Wahlen, Teil 4: Angewandte Urwahl-Taktik am Beispiel von West Virginia

Februar 5, 2008

Vor wenigen Stunden hat der Super Tuesday begonnen, der Tag, an dem in 24 Bundesstaaten Vorwahlen abgehalten werden. Am Dienstagabend deutscher Zeit haben wir auch schon das erste Ergebnis: In West Virginia hat Mike Huckabee bei den Republikanern den caucus gewonnen.

WTF, werden jetzt einige interessierte Leser denken. Huckabee? Der Baptistenprediger? War der nicht in Umfragen weit abgeschlagen? Sollte nicht John McCain oder Mitt Romney das Rennen machen?

Ja, schon. Aber es handelte sich in West Virginia nicht um eine primary im engeren Sinn, also eine Vorwahl nach dem Muster der normalen Wahl, sondern um eine Urwahl – das waren die Diskussionsrunden in Turnhallen und Wohnzimmern, wie in Iowa. Und dabei kommen Wahltaktiken ins Spiel, die Einige faszinierend und Andere entsetzlich finden. Huckabees Sieg gibt uns die Gelegenheit, sie am lebenden Beispiel zu sehen.

Für einen Sieg waren 50 Prozent der Stimmen nötig, sonst gab es eine neue Runde. Schauen wir uns den ersten Durchgang an:

Kandidat vH Stimmen
Romney 41
Huckabee 33
McCain 16
Paul 10

Niemand hat auf Anhieb gewonnen, es gibt also eine zweite Runde. Romney liegt vorne. Ron Paul hat so wenige Stimmen, dass er ausscheidet. McCain dürfte nicht aus eigener Kraft gewinnen können.

Nach einer Beratungspause ging die zweite Runde so aus:

Kandidat vH Stimmen
Huckabee 52
Romney 47
McCain 1

Huckabee hat plötzlich mehr als 50 Prozent der Stimmen und gewinnt. McCain ist völlig abgestürzt. Was ist passiert?

Den Anhängern von McCain war nach dem ersten Wahlgang klar, dass sie den Bundesstaat nicht würden gewinnen konnten. Sie haben also das Nächstbeste getan und dafür gesorgt, dass Romney – der wirkliche Gegner in der Vorwahl – auch keine Delegierten bekommt, denn in West Virginia gilt das Mehrheitswahlrecht (winner takes all). Sie haben für Huckabee gestimmt.

Am Ende ist das Ergebnis also kein Sieg für Huckabee sondern eine Niederlage für Romney. Der hatte in West Virginia richtig Wahlkampf geführt, während McCain seine Ressourcen – Zeit und Geld – anderswo einsetzte. Romney liegt zu diesem Zeitpunkt insgesamt zurück und braucht eigentlich jeden einzelnen Delegierten.

Für die McCain-Anhänger ist seine Niederlage fast so gut wie ein eigener Sieg, weswegen sie in den Kneipen von Charleston heute Nacht wohl ständig „Country Roads“ von John Denver gröhlen werden:

Almost heaven, West Virginia

Ja, aber was hat das Ergebnis mit dem Wählerwillen zu tun, mag sich der interessierte Leser jetzt fragen. Nicht viel. Romney hatte wohl die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Deswegen sind Urwahlen die Ausnahme und nicht die Regel bei Vorwahlen. Deswegen machen sie den Parteitaktikern aber auch so viel Spaß.

Am Ende muss man festhalten: West Virginia hat mit 1,8 Millionen Einwohnern etwa so viele wie Hamburg und stellt aus dieser Wahl gerade 18 Delegierte von 2380 – also nicht einmal ein Prozent. Die nächsten Abstimmungen in den großen Bundesstaaten, das werden in den kommenden Stunden die wirklich spannenden sein.

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