Zen und die Kunst des Xen

Juli 1, 2008

Dieser Autor hatte in den vergangenen Tagen Nachtdienst. Während dieser Zeit hat er zwar einen Eintrag geschrieben, der mit dem jüngsten Urteil des Obersten Gerichts zum Waffenrecht aufmacht. Aber bei Licht betrachtet ist es für alle Beteiligten wohl besser, wenn der Text noch etwas überarbeitet wird. Nachtschichten sind schlecht für den IQ.

Eigentlich weiß das dieser Autor auch, und deswegen versucht er meist überhaupt nicht, dann irgendwas sinnvolles zu machen, insbesondere wenn es mit schweren Maschinen, scharfen Klingen oder brennbaren Flüssigkeiten zu tun hat. Lieber geht er in den Keller und spielt mit dem Linux-Computer herum, der unter anderem als Time-Machine-Server dient.

Dieses Mal hat er Xen installiert, ein System für virtuelle Maschinen (für Nicht-Freaks: Mehrere Betriebssysteme laufen parallel auf einem Computer). Das geht unter Ubuntu wunderbar einfach, selbst mit Schlafmangel-Demenz, und das Ergebnis ist wirklich schnell. Sehr befriedigend.

Nun wurde Xen 2003 in einem Artikel [PDF] von Paul Barham et al mit dem Namen

Xen and the Art of Virtualization

vorgestellt. Der Titel ist eine Anspielung auf irgendwas, soviel ist sofort klar. Aber was? Die üblichen drei Verdächtigen – die Bibel, Alice in Wonderland und The Wizard of Oz – entfallen. Auch Google hilft erst, wenn man sich klar macht, dass xen im Englischen von der Aussprache her noch näher an zen ist als im Deutschen. Zwischen der xenophobia, dem Ausländerhass, und der zenophobia, der Furcht vor griechischen Philosophen, ist da sprachlich wenig Platz.

Die Suche nach „zen and the art“ bringt uns schließlich mit 1,9 Millionen Treffern zu Zen and the Art of Motorcycle Maintenance (ZMM), einem philosophischen Roman von Robert M. Pirsig. Er handelt von einem Mann, der mit seinem Sohn und einem befreundeten Paar eine Motorrad-Tour durch die USA unternimmt. Auf der Fahrt macht sich der Protagonist Gedanken über Dinge wie die Wissenschaft, insbesondere aber über den Begriff der Qualität.

Das Buch wurde mehr als 120 Mal von Verlagen abgelehnt, bevor es in Amerika zum millionenfachen Bestseller wurde. In dem Vorwort warnt der Philosoph Pirsig davor, ZMM als Einführung in den Zen-Buddhismus zu verstehen:

[I]t should in no way be associated with that great body of factual information relating to orthodox Zen Buddhist practice. It’s not very factual on motorcycles, either.

Der Kern des Buches ist die Diskussion über die „Metaphysik der Qualität“, also die Frage, was Qualität überhaupt ist. Pirsig schrieb 2005 dazu:

There are many possible answers but the one the [Metaphysics of Quality] gives is that you can understand Quality best if you don’t subordinate it to anything else but instead subordinate everything else to it.

Der Roman selbst ist Dank der Motorräder weniger abstrakt. Die Lieblingsstelle dieses Autors hat mit dem Vorschlag des Protagonisten zu tun, den Lenker seines Bekannten mit einem Stück Blech von einer Bierdose zu reparieren. Der Bekannte, ein stolzer BMW-Fahrer, lehnt entsetzt ab:

And I believe now that he was actually offended at the time. I had had the nerve to propose repair of his new eighteen-hundred dollar BMW, the pride of a half-century of German mechanical finesse, with a piece of old beer can!

Der Einfluss des Buches führt dazu, dass Angelsachsen bis heute alle möglichen Dinge Zen and the Art of Irgendwas nennen, zum Beispiel Zen and the Art of Programming oder Zen and the Art of Internet. Die Wikipedia führt Pirsigs Titel auf das Buch Zen in the Art of Archery des deutschen Philosophen Eugen Herrigel von 1948 (USA 1953) zurück. Pirsigs Formulierung Zen and the Art hat aber inzwischen Herrigels Zen in the Art verdrängt.

Das alles beantwortet nicht die Frage, warum dieser Autor meint, Xen auf seinem kleinen Pentium Dual Core E2140 installieren zu müssen. Die ehrliche Antwort wäre for shits and giggles, aber das kommt erfahrungsgemäß nicht gut. Die offizielle Begründung lautet daher, dass er jetzt ausführlich Kenntnisse von OpenSolaris und dessen berühmtem Dateisystem ZFS erwerben kann (das ganz buddhistisch ein Ende des Leidens [PDF] verspricht), ohne gleich einen neuen Rechner bauen zu müssen.

Das wird die Schönste Germanin begrüßen, die nach diversen computerbegeisterten Freunden und mehr als zehn Jahren Partnerschaft mit diesem Autor an einer gewissen Hardware-Phobie leidet. Wir werden ihr daher schonend beibringen müssen, dass der Rechner im Keller früher oder später einen Duo Core 2 Quad Q9300 braucht, wegen der vier Prozessorkerne und der VT-Technologie und so. Ganz wichtig. Unbedingt.

Aber das wird wohl auf den nächsten Nachtdienst warten müssen.

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