Ein kleiner Unterschied im Nachrichtenstil

Juli 23, 2008

Gerade hat ein Erdbeben der Stärke 6,8 Japan erschüttert. Schauen wir uns den ersten Satz aus der Meldung der „Tagesschau“ dazu an:

Bei einem schweren Erdbeben im Norden Japans sind zahlreiche Menschen verletzt worden.

Und jetzt schauen wir uns den englischen Dienst der Nachrichtenagentur Reuters dazu an:

A strong earthquake jolted northern Japan early on Thursday, injuring dozens of people […]

Wem fällt etwas auf? Nein? Vielleicht noch ein Beispiel, diesmal eine APA-Meldung aus der „Kleinen Zeitung“ in Österreich vom 16. Juli, gefunden über Google News:

Bei einem Bombenanschlag in der Stadt Tal Afar im Nordirak sind am Mittwochabend mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen.

Vergleichen wir das mit dieser Meldung der Nachrichtenagentur AP:

A roadside bomb killed three American soldiers and an interpreter north of Baghdad, the U.S. military said Wednesday […]

Die deutschen Formulierungen sind passiv, die englischen aktiv.

Das liegt daran, dass Bomben und Erdbeben aus der Sicht von angelsächsischen Journalisten ohne weiteres Leute töten können, ihre deutschen Kollegen das aber nicht so gerne schreiben – Waffen töten keine Menschen, Menschen töten Menschen, sozusagen. Deswegen fangen auch so viele deutsche Meldungen über Katastrophen und Anschläge mit dem Wort „Bei“ an. Außer, es gibt einen Selbstmordattentäter, der Leute „mit in den Tod reißen“ kann.

Die Regel ist nicht eisern. Auch im Deutschen gibt es Naturkatastrophen, die wie antike Götter „Opfer fordern“, und hin und wieder finden wir Formulierungen wie:

Eine Bombe hat in Bagdad mindestens sechs Menschen in den Tod gerissen und viele verletzt.

Das ist aber eher selten, und dieser Autor ist sich nicht sicher, ob das nicht wieder dieser böse Kulturimperialismus ist.

Das würde natürlich erklären, warum dieser Autor diesen Eintrag nicht mit dem Satz „Japan ist gerade von einem Erdbeben der Stärke 6,8 erschüttert worden“ angefangen hat …

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