Dog Latin und falsches „englisches“ Latein

November 13, 2008

Via, concursus, tempus, spatium, audi me ut imperio — screw it! Mighty forces, I suck at Latin, okay? But that’s not the issue. I’m the one in charge, and I’m telling you: Open up [the] portal, now!

– Willow kämpft mit einem Zauberspruch in der Buffy-Folge „Get it Done“

Dieser Autor sollte inzwischen wissen, dass er kein Wort Latin in dieses Blog aufnehmen kann, ohne sofort von den Leuten zu hören, die ganz genau wissen, ob die Würfel gefallen sind oder geworfen wurden. Dieses Mal war es der interessierte Leser SK, dem zuerst auffiel, dass der Hühnchengeschmack-Schriftzug

Gustatus similis pullus

beim Alien-Aufnäher eigentlich

Gustatus similis pullo

heißen müsste („similis kriegt den Dativ“). Überhaupt gebe es viele Fehler im „englischen“ Latein, sagt SK, was seltsam sei, denn in den USA gebe es keinen Mangel an fähigen Lateinern.

Nun, das können wir erklären. Dauert nur etwas.

In vielen Fällen – allerdings leider nicht in allen – handelt es sich um dog latin, eine weitere Ausprägung der angelsächsischen Liebe zu Wortspielen. Im Gegensatz zum schon besprochenen pig latin werden beim „Hundelatein“ lateinische Worte oder Worte, die nur lateinisch klingen, bewusst falsch zusammengesetzt.

Der König des Pseudolateins ist der britische Autor Terry Pratchett. Von ihm stammt

Fabricati diem, punc

das man eher aus dem Mund von Dirty Harry kennt. Etwas anspruchsvoller ist Nil illegitimo carborandum für Don’t let the bastards burn you. Und dann wäre noch

Stercus stercus stercus moriturus sum!

was wir dem Leser als Übung überlassen. In Thief of Time finden wir eine Variante von Dog Latin ohne Latein als sich der Mönch Lu-Tze über die angeblichen Kampfsportarten Okidoki, Shiitake, Upsidazi, Tung-pi und No Kando lustig macht.

Die größte Verbreitung hat Dog Latin inzwischen durch J.K. Rowling und Harry Potter gefunden. Der Zauberspruch Engorgio! kommt vom Englischen to engorge (immerhin noch mit einem sehr entfernten lateinischen Vorfahren) und Muffliato! von to muffle, um zwei Beispiele zu nennen.

Dass das Ergebnis katastrophal falsch ist, gehört beim Dog Latin zum Witz dazu. Wer will, kann eine sozialkritische Komponente hineininterpretieren, eine Verhöhnung von Latein als „Angebersprache“ für formelle Gelegenheiten und welche, die es zwanghaft sein wollen.

Meist ist aber eher spasus maximus angesagt. Pratchett selbst sagt dazu:

Latin is barely taught anywhere anymore — it certainly wasn’t taught to me. But dog-Latin isn’t Latin, except by accident. It’s simply made-up, vaguely Latin-sounding phrases

(Es muss nicht immer falsches Latein sein. Carpe diem, wollte man diesem Autor einmal einreden, bedeute eigentlich „Gott ist ein Fisch“: Carpe sei der Ursprung von „Karpfen“ und diem komme von deus, also „Gott“. Deswegen auch die ganzen Fischaufkleber bei den Christen. Klang zunächst auch ganz logisch.)

So etwas ist natürlich im Deutschen nicht unbekannt. Die Synchronisatoren von Life of Brian übertrugen Biggus Dickus stilecht als „Schwanzus Longus“. Ihre Kollegen gaben uns bei Asterix „Miraculix“, „Lügfix“ und „Teefax“. Die englische Asterix-Übersetzung bietet ihrerseits „Getafix“, „Vitalstatistix“ und „Selectivemploymenttax“.

Allerdings findet man mehr solcher Spielereien im Englischen, denn die Angelsachsen haben weniger Berührungsängste mit Latein als die Germanen (meistens, zumindest). Das wundert nicht, den England gehörte etwa 350 Jahre lang zum Römischen Reich. Nach der Invasion der Normannen 1066 kam noch ein ganzer Schwung von Vokabeln lateinischen Ursprungs aus dem Französischen hinzu. Das Lateinische sieht man im amerikanischen Englisch deutlicher als im britischen, denn die Amerikaner haben viele der französischen Verunreinigungen wieder entfernt. Color, honor und rumor haben im Original kein u.

Als Folge bekommen Angelsachsen – und natürlich erst Recht die hispanischen US-Bürger – einen gewissen lateinischen Wortschatz kostenlos als Teil ihrer Muttersprache mitgeliefert. Das macht Spielchen mit Latein einfacher. Nehmen wir die Buffy-Folge „Superstar“, wo unsere Helden darüber sprechen, dass Magie ziemlich schwierig ist. Xander, der ein aufgeschlagenes Zauberbuch in der Hand hält, stimmt dem zu:

Right. You can’t just go librum incendere and expect –

worauf das Buch vor seiner Nase in Flammen aufgeht. Selbst Amerikaner, Briten, Kanadier und Australier, die nicht gelernt haben, in wieviele Teile (fast) ganz Gallien geteilt wurde und bei dem Wort latin eher an Jay-Lo denken, erahnen hier den Sinn mit Hilfe von library und to incinerate.

Die Germanen mussten dagegen ja unbedingt die Varusschlacht gewinnen. Als Folge haben ihre Nachkommen ein eher distanziertes Verhältnis zu Latein. Weil die Sprache fast komplett in der Schule gelernt werden muss, hat sie auch mehr von ihrer Funktion als Bildungsmarker behalten. Das wiederum führt dazu, dass Deutsche mehr Hemmungen haben, mit Latein herumzualbern, denn ein Fehler entlarvt sie als (angeblich) schlecht gebildet. Latein ist in Deutschland eine ernste Sache.

Als nächstes muss man wissen, dass Latein in angelsächsischen Geschichten, TV-Serien und Filmen eine feste Funktion hat: Es verleiht Macht, Würde, Mysterium. Die Humanistin Naomi Chana zitiert im Zusammenhang mit der obigen Buffy-Folge ihren Kollegen Peter Goodrich:

[T]he contemporary function of Latin is rhetorical. It acts as a sign, a figure or trope, the conduit of extremity of emotion. It indicates a charge or condensation around the subject or judgment being delivered.

Wie die moderne Verwendung der alten Duz-Formen des Englischen ist das stellenweise schlicht unlogisch. Warum sollte ausgerechnet die Wicca Willow, also eine bekennende Heidin, die Sprache der Römisch-Katholischen Kirche benutzen? Für sie als Jüdin wäre Hebräisch abgebrachter gewesen. Egal. Wenn es Magie sein soll, ist bei den Angelsachsen Latein angesagt.

Jetzt fehlt nur noch ein Faktor, um erklären zu können, warum man in Deutschland so viel falsches „englisches“ Latin sieht: Der Kulturimperialismus.

Denn auf kaum einem anderen Gebiet hat sich das Angelsächsische so durchgesetzt wie bei der Fantasy-Welle. Ob Bücher wie Lord of the Rings oder Harry Potter, TV-Serien wie Buffy oder die billige Kopie Charmed, Kinofilme wie The Last Unicorn oder Conan the Barbarian, Rollenspiele wie Dungeon & Dragons, Computerspiele wie NetHack oder der Abklatsch World of Warcraft, „keltische“ Musik wie die von Enya, die Briten und Amerikaner beherrschen diesen Bereich bis zur Ausschließlichkeit. Deutschlands letzte Alben fristen irgendwo in einem Reservat im Schwarzwald ihr klägliches Darsein.

Damit schleppen die Angelsachsen auch jede Menge Latein oder wenigstens Pseudolatein in die Welt. Wenn einem Deutscher heute irgendwo in den Medien Latein über den Weg läuft, ist es entsprechend meist aus einer englischsprachigen Quelle.

Daher würde man selbst dann mehr falsches „englisches“ Latein finden, wenn die Fehlerquote in beiden Sprachräumen gleich wäre. Allerdings nimmt dieser Autor an – ohne es belegen zu können – dass die Quote im „deutschen“ Latein geringer ist. Nach seiner Erfahrung trauen sich Deutsche nur dann mit Latein aus der Deckung, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind. Angelsachsen sind da viel enthemmter.

Daher die Beobachtung von SK. Quod erat demonstrandum.

Natürlich haben die Angelsachsen auch ihre eigene Würfelwerfer-Subkultur. Ihre Ausläufer finden wir im Wahlkampf, bei amerikanischen Latein-Blogs, bei den Mottos der Bundesstaaten und übersetzten Klassikern wie Cattus Petasatus. Und auch dort regt man sich auch über unabsichtlich falsches Latein wie beim Hühnchengeschmack auf. Nehmen wir folgende Diskussion zu der Angel-Folge „To Shanshu in L.A.“:

What is the subject and what is the predicate of Et illi quinque sacrificium est? I made the minimal change and corrected sacrificum to sacrificium, which assumes that sacrificium is the subject (with singular est) and illi quinque is the predicate. If you want illi quinque to be the subject and sacrificium to be the predicate, you need a plural verb.

Das ist, um bei Brian zu bleiben, die gute alte Schule des Romanes eunt domus [YouTube].

Am Ende sollte dieser Autor in diesem Blog trotzdem lieber nur noch Spanisch benutzen. Dazu kam bislang noch kein einziger Kommentar.

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