Michael Jackson und die Paramedics

Juni 26, 2009

Heute Morgen war in einigen deutschen Medien zu hören, Michael Jackson sei in seinem Haus von „einem Notarzt“ behandelt worden. Eine andere Variante lautete, dass Jackson nicht mehr geatmet habe, als „der Notarzt“ angekommen sei. Da stutzt der Amerika-Kenner. Ein Notarzt? In den USA? Eher weniger. Und tatsächlich ist in den US-Medien von paramedics die Rede.

Denn in den USA fährt meist nicht ein Arzt mit ‚raus. Dafür sind die Entfernungen zu groß, der Doktor würde zu viel Zeit damit verbringen, im Krankenwagen zu sitzen und geschmacklose Witze mit dem Fahrer auszutauschen oder Schlaf nachzuholen. Wo kämen wir denn da hin.

Stattdessen werden besagte Paramedics eingesetzt, Spezialisten, deren Aufgabe es ist, die Erstversorgung zu leisten, den Patienten zu stabilisieren und dann so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu schaffen. Die Betonung liegt auf „schnell“. Der interessierte Leser wird sich an die Buffy-Folge „The Body“ erinnern, in der Buffys Mutter von Paramedics behandelt wird, ohne Erfolg.

Diese Strategie wird scoop-and-run genannt, während der Notarzt in Deutschland nach der Philosophie des stay-and-play handelt. Es gibt endlose Fach-Diskussionen darüber, welches Verfahren besser ist, bereichert durch Überlegungen, welches kostengünstiger ist. Wir werden uns nicht daran beteiligen, sondern nur darauf hinweisen, dass unterschiedliche Bedingungen herrschen:

The differences between Europe and the US are the pattern of injury (more penetration injuries in the US) and the difference in transportation times (hospitals in Europe are not so widely spread).

Mit penetration injuries ist nicht das gemeint, was die 13-jährigen männlichen Leser jetzt denken, sondern Stich- und Schussverletzungen. Das US-Militär bildet seine Ärzte und Pfleger nicht umsonst auch in Krankenhäusern wie dem Kings County in New York aus.

Allgemein gehen Teile des heutigen US-Systems auf die Lehren aus den Korea- und Vietnam-Kriegen zurück. Umgekehrt hat die amerikanische Wehrmedizin in den vergangenen Jahren massiv von neuen Verfahren aus der zivilen Unfallmedizin profitiert:

The fighting in Iraq and Afghanistan has brought about a major change in how the United States deals with combat casualties. The result is that over 90 percent of the troops wounded, survive their wounds. That’s the highest rate in history.

Unter anderem sind die Soldaten besser ausgebildet und beherrschen jetzt Verfahren, die zuvor nur Sanitäter kannten, während Sanitäter Dinge tun, die vorher Ärzten vorbehalten waren. Wir hatten über die Bedeutung der Erste-Hilfe-Ausbildung bei dem First-Person-Shooter America’s Army gesprochen.

Zurück zum Paramedic. Dessen Ausbildung ist nicht landesweit standardisiert und dauert je nach Bundesstaat und Aufgabengebiet zwischen einigen Monaten und mehreren Jahren. Entsprechend sind die Fähigkeiten auch sehr unterschiedlich – die Wikipedia hat dazu eine hilfreiche Tabelle.

Man bemerke, dass hochgebildete Paramedics nicht nur jede Menge Medikamente einsetzen dürfen, sondern auch eigenständig und ohne Aufsicht eines Arztes kleinere Eingriffe wie Näharbeiten vornehmen. In Großbritannien gibt es inzwischen super-paramedics, die offenbar noch einen Schritt näher am „Halb-Arzt“ (und damit wohl „Viertel-Götter“) sind.

Am Paramedic sehen wir ein allgemeines Prinzip des amerikanischen Gesundheitssystems: Eine ganze Reihe von Aufgaben, die in Deutschland von Ärzten übernommen werden, fallen Spezialisten zu.

Am deutlichsten ist der Unterschied bei den Pflegekräften, sprich, der Krankenschwester. Um eine registered nurse (RN) zu werden, muss man zwei bis vier Jahre studieren und arbeitet dann auch viel selbstständiger. Das Aufgabengebiet eines deutschen Pflegers entspricht eher dem einer licensed practical nurse (LPN), die ihre Anweisungen von der RN kriegt. Entsprechend sind Amerikaner (und Briten) in Deutschland beeindruckt, was alles der Herr Doktor persönlich tut. Great service!

Wie sollte man Jacksons Helfer denn nun auf Deutsch nennen? Am ehesten passt der Begriff des Rettungsassistenten, der im Volksmund ungeachtet seiner wesentlich besseren Ausbildung gerne zum „Rettungssanitäter“ degradiert wird (daher der Witz: „Guten Tag, ich bin der Rettungssanitäter und das hier ist mein Assistent“). Das ist zwar nicht ganz richtig – Paramedics handeln selbstständig, während der deutsche Rettungsassistent trotz seiner umfangreichen Fähigkeiten meist verflucht ist, Handlanger des Notarztes zu sein. Aber es kommt der Sache schon näher.

Allerdings klingt das mit dem Notarzt natürlich dramatischer. Auch nach seinem Tod bleibt Jackson selbst in kleinen Dingen nicht von der Sensationsgier verschont.

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