie als „Gartenpiraten“ bekannt sind. Ob die Bewegung irgendwann eine ähnliche Stärke erreichen wird wie bei ihren Kollegen in New York und London, ist unklar. Zumindest die „Zeit“ ist der Meinung, dass es in Berlin schon genug grün gibt.

Etwas außerhalb von Berlin ist das auf jeden Fall wahr: Aufgerissene Erbsenschoten, wohin man nur schaut.

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