Harry Potter, Schrödingers Katze und die Buchpreisbindung

Juli 26, 2007

Dieser Autor gehört zu den Menschen, die sich am Samstag – wenn auch nicht in der Nacht – Harry Potter and the Deathly Hallows gekauft haben. Die nächsten drei Tage verbrachte er damit, Möchtegern-Spielverderbern zu erklären, dass sie gar nicht wissen könnten, ob Harry am Ende stirbt oder nicht. Denn die Hallows sind in Wirklichkeit ein Experiment à la Schrödingers Katze: Bis man die kritische Seite aufschlägt, ist Harry gleichzeitig lebendig und tot, der Ausgang ist zufällig und deswegen waren beide Gerüchte über das Ende des Buchs wahr. Alles nur eine Frage, in welcher Parallelwelt man lebt.

Zumindest in diesem Universum hat das Buch großen Spaß gemacht. Wir werden nichts über den Inhalt verraten, denn das könnte das Raum-Zeit-Gefüge kaputt machen und dieser Autor hat für sein restliches Leben schon genug Ärger gehabt. Stattdessen wollen wir über den Preis reden.

Fangen wir in J.K. Rowlings Heimat Großbritannien an. Hier betrug der Listenpreis für die Hallows 17,99 Pfund, also 26,80 Euro. Amazon UK bot das Buch für umgerechnet 13,40 Euro an. Ein brutaler Preiskrieg trieb den tatsächlichen Preis in England zum Teil auf fünf Pfund – 7,40 Euro. In den USA lag der Listenpreis eigentlich bei 34,99 Dollar, also 25,30 Euro. Bei Amazon USA gab es aber einen Abschlag von 49 Prozent auf 13,02 Euro. Die Kollegen in Deutschland wollten 18,90 Euro, herabgesetzt von 28,90 Euro. Das war nämlich die „unverbindliche Preisempfehlung“.

Die beiden letzten Worte sind wichtig, denn sie sind der Grund, warum Amazon DE überhaupt einen Abschlag anbieten darf: In Deutschland gilt sonst die Buchpreisbindung. Die Angelsachsen haben so etwas nicht. Bei ihnen kann um jedes Buch eine solche Preisschlacht geführt werden.

Wir werden hier nicht über den Sinn oder Unsinn der Buchpreisbindung diskutieren, denn die Debatte darüber wird in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert geführt. Befürworter [PDF] sehen sie als Mittel zum Erhalt der Vielfalt und zum Schutz kleinerer Händler, Gegner als künstliche Verteuerung und Eingriff in den Markt. Das ist kein Thema für dieses Blog. Vielmehr wollen wir hier zwei Dinge festhalten:

Erstens, Bücher müssen in den USA (Großbritannien, etc) nicht überall den gleichen Preis haben. Es steht Buchläden frei, beliebig den Preis zu senken und Sonderaktionen anzukündigen – vielleicht einen He’ll never notice!-Verkauf von Nora Roberts am Abend des Superbowls oder ein Angebot wie Buy a book on physics and get half a can of cat food for free. Wie immer beim Einkaufen in Amerika lautet auch hier das Zauberwort „sale“. Es gibt regelmäßige Sonderangebote wie in jedem anderen Geschäftszweig, Läden, die sich (zumindest nach eigenen Angaben) auf Tiefstpreise spezialisieren. Auch die Ketten wie Barnes & Noble oder Borders haben solche Aktionen.

Zweitens, und das ist für einige Leute vielleicht etwas ernüchternd, „normale“ Bücher kosten in den USA trotzdem meist genau das, was auf dem Umschlag steht. Angelsächsische Buchhändler müssen auch einen Gewinn machen, ihre Spannen sind knapp berechnet und irgendwie müssen diese Sonderangebote bezahlt werden. Wer, sagen wir mal, eine neue Ausgabe von The Alienist von Caleb Carr kaufen will, wird um den aufgedruckten Preis kaum herumkommen, außer er hat Glück und findet ein Sonderangebot.

Denn wie bei den Ladenöffnungszeiten bedeutet die Freiheit, etwas zu tun, nicht, dass es auch immer getan wird. Die meisten Geschäfte in den USA sind um drei Uhr morgens so fest geschlossen wie ihre deutschen Gegenstücke und die meisten amerikanischen Buchhändler halten sich auch ohne Preisbindung an die Empfehlungen der Verlage. In diesem Zusammenhang ist es auffällig, dass Borders und Barnes & Noble für die Hallows in trauter Übereinstimmung 20,99 Dollar verlangen (wobei Borders darauf hinweist, dass einzelne Filialen mit dem Preis spielen können).

Nach den Erfahrungen dieses Autors liegt der wichtigste Unterschied beim Markt für gebrauchte Bücher und Restposten. Es entfallen in den USA die ganzen Tricks mit „Mängelexemplaren“ und die Spielereien mit „Remittenden“. Niemand muss sich mit einem Begriff wie „modernes Antiquariat“ herumschlagen, der auf ein lockeres Verhältnis zur linearen Zeit hindeutet. Läden mit used books findet man überall: In den USA gib es Einrichtungen wie das berühmte Powell’s Books in Portland, bei dem neue und gebrauchte Ausgaben des gleichen Buchs friedlich nebeneinander im Regal stehen; in London sind es diese katakombenartigen Geschäfte, die so verwinkelt sind, dass nur die (scheinbar gesetzlich vorgeschriebene, aber wenigstens vollständig lebendige) Katze des Hauses wirklich alle Ecken kennt.

Daher die Empfehlung, bei dem nächsten Besuch in den USA nicht nur die großen Bücherketten aufzusuchen, sondern auch mal diese Läden. Bei den Hallows sind dann zwar die Quanteneffekte weg, aber dafür ist das Buch billiger.

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