November, der amerikanische Roman-Monat

November 18, 2008

Einige Amerikaner wirken im November abwesend, überarbeitet, gehetzt, ungepflegt, sind kaum zu erreichen und trinken viel zu viel Kaffee, denn sie nehmen am National Novel Writing Month (kurz NaNoWriMo) teil. Das Ziel ist, wie der Name sagt, innerhalb eines Monats einen Roman zu schreiben. Im vergangenen Jahr versuchten sich als 100.000 Menschen daran. Heraus kamen 15.000 Romane.

Erfinder des Ganzen ist der Journalist Chris Baty. In seinem Buch No Plot? No Problem! [1] beschreibt er, wie der Überschwang des Dot-Com-Booms 1999 ihn und 21 Bekannte dazu brachte zu glauben, sie könnten in 30 Tagen einen Kurzroman mit 50.000 Wörtern schreiben:

We were in our mid-twenties, and we had no idea what we were doing. But we knew we loved books. And so we set out to write them.

Baty und fünf seiner Freunde schafften es tatsächlich. Das Ganze ist seitdem explodiert:

1999: 21 Teilnehmer und sechs Gewinner
2000: 140 Teilnehmer und 29 Gewinner
2001: 5.000 Teilnehmer und mehr als 700 Gewinner
2002: 13.500 Teilnehmer und etwa 2.100 Gewinner
2003: 25.500 Teilnehmer und rund 3.500 Gewinner
2004: 42.000 Teilnehmer und knapp 6.000 Gewinner
2005: 59.000 Teilnehmer und 9.769 Gewinner
2006: 79.000 Teilnehmer und 13.000 Gewinner
2007: 101.510 Teilnehmer und 15.333 Gewinner

Die Regeln sind denkbar einfach. Man schreibt einen Roman, egal auf welche Sprache – auch auf Deutsch wird fleißig getippt – und lädt ihn am Ende des Monats auf die Website hoch. Dort zählt eine Maschine die Wörter, guckt, ob es 50.000 oder mehr sind, und löscht dann den Text. Das war’s.

Wie man sich denken kann, soll das Ganze nicht hochkünstlerische Werke hervorbringen, auch wenn immerhin etwa 25 der Romane veröffentlicht wurden. Es geht darum, die Scheu vor dem Schreiben zu verlieren, das Gefühl los zu werden, dass man so etwas nie schaffen könne. Daher werden die Texte auch bewusst keiner Jury vorgelegt. Die Gewinner tun es nur für sich. Wer schummelt, ist selbst schuld.

Baty gibt den angehenden Autoren eine Reihe von respektlosen Ratschlägen mit wie plot happens, keep it simple oder englightment is overrated und sammelt hilfereiche Tips, wie man seine Kinder los wird und den Partner besänftigt. Eine Rohfassung ist wie Brotteig, sagt er: You need to beat the crap out of it. Als Vorbild für die richtige Einstellung zur Kreativität zitiert er die dreifache Gewinnerin Rise Sheeridan-Peters:

I don’t wait for my muse to wander by; I got out and drag her home by the hair.

Die ganze Website gibt es inzwischen auch auf Deutsch. Dort steht: „Es ist nicht so schrecklich, wie es klingt.“

Aus dem NaNoWriMo sind ähnliche Veranstaltungen entstanden, wie Script Frenzy im April oder das Young Writers Program, das sich an Schüler und Lehrer wendet.

Aber ehrlich, ein ganzer Monat ist doch für Weicheier. Will keiner der interessierten Leser jetzt noch einsteigen?

[1] No Plot? No Problem! A Low-Stress, High-Velocity Guide to Writing a Novel in 30 Days Chris Baty, Chronicle Books, San Francisco 2004

(Nach einem Hinweis von NMK, der den Wettbewerb vor mehreren Jahren entdeckte, aber immer noch nicht teilgenommen hat)

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