Einige Bemerkungen zu den Namen an der „Phoenix“-Landestelle

Mai 31, 2008

Die Sonde „Phoenix“ ist vor einigen Tagen in der Arktis-Ebene des Mars gelandet. Inzwischen hat sie eine ganze Reihe von Bildern zurückgeschickt. Diese wurden mit einer Kamera aufgenommen, an deren Bau das Max-Planck-Institut beteiligt war.

Allerdings entscheiden offensichtlich die Angelsachsen, wie die auf den Bildern erfassten Strukturen benannt werden. Schauen wir uns die Landestelle [JPG] an, finden wir von links nach rechts in der so genannten fairy-tale landscape folgende Namen:

Wall
Humpty Dumpty
King’s Horses
King’s Men
Sleepy Hollow
Headless
Alice
Ichabod

Die ersten vier können wir schnell abhandeln, denn sie stammen aus dem Kinderreim Humpty Dumpty:

Humpty Dumpty sat on a wall
Humpty Dumpty had a great fall
All the King’s horses and all the King’s men
Couldn’t put Humpty together again

Mit dem „Alice“-Stein können wir die Quelle noch genauer eingrenzen: In Through the Looking Glass, dem zweiten Teil von Alice in Wonderland, führt die Protagonistin ein längeres Gespräch mit Humpty. Diese Namen sind nicht überraschend, denn man kann Angelsachsen nur mit körperlicher Gewalt daran hindern, Dinge nach Alice (oder halt The Wizard of Oz) zu benennen.

Allerdings dürften die übrigen drei für den interessierten germanischen Leser schwieriger einzuordnen sein. „Sleepy Hollow“ kommt von der Geschichte The Legend of Sleepy Hollow von Washington Irving aus dem Jahr 1820. Es ist eine berühmte Geistergeschichte, die 1790 in dem gleichnamigen Dorf am Hudson im Bundesstaat New York spielt und alle klassischen Elemente wie (vergleichsweise) alte Friedhöfe enthält.

Hier kommen auch „Ichabod“ und „Headless“ her: Ichabod Crane ist ein abergläubischer Schulleiter, der sich in Katrina Van Tassel verliebt. Der Headless Horseman ist der Geist eines hessischen Söldners aus dem Unabhängigkeitskrieg, der kopflos durch die Nacht reitet. Ein Hesse? In New York? Ja, denn die Briten kauften sich die Dienste von 30.000 hessischen Söldnern, was wir gesondert besprechen werden.

(Sleepy Hollow wurde zuletzt von Tim Burton verfilmt, mit Johnny Depp, Christina Ricci, Chistopher Walken und Chistopher Lee. Der Film weicht zwar von der Geschichte ab, ist aber trotzdem sehenswert. Den Horseman findet man auch in World of Warcraft.)

Die Bedeutung der Legend liegt allerdings nicht nur darin, dass sie eine spannende Geschichte ist. Sie war auch eine der frühesten literarischen Werke ihrer Art in den jungen USA, die in ihren Anfangsjahren – wie die Bundesrepublik – handfestere Sorgen hatte. John Adams fasste das 1780 in einem berühmten Satz so zusammen:

I must study Politicks and War that my sons may have liberty to study Mathematicks and Philosophy. My sons ought to study Mathematicks and Philosophy, Geography, natural History, Naval Architecture, navigation, Commerce and Agriculture, in order to give their Children a right to study Painting, Poetry, Musick, Architecture, Statuary, Tapestry and Porcelaine.

Werden die Formationen auf dem Mars diese Namen behalten? Offenbar stehen die Chancen bei so kleinen Objekten gut. Bei größeren greift irgendwann die gleiche seelenlose Astronomen-Bürokratie, die schon Pluto beleidigt hat. Auch das Liebings-Transneptun-Objekt dieses Autors, 2004 XR190, wird wohl auf lange Sicht seinen Spitznamen nicht behalten können.

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