Einschub: Pink und „Mr. President“

September 6, 2007

Eigentlich gehört die Gerüchtekontrolle nicht zu den Aufgaben dieses Blogs, schon allein weil dieser Autor aus Alien 3 weiß, was dann passiert. Da er es aber leid wird, seit fast einem Jahr E-Mails zu einer bestimmten Frage zu beantworten, machen wir heute eine Ausnahme und halten fest:

  1. Das Lied „Mr. President“ von Pink ist in den USA nicht verboten.
  2. Das Lied „Mr. President“ von Pink wird in den USA verkauft.
  3. Das Lied „Mr. President“ von Pink wird in den USA im Radio gespielt, wenn auch nicht überall.

Als Hintergrund für die Leute, die gerade ein WTF?-Gesicht machen: Anscheinend gehört der Hinweis auf ein angebliches Verbot des offenen Briefes an Präsident George W. Bush zu der Standard-Anmoderation im deutschen Hörfunk. Wer als iPod-Besitzer die größten Hits der 70er, 80er und 90er und das Beste von heute lieber ohne Gerede und Werbung genießt, findet die Behauptung auch in diversen Online-Foren (wegen Regel 2 dieses Blogs kein Link).

Bedrückend natürlich, dass es offenbar Leute auf der Welt gibt, die noch nicht die Serie zur Meinungsfreiheit gelesen haben, wo lang und breit erklärt wird, warum so ein Lied nicht verboten werden kann und von der Bundesregierung in Washington schon überhaupt gar nicht.

Noch bedrückender ist allerdings, dass sich beim Rundfunk die Sache mit dem Internet noch nicht herumgesprochen hat. In diesem frei zugänglichen Computernetzwerk findet man nämlich auf Anhieb einen ganzen Eintrag zu dem Lied in der Wikipedia. In Kurzform:

Pink hat beschlossen, von sich aus, „Mr. President“ nicht in den USA als Single zu veröffentlichen. Ihre Begründung:

That song is too important to me to allow others to look at it as a publicity stunt.

Offenbar hält sie (oder ihre Plattenfirma) die Europäer für weniger zynisch, denn in der Alten Welt wurde das Lied aus I’m Not Dead ausgekoppelt und prompt ein Riesenerfolg. Auch in den USA ist es nicht wirklich an das Album gebunden: Bei iTunes USA gibt es „Mr. President“ in verschiedenen Versionen und ohne die Einschränkung Album only. Wer in den USA die Single wirklich dringend haben will, so richtig auf einer Silberscheibe, kriegt sie als Import.

„Mr. President“ wird im Radio gespielt, zum Beispiel bei Air America (zusammen mit „Let’s Impeach the President“ von Neil Young). Pink spielt das Lied in den USA live, von New York [YouTube] bis Seattle [YouTube]. In Fernsehen läuft es bei Jimmy Kimmel [YouTube] oder in der Serie The L Word [YouTube]. Von so einer „Zensur“ träumen andere Künstler.

Und schließlich sagt Pink selbst, wie toll es ist, in einem Land zu leben, wo sie ein Lied wie „Mr. President“ spielen kann:

I hope the president is proud of the fact that we live in a country where we can do things like that, where we can have dissent, talk, communicate and share our opinions.

Das scheint auch der kleinste gemeinsame Nenner mit Pinks Vater Jim Moore zu sein, einem Vietnam-Veteranen und Bush-Unterstützer, der nach ihren Angaben zu dem Lied sagte: „Isn’t it great you live in a country where you get to say things like that?“ Von Moore stammt übrigens das Lied „I Have Seen the Rain“ über den Vietnam-Krieg auf dem gleichen Album.

Nun spielen tatsächlich einige amerikanische Radiosender „Mr. President“ nicht, aber sie tun das von sich aus, nicht weil die Regierung ihnen es befohlen hat. Bei einigen könnte die Botschaft der Grund sein; größere Boykott-Drohungen gegen Pink blieben allerdings aus, das Dixie-Chicks-Szenario passt nicht.

Als Erklärung reicht aber nackte Gier, wie John Hart von Bullseye Marketing Research zu Sängern mit politischen Ambitionen erklärt:

I’m sure that Pink, she’s delivering a message from her heart […] Unfortunately, they think most of their listeners or fans feel that way, and they’re wrong. All the fans want is to hear their music.

Hart verweist auf Umfragen, in denen deutlich wird: Die Mehrheit der Zuhörer hat selbst eine Meinung zum Weltgeschehen, thank you very much, und will sich nicht von Popstars sagen lassen, wen sie wählen sollen. Wer blöd kommt, wird weggezappt. Die Diskussion über den bösen Kommerz und die Herrschaft der Quote kennen wir auch aus Deutschland – man stelle sich vor, was Dieter Bohlen mit der Ein-Bisschen-Frieden-Nicole gemacht hätte – und wir sparen sie uns daher.

Wer will, kann „Mr. President“ als Teil eines Trends sehen. Zu Bush und dem Irak-Krieg finden wir inzwischen Lieder wie „American Life“ von Madonna, „I’m with Stupid“ von den Pet Shop Boys, „Dry Drunk Emperor“ von TV on the Radio, „The Diaries of Private Henry Hill“ von Blow Up Hollywood, Nerina Pallot mit „Everybody’s Gone to War“ (der dort besungene Soldat lebt übrigens noch) und John Mayer mit „Waiting on the World to Change“. Die Flaming Lips singen „Haven’t Got a Clue“, Todd Snider fügt „You Got Away With It“ hinzu, Billy Bragg hat die „Bush War Blues“ und Nine Inch Nails haben gerade „The Good Soldier“ herausgebracht. Neil Young hatten wir schon erwähnt.

Nichts davon ist verboten, nichts davon kann verboten werden und bestimmt ist etwas darunter, was irgendwelche Sender in den USA nicht spielen. Aber nur Pink hat es geschafft, in Deutschland eine entsprechende Anmoderation zu bekommen. Stunt oder nicht, das ist gute publicity. Vielleicht hat es sich doch für sie gelohnt, DJs zu vergöttern.

(Einige Links von „Manuel“ auf Milchjunkies übernommen)

(Geändert 2. September 2008 Toter Link zu Nicole-Video durch Text ersetzt, nach einem Hinweis von JL, vielen Dank)

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