Eine Serie über den Krieg gegen Japan

Juli 12, 2008

Der August steht vor der Tür und damit das alljährliche Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Wir haben das Thema bislang kaum berührt, hauptsächlich weil dieser Autor mit der Frage gekämpft hat, wie man im Rahmen dieses Blogs an eines der kontroversesten Ereignisse der Geschichte herangeht.

Das Problem ist wie folgt: Deutsche wissen – nichts für Ungut – über den Ablauf des Zweiten Weltkriegs im Pazifik genau drei Dinge:

  1. dass Japan den Krieg mit einem Angriff auf Pearl Harbor begann (liebe Informatiker: pearl hat im Englischen ein „a“, egal, was Larry Wall sagt);
  2. dass die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen;
  3. dass Japan anschließend kapitulierte.

Damit erschöpft sich nach der mehr als 30-jährigen Erfahrung dieses Autors das Wissen. Selbst grundliegende Fragen – wie hieß der japanische Ministerpräsident? – und zentrale Ereignisse – warum reden die Amerikaner und Chinesen von der „Vergewaltigung“ von Nanjing, was war die Bedeutung von Midway, was der Bataan Death March? – sind eher Glückstreffer. Wenn es um größere Zusammenhänge geht, insbesondere um die Frage, wie die japanische Strategie im Sommer 1945 aussah, wird es schwierig. Wenn es um den Stand der Forschung geht, insbesondere warum sich 1995 die Quellenlage grundlegend änderte, wird es schlicht düster.

Diese Lücken sind verständlich. Wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, gibt es, äh, ein oder zwei Vorgänge in Europa, die man im deutschen Geschichtsunterricht dringender behandeln möchte. Es wäre wahnwitzig, weniger Zeit mit der Weißen Rose zu verbringen, um Tokyo Rose zu besprechen. Die Unwissenheit über die Vorgänge im Pazifik ist der Preis für eine möglichst gründliche und umfangreiche Aufarbeitung der eigenen Geschichte.

Dummerweise führt das zu Problemen, wenn Deutsche und Amerikaner über den Pazifik-Krieg und insbesondere über die Atombomben diskutieren wollen.

In den USA ist der Einsatz dieser Waffen kontrovers. Einige Amerikaner halten sie für einen Fehler, für den man sich entschuldigen sollte, wenn nicht sogar für ein Verbrechen. Andere sehen sie als das kleinste von mehreren Übeln, das Hunderttausenden alliierten Soldaten und Millionen Japanern das Leben rettete. Die Debatte tobt seit mehr als 60 Jahren, und der Amerikaner an sich ist mit den Argumenten, Gegenargumenten und dem geschichtlichen Hintergrund mehr oder weniger gut vertraut.

In Deutschland ist der Abwurf der Atombomben dagegen nicht kontrovers, denn die Ablehnung ist praktisch einhellig. Die so genannten „Diskussionen“ bestehen aus kollektivem Kopfschütteln.

Entsprechend unvorbereitet ist der Germane dann auf Gegenfragen: Wie man zu Japans eigenen zwei Atombomben-Programmen stehe, ob wirklich der flächendeckende Einsatz von Giftgas bei Operation Downfall besser gewesen wäre, warum die konventionelle Einäscherung von Städten wie Tokio weniger schlimm gewesen sein soll, wie man eine Verlängerung des Krieges über 1946 hinaus rechtfertigen will, ob einem in diesem Zusammenhang der Tod von 200.000 Menschen pro Monat im japanisch besetzten Asien egal sei, wieso als Alternative eine Invasion angeführt wird, die es wohl nicht gegeben hätte und warum noch über irgendwelche angeblichen Friedensangebote der Japaner gesprochen wird, die es nicht gab?

Auf alle diese Dinge kann man eine Antwort finden – sonst gäbe es die Diskussion in den USA ja gar nicht – aber dazu muss man ein gewisses Hintergrundwissen haben. Und dazu soll diese Blog da sein.

Allerdings gibt es dabei zwei Probleme.

Erstens, dieser Autor darf wegen Regel Eins hier keine Position für oder gegen den Einsatz der Atombomben einnehmen, auch wenn das alles sehr erleichtern würde. Alles muss so vorgetragen werden, dass Befürworter und Gegner es gleichermaßen als Grundlage benutzen können.

Nach langer Überlegung scheint die einzig gangbare Lösung zu sein, auf die Entscheidung zum Abwurf selbst nicht einzugehen. Wir werden das geschichtliche Umfeld dazu besprechen, was vorher und nachher passierte, und diverse Einzelaspekte beleuchten. Aber der heiße Brei bleibt in der Mitte. Wo sich echte Historiker nicht einig werden, hat ein bescheidenes Blog nichts zu suchen.

Zweitens, viel von dem fehlenden Wissen betrifft nicht die amerikanische Seite, sondern die japanische. Tatsächlich war das Hauptziel der Alliierten eher einfach: Den Krieg möglichst schnell und mit möglichst wenigen eigenen Verlusten zu beenden. Selbst Atombombengegner räumen ein, dass dies gelungen ist – der Streit geht um die Mittel. Aber was war Japans Plan? Woher kam noch im Sommer 1945 die Zuversicht der Regierung in Tokio und erst recht des Militärs, doch einer kompletten Niederlage entgehen zu können?

Obwohl dieses Blog „USA erklärt“ und nicht „Japan erklärt“ heißt, werden wir uns daher mit der japanischen Seite beschäftigen müssen. Zumindest Ketsu-Go wird vorgestellt werden.

Es muss nochmal betont werden, dass die Atombomben wie die Todesstrafe oder das Waffenrecht zu den Themen gehören, über die es in den USA nicht einmal andeutungsweise einen Konsens gibt. Es wird hier also keinen geben, was für alle Beteiligten zu einer gewissen Unzufriedenheit führen wird. Wir werden damit leben müssen.

Die Serie fängt an mit „Was erst 1995 veröffentlicht wurde“.

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