Über überall

Februar 9, 2008

Inzwischen leidet dieser Autor an einer Blog-Variante von déjà vu: Es gibt Einträge, von denen er schwören könnte, dass er sie schon geschrieben hat, die er aber nirgendwo online oder auf der Festplatte finden kann. Dazu gehört nach Grammar Nazi und Achtung! die Besprechung eines dritten deutschen Begriffs, der es in die amerikanische Alltagssprache geschafft hat: „über“.

Das haben wir schon erwähnt, aber nur im Vorbeigehen, als wir den spielerischen Umgang mit der Sprache in Buffy besprochen haben. Dort kommt über ständig vor, wie Sprachforscher Michael Adams beschreibt [1]:

überarchiever, übercreepy, überevil, überexited, übernerd, übersuck, übervampire, überwitch

Das über ersetzt super, die überwitch ist also eine Superhexe. Das ist keine Buffy-Marotte: Auf Slashdot finden wir überviolent und übershiny. Der ÜberTracker ist ein kombiniertes GPS-Funknetz-Ortungsgerät. Und natürlich gibt es übersexy und übersex, falls sich jemand traut, das hier anzuklicken.

„Über“ finden wir allerdings nicht nur als Präfix, und ab hier wird es für Deutsche in den USA etwas weniger lustig. Die Kombination „über alles“ aus einer vergangenen Version der Nationalhymne ist auch Amerikanern geläufig. In dem Blog Neo-Neocon gab es vor einer Woche den Eintrag Conservatives jump the shark: party purity über alles (die Sache mit dem Hai erklären wir in einem anderen Eintrag).

Für die massenhafte Verbreitung dieser zwei Worte sorgte das Lied „California über alles“ von den Dead Kennedys, ein Angriff auf den damaligen demokratischen Gouverneur Jerry Brown. Im Text heißt es I will be Führer one day (eine Unterstellung, die, wie wir wissen, in den USA legal ist). Und weiter:

Zen fascists will control you
Hundred percent natural
You will jog for the master race
And always wear the happy face

(Brown ist inzwischen der Justizminister von Kalifornien, ein Amt, in das man in dem Bundesstaat direkt vom Volk gewählt wird. Zu sehr verhasst kann er also nicht sein.)

Ironischerweise kann es für Deutsche schwierig sein, diese ganzen Formen zu verstehen, denn Angelsachsen können genauso wenig das ü in „über“ aussprechen wie Germanen das sq in squirrel. Heraus kommt etwas wie „uh-bur“, oder, um die englische Aussprachehilfe zu benutzen, OO-burr.

Selbst online muss man zweimal hinschauen, denn nicht alle Amerikaner kriegen mit ihrem Computer those dots over the u hin, niemand hat ihnen die Umwandlung von ü in ue erklärt und am Ende behelfen sie sich mit einem einfachen u wie in uberrat. Als Deutscher wird einem so das Vertraute fremd.

Und das nennt man jamais vu.

([1] Slayer Slang: A Buffy the Vampire Slayer Lexicon, Michael Adams, Oxford University Press, New York 2003)

(Nach einem Vorschlag von JR, vielen Dank)

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