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März 19, 2009

Früher, als es noch keine Computerspiele gab, war böse Musik an den Übeln der Gesellschaft schuld. Das ist aus der Mode gekommen, vermutlich weil Szenen aus Counter-Strike im Fernsehen besser kommen als ein Standbild von Leonard Cohen mit einer Ton-Einspielung von First We Take Manhattan. Ältere interessierte Leser werden sich an die Aufregung über das Falco-Lied Jeanny erinnern.

Der besondere amerikanische Beitrag zu dieser Variante von moral panic bestand darin, aus Musikstücken rückwärts eingespielte satanische Botschaften herauszuhören und dann zu behaupten, sie würden unterbewusst aufgenommen. Das ist natürlich so abgefahren blödsinnig, dass man als Amerikaner fast stolz darauf sein muss, die Idee erfunden zu haben.

Den Einbau von rückwärts gesprochenen Texten in Liedern – backmasking genannt – gibt es natürlich schon länger. Die Idee, dass sich tiefere Botschaften darin verstecken könnten, geht allerdings offenbar auf den Detroiter Diskjockey Russ Gibb zurück. Im Jahr 1969 hörte er sich nach einem Hinweis eines anonymen Anrufers das White Album der Beatles genauer an – rückwärts. Oh Schreck! Am Ende von „I’m So Tired“ sagte John Lennon plötzlich

Paul is a dead man, miss him, miss him, miss him

und aus der Liedzeile number nine, number nine aus „Revolution Number 9“ wurde

turn me on dead man

Eins führte zum anderen, und plötzlich machte eine ausgefeilte Verschwörungstheorie die Runde, laut der Paul McCartney tot war (war er aber nicht). Wie bei Falco führte die Kontroverse ganz nebenbei zu einem massiven Anstieg der Absatzzahlen.

So weit, so albern. Ab Ende der 70er Jahre redeten sich dann radikale Christengruppen ein, in einer ganzen Reihe von Rockliedern seien auf diese Weise unterschwellige satanische Botschaften eingebaut. Zu den prominentesten Beispielen gehört angeblich „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin:

I will sing because I live with Satan

Bei „Hotel California“ von den Eagles soll

Satan he hears this

zu hören sein, was wenigstens heißen würde, dass der Teufel guten Musikgeschmack besitzt.

Angegriffen wurden auch Pink Floyd, Electric Light Orchestra, Queen und Styx. Noch 1990 wurde Judas Priest von Eltern angeklagt, mit der versteckten Botschaft do it zwei Jugendliche in den Selbstmord getrieben zu haben. Das Gericht verwarf die Anklage.

(Die Wikipedia behauptet, dass per Gesetz in Kalifornien – wo sonst – eine Platte seit 1983 Warnhinweise tragen muss, wenn darauf Rückwärtsbotschaften enthalten sind. In anderen Quellen ist nur davon die Rede, dass ein solches Gesetz in den Kongress-Ausschüssen des Bundesstaates diskutiert wurde. Ein ähnlicher Vorstoß wurde in Arkansas von dem damaligen Gouverneur gestoppt, einem gewissen Bill Clinton.)

Natürlich beteiligte sich die Presse mit ihrer üblichen, äh, ausgewogenen Berichterstattung an der Diskussion. Die Musikgruppen selbst wiesen das alles als Blödsinn zurück, Wissenschafter schüttelten den Kopf und der gemeine Amerikaner lachte sich über die religiösen Irren schlapp. Rückwärts eingespielte satanische Botschaften wurden zu einem running gag. Da konnten die Simpsons nicht fehlen.

Am Ende starb die Kontroverse wegen einer neuen Technologie: Die Langspielplatte wurde durch die CD ersetzt, bei der man nicht mehr so einfach die Abspielrichtung ändern konnte. Erst mit dem Aufkommen der rein digitalen Medien ist das Interesse wieder etwas erwacht.

Einige radikale Christen hielten der Idee die Treue. Schauen wir uns den Tod von John Lennon genauer an:

„Double Fantasy,“ the last record he ever made, recorded that he was going to be murdered. […] When played in reverse, you hear a ghostly voice sing, „Satan is Coming … six six six …“ and finally the chilling lyrics, „We Shot John Lennon!“

Inzwischen gibt es keinen Mangel an Liedern mit Backmasking, weil es so einen großen Spaß macht. Selbst bei Kinofilmen wird es eingebaut. Dank des Internets gibt es heute Mitschnitte der angeblichen Botschaften und Listen mit echten Beispielen für Backmasking. Dort taucht auch Dieter Bohlen auf:

Es gibt nie ein Ende von Modern Talking

Das ist nun wirklich eine höllische Vorstellung.

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