ZEUGS: Die Wahl 2008

November 4, 2008

Da wir uns alle in einigen Tagen eine andere Form der Unterhaltung suchen müssen, heute ein Zeugs-Eintrag nur zur US-Wahl.

  • Zu Wahlen: Ja, aber was machen wir dann die kommenden vier Jahre? Nun, man kann sich alte Wahlkämpfe anschauen. Wer Dramen, menschliche Schicksale und politische Brutalität sucht, dem sei Thomas Jefferson gegen John Adams von 1800 empfohlen:

    Things got ugly fast. Jefferson’s camp accused President Adams of having a „hideous hermaphroditical character, which has neither the force and firmness of a man, nor the gentleness and sensibility of a woman.“ In return, Adams‘ men called Vice President Jefferson „a mean-spirited, low-lived fellow, the son of a half-breed Indian squaw, sired by a Virginia mulatto father.“

    Damals konnten die einzelnen Bundesstaaten übrigens noch ihren Wahltag selbst festlegen und auch die Wahlmännerkarte [PNG] sah anders aus. Wer dagegen eher auf Reden steht, wird die legendären Debatten zwischen Abraham Lincoln und Stephen A. Douglas der Senatswahl von Illinois im Jahr 1858 lieben. Damals waren Männer noch Männer (Frauen hatten kein Wahlrecht) und brauchten keinen Moderator, der Fragen lieferte. Douglas gewann, aber Lincoln wurde berühmt und legte so den Grundstein für seine Präsidentschaft.

  • Zu Debatten: Im Zusammenhang mit öffentlichen Reden in den USA trifft man immer wieder auf das Wort heckler. Das ist jemand, der versucht, mit Zwischenrufen den Redner bloßzustellen oder aus der Fassung zu bringen. Früher, als es noch keine Mikrophone gab, zwangen sie die Kandidaten dazu, ihre Schlagfertigkeit zu beweisen. Nehmen wir wieder Lincoln:

    Heckler: „You’re two-faced!“
    Lincoln: „If I were two-faced, would I be wearing this one?“

    Manchmal verlieren die Politiker auch ihre Fassung, wie jüngst Bill Clinton, was nicht gut ankommt. In Großbritannien finden wir ebenfalls Heckler, wie hier im 18. Jahrhundert:

    Heckler: „Vote for you? I’d sooner vote for the Devil.“
    John Wilkes: „And what if your friend is not standing?“

    Dazu muss man wissen, dass britische Kandidaten „stehen“ (to stand for election) und amerikanische Kandidaten „laufen“ (to run for election). Die USA sind halt etwas größer.

  • Zur Geschichte der Wahlen: Auch bei der Wahl selbst ging es früher schon mal richtig zur Sache. Leichtere Formen der Gewalt bei der Stimmabgabe galten zwar als bedauerlich, waren aber nicht immer ein Grund, die Wahl anzufechten:

    „To vacate an election,“ an election-law textbook subsequently advised, „it must clearly appear that there was such a display of force as ought to have intimidated men of ordinary firmness.“

    Der Artikel geht auch auf die Entwicklung der Idee ein, dass Abstimmungen geheim sein sollen, denn das galt (sehr viel früher) als feige und unredlich.

  • Zur Geschichte: Und wer genau wissen will, wie die Wahlen damals ausgingen, ist bei dem Nationalarchiv der USA richtig. Dort wird zum Beispiel aufgelistet, wie die Verteilung der Wahlmänner seit 1789 aussieht.
  • Zum Präsidenten: In Rückblicken zu George W. Bush wird gerne dummes Zeug über seine Zustimmungsquote verbreitet. Richtig ist, dass er mit 19 Prozent insgesamt den Negativ-Rekord hält. Falsch ist, dass es jetzt im Moment so weit ist, denn Bush liegt wieder bei 28 Prozent. Wie extrem sich die Beliebtheitszahlen während einer Regierungszeit ändern, sieht man gut, wenn man sie als Kurven aufträgt.
  • Zum Kongress: Gegenüber der Legislative steht Bush richtig gut da, denn die Zustimmung zur Arbeit des Kongresses liegt bei 17 Prozent. Wobei 59 Prozent der Amerikaner am liebsten den gesamten Kongress austauschen würden. Kein Wunder, dass beide Kandidaten ständig von change reden.
  • Zur Intelligenz, wenn wir schon bei der Gerüchtekontrolle sind: Der angebliche Zusammenhang zwischen IQ und Wahlverhalten in den USA ist ein modernes Märchen.
  • Zu Hail Mary: Der konservative Kolumnist Charles Krauthammer findet, dass McCain im Wahlkampf gleich drei politische Verzweifelungspässe geworfen hat: Bei seiner Unterstützung der Truppenaufstockung im Irak (aka „the Surge“), gefangen von General David Petraeus zum Touchdown; bei der Wahl von Sarah Palin als Vize, die den Ball zwar fing, aber dann fallen ließ (der gefürchtete fumble); und schließlich das Aussetzen des Wahlkampfs für die Finanzkrise, bei dem der Pass nicht ankam. Krauthammer hat sich für McCain ausgesprochen.
  • Zur direkten Demokratie: Eine Auflistung der Referenden auf Ebene der Bundesstaaten in diesem Jahr liefert das Ballotwatch-Projekt [PDF] der University of Southern California. Von dem Verbot von kommerziellen Hunderennen und short-Verkäufen bei Aktien bis hin zur Abschaffung der Einkommensteuer und Vorgaben für den Anteil von Strom aus alternativen Energien ist alles dabei. Die Todesstrafe ist in diesem Jahr offenbar nirgendwo ein Thema.
  • Zur direkten Demokratie, nochmal: Der Wähler ist bei Referenden natürlich nicht nur auf den offiziellen Wisch angewiesen, wenn er sich entscheidet. Auch Experten und die Presse mischen sich mit ein, wie in Kalifornien, wo nicht immer alles verständlich ist:

    Proposition 7, involving solar energy, contains unfathomable language, including this: „After construction has commenced, the corporation may apply to the commission for authorization to discontinue construction.“

    Ein großes Thema in Kalifornien ist in diesem Jahr Proposition 8, bei dem es um die Abschaffung der Homo-Ehe geht. Prominente wie Ellen DeGeneres kämpfen mit Werbespots dagegen [YouTube].

  • Zu Werbespots: Die meisten Leser werden es schon kennen, aber die Hollywood-Stars haben Aufrufe zur Wahl [YouTube] gedreht, mit Will Smith, Steven Spielberg, Harrison Ford, Tom Cruise und vielen anderen auch. Zunächst heißt es dort allerdings, dass man nicht wählen gehen soll. Und ja, der letzte Satz von Borat hat etwas mit Masturbation zu tun.
  • Zum Wahlzettel in New Mexico: Der Ehrenwerte Vater weist darauf hin, dass es im Nachbarbundesstaat Arizona keine straight vote gibt, also nicht einfach mit einem Kreuz alle Demokraten oder Republikaner nach Parteizugehörigkeit wählen können.
  • Zur Meinungsfreiheit und Presse: Eine Zeitung im Bundesstaat Washington ist durch die Straßen von Seattle gefahren und hat Fotos von Häusern mit McCain-Schildern im Garten gemacht. Sie wurden dann ins Internet gestellt und zwar mit den Adressen. Ja, das war legal, wenn auch – wie man an der Reaktion der Leser sieht – unbeliebt. Inzwischen haben die Redakteure die Adressen entfernt.
  • Zum Fazit der Wahl, jetzt schon: Experten haben keine Ahnung. Vergleicht man die Vorhersagen vor dem Beginn des Vorwahlkampfs – Hillary Clinton wird problemlos die Kandidatin der Demokraten – und während des Vorwahlkampfs – Mitt Romney wird Kandidat der Republikaner – mit dem tatsächlichen Duell am Ende, wird klar: Das mit den Vorhersagen ist so eine Sache.

Zuletzt: Die Wahllokale schließen selbst für amerikanische Verhältnisse zu komischen Zeiten. Auf einer Karte kann man am besten verfolgen, wann es soweit ist. Nate Silver von FiveThirtyEight hat eine Anleitung verfasst, worauf man wann achten soll.

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