Fliegengitter

Juli 15, 2007

Dieser Autor und die Schönste Germanin haben die vergangenen beiden Nächte damit zugebracht, mit aufgerollten Zeitungen durch die Schlafzimmer zu hechten und Mücken zu erschlagen. Vergeblich: Kind Nummer Eins hat direkt unter dem einen und direkt über dem anderen Auge Stiche; ein Lid ist angeschwollen. Kind Nummer Zwei sieht nur unwesentlich besser aus. Nachbarn und Arbeitskollegen berichten in diesem Jahr von ähnlichen Zuständen.

In so einer Situation fragt sich der gemeine Amerikaner mit einer gewissen Verzweiflung, warum deutsche Häuser eigentlich keine Fliegengitter haben. Es kann ja nicht daran liegen, dass das Prinzip unbekannt ist, denn in Heimwerker-Märkten findet man Bausätze, um sie nachträglich anzubringen. Allein, sie gehören nicht zur Standardausstattung von germanischen Häusern.

Window screens in Nordamerika dagegen schon, mehr sogar noch als die garbage disposal. Die Rahmen bestehen aus Aluminium oder Holz, die Gitter aus Alu oder Fiberglas, edle Ausführungen aus Kupfer, Bronze, Messing oder Stahl. Viele Leute haben schwarze Gitter. Ausziehbare Varianten (retractable screens) sind seltener; sie verschwinden in den Fensterrahmen.

Auch den Haustüren ist meist eine screen door vorgelagert. Sie sind abschließbar und erlauben es, die Vordertür aufzulassen, ohne dass Mücken hinein oder die Katze heraus kann. Gittertüren aus Aluminium machen ein charakteristisches Geräusch, wenn sie zuschlagen, eines der kleinen Dinge im Alltag, die bei Amerikanern nach der Rückkehr in die USA Heimatgefühle auslösen. Nicht umsonst finden wir Anspielungen darauf bei Joni Mitchell („Big Yellow Taxi“)

Late last night
I heard that screen door slam
And a big yellow tractor came and
Pushed around my house

– und bei Bruce Springsteen („Thunder Road“)

The screen door slams
Mary’s dress waves
Like a vision she dances across the porch
As the radio plays

Statt einfacher Gitter werden in den Landesteilen mit viel Sonnenschein solar screens eingebaut, die einen großen Teil des Sonnenlichtes und der Wärme abfangen. Ihr Einsatz gehört inzwischen zu den Standardempfehlungen zum Energiesparen.

Zumindest im Berliner Umland könnten Fliegengitter jetzt zum nächsten Brückenkopf des Kulturimperialismus werden. Bekannte mit einem Kind, das wegen der vielen Mückenstiche sogar zur Rettungsstelle musste, werden zumindest seine Fenster abdecken. Die Eltern einer Freundin von Kind Nummer Eins haben beim Bau ihres Hauses ein (in Zahlen: 1) Fenster damit ausgestattet und sind so begeistert, dass es schon länger allen empfehlen.

Auch bei den Stevensons werden einige strategisch wichtige Fenster verkleidet. Dieser Autor hat kein Problem damit, im Hochsommer bei geschlossenem Fenster zu schlafen, denn Sauerstoff ist für Schwächlinge. Aber der Schönste Germanin beliebt es, ihre zarte Haut von dem Hauch einer Brise verwöhnen zu lassen, und das geht nicht, wenn die Kinder dabei zerstochen werden. Ergo, Fliegengitter.

Wenn Alu-Fliegengitter als Bauoption mal keine Marktlücke sind.

[Geändert 16. Juli 2007: Macht deutlicher, dass Fliegengitter in Deutschland bekannt sind, aber nicht zum Standard gehören]

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