Der prägende Krieg: The French and Indian War

November 3, 2007

Heute müssen wir Hausaufgaben machen. Für mindestens drei zukünftige Themen – Waffengesetze, Außenpolitik und Indianer – brauchen wir Hintergrundwissen über einen Krieg, der entscheidend die Weltsicht der Gründungsväter der USA prägte und damit bis heute die Einstellung der Amerikaner beeinflusst. Es handelt sich um den French and Indian War, der in den Weiten Nordamerikas begann, aber am Ende auch Staaten wie Preußen, Hannover, Sachsen und Österreich hineinzog. In Deutschland sind die späteren Phasen als der Siebenjährige Krieg bekannt.

Uns interessiert aber der Anfang. Wir befinden uns in der Mitte des 18. Jahrhunderts, etwa 30 Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung. Europas Kolonialmächte haben Nordamerika unter sich aufgeteilt: Großbritannien hält die Ostküste, die Franzosen Québec und Louisiana.

Zwischen diesen beiden Imperien liegt, wie ein saftiger Knochen zwischen zwei Kampfhunden, das fruchtbare Ohio-Tal [JPG]. Die Franzosen wollen es haben, um eine Nord-Süd-Achse durch den Kontinent zu treiben, der Louisiana und Québec zusammenschweißen und die verhassten Briten an der Küste einsperren würde. Die Briten wollen das verhindern und die Region für ihre Siedler öffnen. Beide wollen den Fellhandel kontrollieren.

Frankreich übernahm die Initiative. Pierre Joseph Céloron de Bienville zog 1749 mit 250 Soldaten durch das Tal und erzählte allen britischen Händlern, die er traf – und das waren viele – dass sie gefälligst verschwinden sollten. Sie ignorierten ihn. Außerdem vergrub Céloron Bleiplatten, um zu zeigen, dass das Land Frankreich gehörte. So richtig beeindruckend war das aber nicht. Also legte Paris 1753 nach und baute vom Erie-See nach Süden in Richtung des Ohio-Flusses Festungen.

Das war für die Briten zuviel. Der Gouverneur von Virginia, Robert Dinwiddie, schickte einen jungen Offizier namens George Washington und sieben weitere Männer in die Region um dem Erzfeind zu erklären, dass er gefälligst verschwinden solle. Die Franzosen ignorierten sie, wenn auch mit aller gebotenen Höflichkeit. Soviel zur „Diplomatie“.

(Washington wurde auf seiner Rückreise im Dezember 1753 von Indianern angegriffen, ertrank beinah und erfror fast, einer dieser großen Was-wäre-wenn-Momente der Geschichte. Sein Reisebericht machte ihn in Virginia berühmt.)

Nun hatte England die Kolonien (wie besprochen) sich selbst überlassen, auch bei der Verteidigung. Der Krone war es schlicht zu teuer, Truppen in Nordamerika zu stationieren. Die Siedler bildeten stattdessen Milizen, zu denen jeder wehrfähige männliche Bürger gehören konnte. Zum Zeitpunkt des Unabhängigkeitskrieges waren es die Briten in Nordamerika daher im Gegensatz zu ihren daheimgebliebenen Verwandten seit 300 Jahren gewöhnt, nicht nur Waffen zu tragen, sondern auch ihre eigenen Kampagnen komplett selbst zu organisieren.

(Aus den Milizen gingen die Nationalgarden hervor, weswegen die Virginia National Guard ihre Entstehung bis 1607 zurückverfolgt.)

Gouverneur Dinwiddie schickte nun Milizen seiner Kolonie an die Gabelung des Ohio, um dort selbst ein kleines Fort zu bauen. Die Franzosen eroberten und zerstörten die Anlage sofort und errichteten dort eine (für die damaligen Verhältnisse) massive Festung: Fort Duquesne (später Fort Pitt, heute die Millionenstadt Pittsburgh).

Aus britischer Sicht hatten die Franzosen damit einen Krieg angefangen. Virginia schickte weitere Milizionäre unter der Führung Washingtons nach Westen. Bei der Schlacht von Jumonville Glen fielen Schüsse, wobei nicht klar ist, wer anfing. Es gab Tote. Washington zog sich zurück und errichtete Fort Necessity, das er aber kurz darauf aufgeben musste.

Virginia war mit dem Konflikt überfordert, aber die anderen Kolonien, darunter New York und South Carolina, hatten kein Interesse. In Pennsylvania wollten die pazifistischen Quaker eh nichts vom Kampf wissen. Hier offenbarte sich eine Schwäche der Briten in Nordamerika, die bis zur Verfassung von 1787 auch die junge USA an den Rand der Katastrophe bringen sollte: Die Kolonien hatten nur ihre eigenen Interessen im Kopf.

Einem gewissen Benjamin Franklin schwebte eine Lösung vor. Der angesehene Wissenschaftler, späterer Botschafter in Paris und heute Zierde des 100-Dollar-Scheins legte 1754 den Albany Plan vor, der eine größere Einheit der Kolonien vorsah. Allein, es war zu früh, trotz der Ermahnung join or die. Der Albany Plan gilt als erster Schritt zur Zusammenarbeit, ein wichtiger Vorläufer der Articles of Confederation, die während des Unabhängigkeitskriegs als Grundgesetz dienten und erst nach viel Streit von der heutigen Verfassung abgelöst wurden.

Washingtons Niederlage bewegte London zum handeln. Die Regierung schickte reguläre Soldaten unter der Führung des 60-jährigen Edward Braddock nach Ohio. Der General war, um es kurz zu machen, ein Idiot. Als Franklin ihm nahelegte, dass die mit den Franzosen verbündeten Indianer ernstzunehmende Gegner seien, erwiderte dieser [1]:

These savages may indeed be a formidable enemy to your raw American militia. But upon the King’s regular and disciplined troops, sir, it is impossible they should make any impression.

Umgekehrt konnten die Kolonialisten die Rotröcke nicht leiden, die sich zu fein waren, um bei dem Bau von Befestigungsanlagen oder dem Hacken von Schneisen durch die Wälder zu helfen.

Braddock zog mit etwa 1.500 englischen Soldaten und Milizionären aus, um Fort Duquesne zu erobern. Am 9. Juli 1754 wurden sie im Wald von etwa 70 Franzosen, 150 Kanadiern und 650 Indianern überrascht [3]. Braddock wandte die europäische Kampftaktik mit geometrischen Schlachtreihen an, die französische Seite suchte wie in der Wildnis Nordamerikas üblich Deckung hinter Bäumen.

Das Ergebnis war ein Gemetzel. In der Schlacht an der Monongahela wurden zwei Drittel der britischen Truppen getötet – darunter Braddock – oder verletzt. Washington überlebte. Etwa zwölf Engländer wurden von den Indianern gefangen genommen, nackt und gefesselt nach Duquesne gebracht und in der Nacht am Ufer des Allegheny mit Brandeisen zu Tode gefoltert [1].

Der große Vorteil der Franzosen war, dass sie fast alle Indianer auf ihre Seite ziehen konnten – daher auch der Name des Kriegs. Von den großen Stämmen blieben nur die Irokesen den Briten treu und die Creek im Süden immerhin neutral.

Der Kommandeur der Franzosen, Jean Dumas, wählte entsprechend eine Strategie mit dem Ziel, die Engländer bis zum Atlantik zurückzutreiben: Er schickte die Indianer in war parties mit je einem Franzosen an der Spitze gegen die nun ungeschützten Siedler.

Heute würden wir von Terrorangriffen sprechen. Meist wurden isolierte Siedlerfamilien überfallen, aber auch ganze Siedlungen. In Penn’s Creek wurden Männer, Frauen und Kinder massakriert. Die bislang mit den Briten verbündeten Delaware zerstörten Great Cove in Cumberland County. Augenzeugen berichteten, wie die Indianer dort das Blut der getöteten Kinder getrunken haben sollen, in Tulpehocken sollen die Krieger die Kinder lebendig skalpiert haben [1]. Die Gräueltaten wurden nur von den Berichten über Gräueltaten übertroffen.

Der Erfolg der Strategie war für die Franzosen messbar, wie ein Hauptmann berichtete [3]:

It is incredible, what a quantity of scalps they bring us.

Das Spiel konnten zwei spielen. Der Gouverneur von Massachusetts, William Shirley, lobte im Juni 1755 eine Belohnung von 40 Pfund für jeden Skalp eines männlichen Indianers und 20 Pfund je Skalp einer Indianerin aus. Pennsylvania zog im April des folgenden Jahres mit noch höheren Beträgen nach.

Unter den Angriffen zerbrach die frontier. Wer konnte, floh nach Osten. Etwa 1.000 deutsche Siedler suchten in ihrer Panik Schutz in dem mit Flüchtlingen überfüllten Philadelphia. Die Kriegszüge der Franzosen überquerten den Fluss Susquehanna und drangen damit in das britische Kerngebiet vor. Im November 1755 wurde eine Mission der Herrnhuter Brüdergemeinde (engl. Moravian Chruch) in Gnadenhutten nur etwa 50 Meilen nördlich von Philadelphia angegriffen, später wurde dort eine Einheit der Miliz vernichtet.

Ein hocherfreuter Dumas schrieb in einem Bericht an Paris über den Verlauf der Kämpfe [1]:

I have succeeded in setting against the English all the tribes of this region who had been their most faithful allies … I have succeeded in ruining the three adjacent provinces, Pennslyvania, Maryland, and Virginia … Thus far, we have lost only two officers and a few soldiers, but the Indian villages are full of prisoners of every age and sex.

Dumas mag beim Ausmaß der Zerstörung etwas übertrieben haben, aber nicht viel. Die Lage der Briten war verzweifelt, so verzweifelt sogar, dass die Quaker ihren Widerstand gegen einen Militärhaushalt aufgaben. Es handelte sich längst nicht mehr nur um ein Grenzscharmützel um das Ohio-Tal.

Wir können den Rest des Krieges schnell zusammenfassen, denn er ist für uns weniger von Interesse. Es dauerte bis 1756, bis England offiziell Krieg erklärte und damit formell der Siebenjährige Krieg begann. William Pitt übernahm als Premierminister und verbündete sich mit Preußen. Später prahlte er [2]:

I have conquered Canada in Germany.

Die Wende kam 1758, der Friede von Paris 1763. Frankreich verlor seine Besitztümer in Nordamerika, wo Großbritannien nun unangefochten herrschte. Als Teil des Friedensvertrages erhielten die Bewohner von Québec die Sonderrechte, die bis heute eine vollständige Einheit Kanadas verhindern.

Bevor wir uns die Folgen anschauen, müssen wir uns mit zwei Nachspielen befassen.

Erstens, die Royal Proclamation von 1763. König George III. wollte die Grenze nach Westen stabilisieren und untersagte (vereinfacht gesagt) jede Siedlungstätigkeit westlich der Appalachen. Diese Gebiete blieben zwar bei der britischen Krone, wurden aber den Indianern zugesprochen. Für die Kolonien war das ungeheuerlich – hatten sie nicht um das Ohio-Tal gekämpft? Und überhaupt, die paar Indianer! Die Wut über die Proklamation war einer der Auslöser des Unabhängigkeitskriegs, wenn auch ein kleiner.

Zweitens, die Zugabe. Die Indianer in der Region der Großen Seen waren nicht glücklich darüber, jetzt Teil von Großbritannien zu sein. Unter der Führung von Pontiac, einem Ottawa, griffen mehrere Stämme 1763 die Briten an, was heute Pontiac’s War [PNG] oder Pontiac’s Rebellion genannt wird. Acht Forts fielen, die Besatzungen wurden massakriert. Die Festungen Pitt, Niagara und Detroit wurden belagert, hielten aber aus. Wieder wurden Siedler ermordet, im Gegenzug gab es Übergriffe auf unbeteiligte Indianer. Die Briten unternahmen mehrere Kampagnen, bis Pontiac schließlich 1766 Frieden schloss. Der Aufstand ist berüchtigt für seine Brutalität, angefacht durch nackten Rassismus auf beiden Seiten. Er brachte aber keine wesentliche Änderung der Situation.

(Die Ereignisse in Fort Pitt werden wir uns in einem Eintrag genauer anschauen, denn dort ließ der Kommandeur, der Schweizer Söldner Simeon Ecuyer, mit Pocken verseuchte Decken an die Belagerer schicken. Es ist der einzige nachgewiesene Versuch, Indianer gezielt mit Seuchen zu töten.)

Der Krieg war für die Gründung der USA von wesentlicher Bedeutung. Zunächst entfiel die einzige ernst zu nehmende externe Bedrohung, die durch das katholische, zentralistische Frankreich. Die Kolonialisten machten die Erfahrung, dass ihre Milizen mit den britischen Truppen mithalten konnten (was die Engländer erst im Unabhängigkeitskrieg begriffen). Zentrale Figuren wie Washington sammelten wertvolle Erfahrung.

Mittelfristig war der Krieg die Ursache für einige der Konflikte zwischen Mutterland und Kolonie. Großbritannien war danach pleite und fing an zu überlegen, ob nicht die Bürger in Übersee etwas beitragen könnten, was ganz schlecht ankam. London sah Pontiacs Aufstand als Zeichen, dass in Nordamerika ein stehendes Heere benötigt wurde, für jeden Briten ein Angriff auf die Grundrechte. Die Beziehungen zu den (meisten) Indianern fielen auf einen Tiefpunkt.

Langfristig sorgte er für eine Entfremdung. Die Krone war nicht in der Lage gewesen, die Kolonien vor den Franzosen und Indianern zu schützen. Die Proklamation von 1763 ließ die landhungrigen Siedler schäumen. Zusammen mit dem King George’s War (1744 bis 1748) überzeugte sie der French and Indian War, dass sie von den europäischen Kolonialmächten nur als Spielball gesehen wurden, dessen Interessen irrelevant waren. An Unabhängigkeit dachten nur eine Handvoll Radikale. Aber mehr Selbstbestimmung, vielleicht war das die Lösung …

Die Einzelheiten schauen wir uns in den kommenden Wochen und Monaten an.

([1] The First American. The Life and Times of Benjamin Franklin H.W. Brands, Anchor Books, New York 2000; [2] The Penguin History of the USA Hugh Brogan, Penguin Books 1999; [3] A History of the Indians of the United States Angie Debo, University of Oklahoma Press, Seventh Printing 1983)

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