Von der amerikanischen Marine und ihren „amphibischen“ Angriffsschiffen

März 3, 2008

When word of crisis breaks out in Washington, it’s no accident the first question that comes to everyone’s lips is: Where is the nearest carrier?

Ex-Präsident Bill Clinton

Wegen der Spannungen im Libanon hat die US-Regierung vor einigen Tagen das Kriegsschiff USS „Cole“ ins östliche Mittelmeer beordert. Die radikal-islamische Hizbollah ist darüber nicht glücklich. Das wirft die Frage auf, wie sie sich erst fühlen wird, wenn die USS „Nassau“ ankommt: Die „Cole“ ist nur ein Zerstörer, die „Nassau“ dagegen ein amphibious assault ship.

Ein bitte was, werden jetzt einige interessierte Leser fragen.

Die USA sind wie das ehemalige Mutterland Großbritannien eine Seefahrernation. Das kann einige Dinge für Deutsche schwierig machen, denn Germanen sind grundsätzlich Landratten. Teilweise – wie bei der „Nassau“ – fehlen schon die Vokabeln. Allgemein wird die Bedeutung der Marine unterschätzt. Dem wollen wir heute entgegenwirken.

Ausgangspunkt ist eine Merkwürdigkeit. Amerika gibt in absoluten Zahlen mehr für die Verteidigung aus als jedes andere Land. Etwa die Hälfte der weltweiten Militärausgaben entfallen auf die USA.

Gemessen daran ist das amerikanische Heer mit einer halben Million [PDF] Soldaten klein. Chinas Landstreitkräfte umfassen zwei Millionen Soldaten, Nordkoreas mehr als eine Million, Russlands immer noch 400.000 und der viel kleinere Iran stellt 350.000 Soldaten. Für eine Supermacht sind eine halbe Million mickerig.

Die USA können sich das aus dem gleichen Grund leisten wie Großbritannien seine traditionellen Vorbehalte gegen ein stehendes Heer: Die See ist ihre erste Verteidigungslinie. Deswegen lautet die Strategie, den Feind gar nicht erst an Land gelangen zu lassen. Die Engländer setzen das seit Jahrhunderten mit der Royal Navy um, wie es Thomas Augustine Arne, Autor des Liedes Rule Britannia, formulierte:

Britain’s best bulwarks are her wooden walls.

(Die „hölzernen Wände“ gehen auf das Orakel von Delphi und die Seeschlacht von Salamis zurück. Eher dort und nicht bei der Schlacht bei den Thermopylen wurde die westliche Kultur gerettet, egal was Frank Miller bei 300 schreibt.)

Die Marine (und Küstenwache) der USA verfolgen die gleiche Strategie wie die Briten. Mit 330.000 Matrosen, 279 Kriegsschiffen und mehr als 3.700 Kampfflugzeugen – getrennt von der Luftwaffe – ist die United States Navy die mit Abstand größte Seestreitmacht der Welt. Das klingt schon eher nach Supermacht.

Dabei gehen die Amerikaner weiter als nur eine Wand zu errichten. Warum erst warten, bis die Bösen vor der eigenen Küste stehen? Warum nicht den Kampf an deren Küste austragen? Das Schlagwort heißt forward deployment. In einem neuen Strategiepapier [PDF] von Oktober 2007 mit dem Titel A Cooperative Strategy for 21st Century Seapower heißt es:

Maritime forces will defend the homeland by identifying and neutralizing threats as far from our shores as possible.

Bei so etwas denkt man zuerst an Flugzeugträger, und das ist richtig so. Die Überlegenheit der USA bei aircraft carriers ist erdrückend. Trägt man auf einem Schaubild alle Flugzeugträger der Welt zusammen, sieht man, dass die USA selbst bei einer großzügigen Definition des Begriffs zwei Mal so viele Schiffe dieser Klasse haben wie alle anderen Staaten zusammen. Wenn es um die projection of power geht, spielen die elf großen Träger mit ihren jeweils 85 Flugzeugen eine Schlüsselrolle.

Die Flugzeugträger sind nicht allein unterwegs, sondern als carrier strike groups organisiert. Die Begleitschiffe schützen den verwundbaren Träger und führen außerdem Waffen wie Marschflugkörper mit sich. Überlegt man sich nun, wie kurz es dauert, bis eine solche Rakete von (sagen wir mal) dem Persischen Golf bis nach (beispielsweise) Teheran braucht, versteht man, woher so Szenarien wie der berüchtigte „Enthauptungschlag“ herkommen.

(Science-Fiction-Fans ahnen: Dass der Kampfstern „Galactica“ ohne Begleitung auskommen muss, ist ein Zeichen dafür, wie verzweifelt seine Lage ist.)

Jetzt kommt der nächste logische Schritt. Warum vor der Küste des Feindes halt machen? Warum nicht direkt auf seinem Gebiet zuschlagen?

Früher war das schwierig. Wenn man mehr machen wolle als nur bombardieren, lief es etwa so ab: Ein Haufen Draufgänger rennt von Landungsbooten an den Strand und errichtet einen Brückenkopf. Dann schleppt man jede Menge Ausrüstung an Land, der Brückenkopf wird ausgebaut. Von dort werden dann in einer zweiten Phase die Vorstöße ins Umland gestartet.

Optimal war das nie. Den Strand einzunehmen ist bestenfalls aufwändig und teuer und schlechtestenfalls ein Massaker. Danach sitzt man an diesem Punkt fest und hat damit einen großen Teil seiner Beweglichkeit verloren. Vielleicht will man gar nicht lange bleiben. Vielleicht ist einem der ganze Strand schnurz und man will eigentlich etwas im Inneren unternehmen.

Daher haben sich die USA eine andere Taktik einfallen lassen: Der Teil mit dem Brückenkopf wird ausgelassen. Ein Schiff dient als Brückenkopf. Von dort aus kann man Ziele im Landesinneren angreifen, Truppen absetzen oder doch den Strand einnehmen, wenn es unbedingt sein muss. Vor allem bleibt man flexibel. Das Prinzip heißt auf Militärisch operational maneuver from the sea [PDF]. Weil die amerikanischen Streitkräfte eine ans Zwanghafte grenzende Vorliebe für Abkürzungen haben, sprechen sie von OMFTS.

(Das Beispiel im Strategietext der Marines ist bizarr, denn es beschreibt, wie toll Spanien mit OMFTS die USA und Kanada angreifen könnte:

A naval expeditionary force attacking from Spain, for example, would have the ability to fight a campaign on the western side of the Atlantic without having to establish a base at some intermediate point.

Als Angriffsorte werden Richmond, Charleston und New Jersey genannt. Ob das Heimatschutzministerium davon weiß?)

Das bringt uns zurück zur „Nassau“, denn damit kann OMFTS umgesetzt werden. Das Schiff sieht zwar auf den ersten Blick aus wie ein Flugzeugträger. Tatsächlich hat es Hubschrauber und Senkrechtstarter an Bord und ist mit einem eigenen Verband unterwegs als expeditionary strike group. In diesem Fall sind es zwei Schiffe für amphibische Landungen, die USS „Nashville“ und „Ashland“, die Zerstörer USS „Ross“ und „Bulkeley“, der Kreuzer USS „Philippine Sea“ und das Atom-U-Boot USS „Albany“. Aber die „Nassau“ hat auch Platz für Landungsboote und bis zu 1.600 Marineinfanteristen. Sie verfügt über vier Operationssäle und 300 Krankenhausbetten.

Diese Art von Schiff ist vergleichsweise neu – die „Nassau“ lief 1978 vom Stapel. Daher fehlt noch eine gute deutsche Übersetzung für amphibious assault ship.

Am häufigsten scheint „Amphibisches Angriffsschiff“ benutzt zu werden, was aber eigentlich so falsch ist wie die berüchtigten „stehenden Ovationen“: Stehen tun die Zuschauer und nicht die Ovationen, und ein Schiff dieser Größe geht nicht an Land, auf jeden Fall nicht zweimal. Allerdings ist „Schiff für amphibische Angriffe“ unhandlich und „Hubschrauberträger“ irreführend. Während der interessierte Leser sich eine Lösung überlegt, schreibt dieser Autor um das Problem herum.

Die USA haben zehn solcher Schiffe (ein elftes, die „Makin Island“, soll 2008 in Dienst gestellt werden). In den Medien stehlen ihnen die Flugzeugträger die Schau, aber wer etwas aufpasst, sieht, wie viel und vor allem wie vielseitig sie eingesetzt werden.

Denn die, äh, Dingsbums-Schiffe eignen sich besser als Flugzeugträger für nichtmilitärische Einsätze. Nach dem Hurrikan „Katrina“ wurde die USS „Iwo Jima“ den Mississippi hinaufbeordert und diente als Koordinationszentrale. Die USS „Bonhomme Richard“ half Anfang 2005 nach dem Tsunami im Indischen Ozean aus, insbesondere mit ihrer Fähigkeit, 115.000 Liter Trinkwasser am Tag zu produzieren. Die humanitäre Hilfe nach Katastrophen gehört inzwischen ganz offiziell zu den Kernaufgaben der Navy. Wie sie es formuliert [PDF]:

We’ve always done this, but now we’ll plan to do it.

Und was genau macht jetzt der Kampfverband der „Nassau“ im Mittelmeer? Für Sicherheit und Stabilität sorgen, heißt es in der Presseerklärung. Wenn man verinnerlicht hat, dass mit „NAS ESG“ die „Nassau“ Expeditionary Strike Group gemeint ist und „CNE“ für den Commander, U.S. Naval Forces Europe steht, kann man sich an den folgenden Satz wagen:

The NAS ESG will also support the 2008 CNE operational objectives to improve maritime safety and security in Europe and Africa; be prepared for any contingency; provide exceptional stewardship to the regional workforce and their families; advance the art and science of maritime operations; advance awareness of the harmony of partner and U.S. interests and activities; and support U.S. European Command, U.S. Africa Command and other Navy component commanders.

Da haben wir es: harmony. Die „Nassau“ und ihre sechs bis an die Zähne bewaffneten Begleitschiffe sind im Dienst der Harmonie unterwegs. Dagegen kann doch selbst die Hizbollah nichts sagen.

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