Die unerwarteten Auswirkungen der Panzerung beim American Football

November 1, 2008

Im Gegensatz zu allen anderen Medien auf dem Planeten sprechen wir heute mal nicht über die Wahl. Denn der Hinweis dieses Autors auf das intrinsische Weicheiertum beim Fußball wurde von den Fans der Sportart nicht gut aufgenommen: Die Schönste Germanin stampfte mit dem Fuß auf, der geschätzte Arbeitskollege NMK wies auf die „ständigen“ Pausen beim American Football hin und der interessierte Leser MB schickte einen Link zu einer britischen Satire über die Aufhebung der Unabhängigkeit ein. Darin wird auch American Football – das ohnehin den Namen nicht verdiene – abgeschafft:

Those of brave enough will, in time, be allowed to play rugby (which is similar to American „football“, but does not involve stopping for a rest every twenty seconds or wearing full kevlar body armour like nancies).

(Der Link erklärt nicht nur die Geschichte der Satire, die in ihrer ursprünglichen Form von dem Briten Alan Baxter nach der US-Wahl 2000 geschrieben wurde. Sie stellt auch mehrere Varianten vor, darunter amerikanische Erwiderungen (We’ll tell you who killed JFK when you apologize for „Teletubbies“) und sogar Erweiterungen (Have Meg Ryan report to Prince Andrew’s bedchamber). Alle Versionen beinhalten jede Menge Selbstironie und sind gute Beispiele für das fröhliche Hin und Her der Angelsachsen untereinander.)

Nun könnte man darauf hinweisen, dass Rugby-Spieler deswegen keinen Helm brauchen, weil sie den Kopf nicht zum denken benutzen müssen – Strategie und Taktik sind bei der Sportart halt vergleichsweise primitiv. Oder dass mehr als ein Fünftel der Verletzungen beim Rugby den Kopf betreffen und deswegen die Japaner – die nun wirkich nicht als Feiglinge bekannt sind – tatsächlich eine Helmpflicht eingeführt haben. Liebe Briten: Mut ist eine Sache, Torheit eine andere.

Aber hinter diesen ganzen Neckereien gibt es einen ernsten Hintergrund, denn die Einführung der Panzerung beim American Football hatte unvorhergesehene Folgen. Der Schritt gilt deswegen in der Zukunftsforschung als Beispiel für das law of unintended consequences, also für eine Situation, in der die Lösung eines Problems unerwartet neue schafft.

Etwas geschichtlicher Hintergrund. Football wurde früher tatsächlich ähnlich wie Rugby gespielt, ohne Vorwärtspässe und mit viel Gewühle in unübersichtlichen Menschenmassen. Allerdings war es schon damals deutlich körperbetonter, oder, um ehrlich zu sein, brutal im Sinne von lebensgefährlich. Ende des 19. Jahrhunderts war die Verletzungsrate so hoch, dass viele Sportler nichts damit zu tun haben wollten. Nachdem 1905 knapp 20 Spieler starben, rief Präsident Theodore Roosevelt Vertreter der Unis Harvard, Yale und Princeton zu sich (es gab noch keine Profiliga) und erklärte ihnen, dass es so nicht weitergehen könne.

Das Ergebnis waren zahlreiche Regeländerungen wie die Einführung des Vorwärtspasses und das Verbot von Massenformationen wie den berüchtigten flying wedge. Zudem wurde mehr Aufmerksamkeit der Schutzkleidung gewidmet. Der Erfolg machte sich in Harvard sofort bemerkbar:

Fractures fell from 29 to 5 per year, dislocations from 28 to 3; ankle sprains from 13 to 4; concussions (all involving a loss of memory) from 19 to 4; and overall injuries from 145 to 38.

Die Entwicklung des Football-Helms [JPEG] beginnt auch zur Jahrhundertwende. Wer den ersten Kopfschutz trug, ist umstritten, aber unter anderem wird er Joseph M. Reeves zugesprochen. Der spätere Admiral soll 1893 bei einem Spiel der Army gegen die Navy eine Lederhaube getragen haben, die von einem Schuhmacher in Annapolis extra angefertigt worden war. Der Kopfschutz wurde erst in den 40er Jahren Pflicht. Der spätere Präsident Gerald Ford wurde berühmt dafür, dass er an der University of Michigan noch ungeschützt spielte [JPEG], was endlose Witze über die Folgen für sein Gehirn nach sich zog.

Der erste Kunststoff-Helm wurde 1939 von dem Sporthersteller John T. Riddell vorgestellt. Kunststoffe waren während des Zweiten Weltkrieges knapp und die ersten Varianten neigten dazu zu zersplittern. Trotzdem lösten sie nach und nach die Lederhauben ab. Später kamen Luft- und Flüssigkeitspolster hinzu (Mannschaften wie die Green Bay Packers, die zu Hause in schweinekalter Umgebung spielen, müssen Frostschutzmittel benutzen). Moderne Helme sind high-tech, werden aber trotzdem mit einer Warnung verkauft:

Do not use this helmet to butt, ram or spear an opposing player. This is in violation of the football rules and such use can result in severe head or neck injuries, paralysis or death to you and possible injury to your opponent.

Das interessante Wort hier ist to spear. Irgendwann nach der Einführung der etwas stabilieren Helme fanden die Spieler heraus, dass die Dinger genug Schutz boten, um als Waffe benutzt zu werden. Man erzielte erstaunliche Ergebnisse, wenn man aus vollem Lauf und mit gesenktem Kopf den Gegner rammte, ihn also „aufspießte“. Dummerweise ist das auch nicht gut für die Halswirbelsäule des Angreifers, weswegen es zu Querschnittslähmungen und zu Todesfällen kommen kann.

Äh, sagten die Verantwortlichen. Moment mal. So war das mit dem Helm nicht gedacht. Er sollte doch vor Verletzungen schützen!

Spearing ist zwar seit den 70ern verboten, aber mit ausreichend geschützten Schultern und genug Anlauf erzielt man ein ähnliches Ergebnis [YouTube], ohne die Regeln zu brechen. Sobald Panzerung eingeführt wird, wird sie benutzt. Das bleibt selbst im günstigsten Fall nicht ohne Folgen: Wegen des ständigen Aufpralls und dem Gewicht der Ausrüstung sind Footballspieler nach einer Partei um bis zu einen halben Zoll kleiner als vorher, denn die Bandscheiben werden zusammengedrückt.

Ob Helm oder Schulterpolster, die Ausrüstung ist allerdings auch der Grund, warum Football schneller wurde als Rugby: Die Bewegungsenergie (die bekanntlich zum Quadrat der Geschwindigkeit steigt) wird zum großen Teil von der Ausrüstung abgefangen. Die Spieler beim American Football können mit einer größeren Wucht aufeinander losgehen, was zu den berüchtigten Hits [YouTube] führt (das Video enthält einen butt slap). Das kennen wir auch vom Eishockey [YouTube].

Nichts davon soll unterstellen, dass Rugby-Spieler Weicheier sind – das wäre offensichtlicher Unfug [YouTube]. Die Entscheidung gegen schwere Schutzkleidung wurde bewusst getroffen. Zwar würde eine Panzerung wie beim Football das Spiel vielleicht schneller und härter machen, aber nicht unbedingt sicherer. Eher würde sich die Art der Verletzungen ändern. Und es wäre natürlich einfach nicht mehr Rugby.

Übrigens noch eine Sportart, um zum Thema zurückzukommen, bei der die Spieler nicht ständig jammernd am Boden liegen … tut das eigentlich überhaupt jemand außer Fußballspieler?

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