Indianer, Teil 1: Einleitung

Juli 11, 2007

Readers who expect a single uncomplicated portrait of the modern Indian will not find one, for „the Indian,“ as such, really exists only […] in the eyes of those who continue to prefer natives of the imagination to real human beings.

– Fergus Bordewich, Killing the White Man’s Indian [1]

Unsere Serie über die Meinungsfreiheit steht kurz vor dem Abschluss. Nach etwas mehr als einem Jahr Bloggerei wird es daher Zeit, uns einem der schwierigsten Themen im Zusammenhang mit den USA zu stellen: Den Indianern.

Das Problem ist dabei nicht so sehr die schiere Menge des Wissens, die Zeitspanne, die abgedeckt werden muss oder der übliche Streit der Historiker, was wann passiert ist. Wir würden auch damit klar kommen, dass von The Last of the Mohicans über Winnetou bis John Wayne seit Jahrhunderten auf beiden Seiten des Atlantiks Blödsinn über die Indianer verbreitet wird.

Nein, wie bei der Todesstrafe, den Waffengesetzen oder dem Einsatz der Atombomben handelt es sich um ein Thema, das auch in den USA hochpolitisch ist. Damit fehlt diesem Blog der übliche feste Boden: Über Themen wie die Football-Regeln oder die Arbeitsweise des Repräsentantenhauses gibt es keinen größeren Streit. Aber wie wir sehen werden sind jede Menge Fragen zu den Native Americans selbst unter den Amerikanern umstritten, deren Vorfahren vor Zehntausenden von Jahren über die Bering-Straße einwanderten.

Zudem stellt sich bei einem Text über die Indianer sofort die Frage, ob es nicht irgendeinen Hintergedanken gibt. Besonders wenn sich ein Amerikaner äußert, der selbst keine Indianer als Vorfahren hat – wie dieser Autor, so weit er weiß – kommt schnell der Verdacht auf, dass die Verbrechen an den Ureinwohnern verharmlost, heruntergespielt oder relativiert werden sollen.

Das ist ausdrücklich nicht das Ziel. Dass es gezielte, geplante und gewissenlose Massaker (und eine lange Liste anderer Verbrechen) gab, die nicht nur zur Zeit der europäischen Kolonien, sondern auch eindeutig auf dem Staatsgebiet der USA und von weißen US-Bürgern begangen wurden, ist unbestritten.

Nehmen wir das Sand-Creek-Massaker vom 29. November 1864 in Colorado (heute eine nationale Gedenkstätte), bei dem mindestens 150 Indianer ermordet wurden. Das bestialische Vorgehen der Soldaten ist ausführlich dokumentiert [2]:

[A] lieutenant killed and scalped three women and five children who had surrendered and were screaming for mercy; a little girl was shot down as she came out of a sand pit with a white flag on a stick; mothers and babes in arms were killed together.

Zweifel an diesen Verbrechen bestehen schon allein deswegen nicht, weil die Bundesregierung nach einer Untersuchung durch den Kongress im folgenden Jahr in dem Vertrag mit den Cheyenne und Arapaho die Verantwortung dafür übernahm.

Tatsächlich sollen hier wie bei jedem anderen Eintrag dieses Blogs möglichst objektive Hintergrundinformationen geliefert worden. Wo es keine Objektivität gibt und auch keinen Konsens – was bei diesem Thema ein Problem sein wird – lautet das Ziel, fair zu sein: Wo es mehrere Darstellungen des Sachverhalts gibt, werden wir zumindest die wichtigsten davon anreißen.

Das heißt aber auch, dass die Indianer hier genauso wenig glorifiziert wie die Verbrechen an ihnen verharmlost werden. Halten wir daher ebenfalls fest, dass es keinen Mangel an Massakern an Weißen gab wie beim Sioux Uprising von 1862 in Minnesota, der insbesondere die deutschen Siedler um New Ulm traf. Konservative Schätzungen gehen von 500 getöteten Weißen aus [2]:

Some of the women they killed; others they held as captives, subjecting them to mass rape. The children they killed or captured according to the impulse of the moment.

Auch am kürzeren Hebel saßen oft genug Bestien.

In die Praxis ergibt sich damit dann doch ein zusätzliches Ziel: Die Indianer-Romantik zu relativieren, auch wenn die amerikanische Tourismusindustrie diesen Autor dafür hassen wird.

Denn die Indianer waren für die Europäer, die europäischen Siedler und deren Nachkommen nie einfach nur Menschen, sondern wurden – und werden bis heute – in ein von zwei Klischees gepresst: Entweder waren sie sadistische Wilde, impotent, degeneriert und zu keiner höheren Kulturleistung fähig, oder aber ein unverdorbenes, edles Urvolk, das sein tief spirituelles Leben in unschuldiger Harmonie mit der Umwelt verbrachte. Im Moment ist (wie der interessierte Leser vielleicht bemerkt haben wird) gerade mal wieder die zweite Variante Mode.

Beide Karikaturen tun nicht nur den Indianern als Menschen Unrecht. Sie sind auch im Weg, wenn man ihre heutige Situation – politisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell – verstehen will. Denn die ist vor allem eins: Kompliziert. Es gilt wenigstens eine Ahnung von dieser Komplexität zu vermitteln, auch wenn wir hier nicht die ganze Geschichte erzählen können.

([1] Killing the White Man’s Indian, Fergus M. Bordewich, Anchor Books New York, 1996 [2] A History of the Indians of the United States, Angie Debo, University of Oklahoma Press, 7th printing 1983)

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