Was Liberia (ja, das Land in Afrika) mit den USA zu tun hat

Dezember 17, 2007

Liberia, die älteste Republik Afrikas, ist in vielen Punkten merkwürdig amerikanisch. Die Fahne sieht aus wie die der USA, mit waagerechten roten und weißen Streifen, wenn auch mit 11 statt 13. In der oberen, linke Ecke ist ebenfalls ein blaues Feld, in dem allerdings nicht 50 kleine Sterne, sondern ein großer liegt. Die Hauptstadt heißt „Monrovia“ nach dem US-Präsidenten James Monroe, der bekanntlich die europäische Kolonisation der Neuen Welt für beendet erklärte. Die Währung ist der Liberian Dollar, die Amtssprache ist Englisch. Was soll das?

Die Lösung findet sich in dem ersten Satz der Erklärung der Verfassungsgebenden Versammlung von Liberia 1847:

We the people of the Republic of Liberia were originally the inhabitants of the United States of North America.

Liberia wurde von befreiten amerikanischen Sklaven gegründet. Dieser Hintergrund bestimmt bis heute das Schicksal eines der ärmsten Länder der Welt.

Die Geschichte beginnt 1816, etwa 50 Jahre vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Von den zwei Millionen Schwarzen in den USA waren etwa 200.000 frei. Eine Menge Leute waren der Meinung, dass Schwarz und Weiß niemals wirklich würden zusammenleben können. Gegner der Sklaverei wie die Quaker wollten daher die freien Schwarzen wieder nach Afrika schicken, mit dem Nebeneffekt, dass sie dort das Christentum und die Zivilisation verbreiten konnten. Das passte den Sklavenhaltern wunderbar, denn so viele frei Schwarze könnten bei ihren Rassengenossen gewisse unangenehme Begehrlichkeiten wecken. In der Karibik hatte es Aufstände gegeben.

Und so entstand 1816 aus diesen Strömungen die American Colonization Society (ACS). Zu ihren Unterstützern gehörten Monroe, James Madison (Präsident und Verfasser der Federalist Papers) und Francis Scott Key (Autor der Nationalhymne). Der Name des späteren Präsidenten Andrew Jackson wurde ohne seine Zustimmung auf die Mitgliederliste gesetzt. Tatsächlich war er gegen die Kolonisation.

Auch viele freie Schwarze waren erbitterte Gegner des Vorhabens, besonders in Philadelphia. Here we were born, and here we will die schworen sie in den 1830ern und betonten bei Treffen im ganzen Land ihre amerikanische Staatsbürgerschaft. Der Widerstand führte zu einem bis dahin nicht gekannten Organisationsgrad unter den Schwarzen.

Die ACS blieb unbeirrt. Die ersten Kolonialisten – etwa 90 freiwillige Schwarze und drei Weiße – landeten 1822 in Afrika. In den folgenden 40 Jahren folgten bis zu 19.000 „Americo-Liberianer“. Zu den Problemen gehörten Malaria und Gelbfieber, ein Viertel der Schwarzen und alle Weißen der ersten Gruppe starben an Seuchen. Das Land wurde von den Eingebornen gekauft oder schlicht übernommen.

Die Kolonialisten wurden im Gegenzug wiederholt angegriffen, denn die Bewohner der „Getreideküste“ waren unglücklich über die wachsenden Siedlungen, unglücklich über die Versuche, sie zum Christentum und westlichen Werten zu bekehren, und ganz besonders unglücklich über das Ende des lukrativen Sklavenhandels, bei dem Schwarze andere Schwarze an die Weißen verkauft hatten. Mehrfach musste die Marine der USA zu Hilfe gerufen werden, um Blockaden der Stämme zu brechen.

Nach 25 Jahren erklärte die Kolonie ihre Unabhängigkeit, Joseph Jenkins Roberts wurde Liberias erster Präsident. Großbritannien und Frankreich erkannten als Erste den neuen Staat an. Die USA selbst zögerten bis 1862 – also nach dem Beginn des Bürgerkriegs – um die innenpolitischen Probleme zu vermeiden, die ein akkreditierter schwarzer Botschafter in Washington mit sich gebracht hätte.

Der ursprüngliche Entwurf der Verfassung von 1847 wurde von dem Anwalt Simon Greenleaf aus Massachusetts erarbeitet. In ihrer späteren, endgültigen Form enthielt sie viel Gutes aus dem amerikanischen Vorbild wie die Gewaltenteilung. Zu den wichtigsten Verbesserungen gehörte natürlich die Abschaffung der Sklaverei.

Dafür wurden neue, fatale Fehler gemacht. Dazu gehörte Artikel V, Absatz 16, dem zufolge nur Schwarze, und dabei auch nicht alle, Bürger werden konnten:

The great object of forming these Colonies, being to provide a home for the dispersed and oppressed children of Africa, and to regenerate and enlighten this benighted continent, none but Negroes or persons of Negro descent shall be eligible to citizenship in this Republic.

Mit negros waren Schwarze aus Amerika gemeint, die Afrikaner nannte man aborigines. Dummerweise konnten nur Bürger von Liberia Land besitzen, und noch blöder war, dass Landbesitz die Voraussetzung für das aktive und passive Wahlrecht darstellte. Die Verfassungsväter der USA hatten diese Falle vermieden. In Liberia bedeutete sie, dass die afrikanischen Schwarzen faktisch kein Wahlrecht hatten. Der Konflikt zwischen der amerikanischen Elite und den afrikanischen Stämmen war damit programmiert.

Die Siedler bauten Schulen und eine Universität, am Anfang blühte der Handel. Später begannen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Agrarstaats zuzunehmen, die angeschlagene ACS entzog ihre Hilfe. Der Staat verpachtete große Stücke Land an US-Firmen wie den Reifenhersteller Firestone für Gummiplantagen. Das war das übliche zweischneidige Schwert, wie wir es von der United Fruit Company kennen: Großgrundbesitz und politische Einmischung auf der einen Seite, massive Investitionen in die Infrastruktur und dem Gesundheitswesen auf der anderen.

Und das Land blieb ethnisch gespalten. Eine Kommission des Völkerbundes mit Mitgliedern aus acht Staaten – darunter die USA und Deutschland – erklärte, Liberia

represents the paradox of being a Republic of 12,000 citizens with 1,000,000 subjects.

Präsident William V. S. Tubman, ein Nachfahre von Sklaven aus Georgia, begann 1944 eine Politik der nationalen Versöhnung. Auch die afrikanischen Schwarzen erhielten das Wahlrecht. Das Land machte wirtschaftliche Fortschritte, wurde der größte Exporteur von Eisenerz in Afrika, baute die größte Handelsflotte der Welt auf und zog Investitionen an, darunter die größte deutsche Investition in Afrika. Spannungen blieben bestehen, wie auch das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Americo-Liberianern und der Mehrheit des Landes.

Der Rest der Geschichte, der Absturz in die Hölle, dürfte dem interessierten Leser bekannt sein. Im April 1980 putschte der 28-jährige Soldat Samuel K. Doe vom Krahn-Stamm. Präsident William Tolbert wurde erstochen, das Kabinett am Strand hingerichtet. Der vom US-Militär ausgebildete Doe erhielt im Kalten Krieg massive Unterstützung von Präsident Ronald Reagan (der ihn in einem berühmten Versprecher „Chairman Moe“ nannte).

Neun Jahre später marschierte der Warlord Charles Taylor in Liberia ein, der Beginn des Bürgerkrieges. Doe wurde 1990 gefangengenommen und vor laufender Videokamera zu Tode gefoltert. Der Krieg ist berüchtigt wegen des Einsatzes von Kindersoldaten und den ethnischen Säuberungen. Etwa 200.000 Menschen starben, Millionen wurden vertrieben, die Infrastruktur Liberias wurde völlig zerstört.

Unter internationalem Druck – unter anderem von Präsident George W. Bush, der Kriegsschiffe an die Küste Liberias beorderte – trat Taylor im August 2003 zurück. Er steht (Dezember 2007) vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Liberia befindet sich im Wiederaufbau – bei einer Arbeitslosigkeit von 85 Prozent, einer Analphabeten-Rate von 80 Prozent und anderen Problemen, die jeder Beschreibung spotten. Immerhin gibt es in Monrovia wieder Strom. Seit 2006 ist die in Harvard ausgebildete Ellen Johnson-Sirleaf Präsidentin, das erste frei gewählte weibliche Staatsoberhaupt Afrikas.

Sirleaf selbst stammt nicht von amerikanischen Sklaven ab. Ein Großvater war Deutscher, die übrigen Mitglieder seiner Generation waren Einheimische. Aber auch sie betont die historischen Verbindungen zu den USA, zumindest vor dem Kongress in Washington:

We will strive to be America’s success story in Africa

Da wird noch etwas Arbeit nötig sein.

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