ZEUGS: Gegendarstellungen, Amokläufer und Grabsteine für Wicca

April 27, 2007

Heute etwas länger, weil es vermutlich erst Mitte nächster Woche wieder einen Eintrag geben wird:

  • Zur Meinungsfreiheit: Der Vollständigkeit halber sollten wir ergänzen, dass es für Zeitungen in den USA keine Pflicht zur Gegendarstellung gibt. Wie das Supreme Court in Miami Herald vs Tornillo befand, wäre ein solches Gesetz eines Bundesstaates verfassungswidrig, denn der Staat darf der Presse keine Vorschriften machen, was sie zu veröffentlichen hat. Die seriösen Zeitungen drucken natürlich Korrekturen.
  • Zur Meinungsfreiheit und zu nackten Hintern: In einem Streit die Hosen herunterzulassen ist in Maryland legal. Berufungsrichter John W. Debelius erklärte zu einem Fall, bei dem ein 44-Jähriger in Germantown (doch, wirklich) in einem Gartenzaunkrieg blank zog: „If exposure of half of the buttock constituted indecent exposure, any woman wearing a thong at the beach at Ocean City would be guilty.“ Was sagte der Anwalt der Verteidigung? „With hard work, we cracked the case, no buts about it.“ Was für ein smart ass.
  • Zur Campari-Parodie: Von Flynt und „Hustler“ gibt es weitere Anzeigen-Parodien, bei denen man noch deutlicher sieht, was sich Firmen in den USA alles gefallen lassen müssen.
  • Zu dem Massaker von Virginia Tech: Der „Spiegel“ hat etwas Interessantes gemacht: Die Kommentare der europäischen Zeitungen für seine englische Website übersetzt und dann die Reaktionen der amerikanischen Leser wieder ins Deutsche. So viel zu der Idee, dass die Völkerverständigung durch eine Verständigung der Völker gefördert wird. Überhaupt scheint man dieses Mal in den USA mehr von den Kommentaren in Europa mitbekommen zu haben. Der Politikwissenschaftler und Kriminologe James Q. Wilson schreibt zur Berichterstattung in der europäischen Presse:

    At least two papers said we should ban semiautomatic assault weapons (even though the killer did not use one); another said that buying a machine gun is easier than getting a driver’s license (even though no one can legally buy a machine gun); a third wrote that gun violence is becoming more common (when in fact the U.S. homicide rate has fallen dramatically over the last dozen years).

    Sein Fazit: „Many of their claims are a little strange.“ Unser Eintrag hier wird noch einige Wochen dauern.

  • Zu Vornamen und Titel: Moment, sagten wir James Q. Wilson? Da dies ein deutscher Text ist, hätten wir Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. Dr. (gut, Dr. mult.) James Wilson schreiben müssen, auch wenn er selbst in der Zeitung alle Titel weglässt und „nur“ seine Unis Harvard, UCLA und Pepperdine angibt. Vergleichen wir das nun mit seinem Eintrag bei der Human Rights Foundation, wo er zusammen mit Elie Wiesel, Gary Kasparow und Harry Wu im Internationalen Rat sitzt: Dort wird er mit der gebotenen Höflichkeit als „Dr. Wilson“ geführt.
  • Zu anderen Blogs: Kongressabgeordnete bloggen auch zum Tagesgeschehen im Kapitol, oder zumindest wird in ihrem Namen gebloggt. Die Website gehört der Zeitung „The Hill“, die für sich in Anspruch nimmt, unparteiisch über die wunderbare Welt der amerikanischen Legislative zu berichten.
  • Zu anderen Blogs, etwas weniger politisch: Die Kongressbibliothek hat jetzt auch einen Blog, der sich viel mit geschichtlichen Themen befasst, wie mit dem Waldseemüller Map von 1507, auf dem zum ersten Mal die Neue Welt mit „Amerika“ beschriftet wurde. Aufhänger ist oft der aktuelle Eintrag zu Today in History der Library of Congress.
  • Zu Übergewicht in den USA: Oh no! Die Amerikaner drohen hinter den Deutschen zurückzufallen:

    Bier, Fett und Bewegungsmangel machen die Deutschen laut einer Studie zu den dicksten Bürgern der EU. Sie lägen beim Gewicht gleichauf mit den USA, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“.

    Die Erhebung stammt von der International Association for the Study of Obesity (IASO). Deren Europa-Chef Vojtech Hainer sagt dagegen dem „Spiegel“, dass die Deutschen noch nicht die Amerikaner eingeholt haben. Phew! Leider scheint die Studie nicht online zu sein, damit wir selbst feststellen können, wer Recht hat, der „Spiegel“ oder die „SZ“. Klar ist aber: Wenn die USA bei den Industriestaaten in Führung bleiben wollen, müssen die Supersizes wieder her.

  • Zur Religion und Staat: Gefallene amerikanische Soldaten, die der Wicca-Religion angehören, können nun auf ihrem Grabstein ein pentacle (Pentagramm) führen. Die Veteranenbehörde nahm angesichts mehrerer Klagen das Zeichen in ihre Liste der Grabsymbole auf. Davon gibt es jetzt 39. Da ein Bundesberufungsgericht 1986 in Dettmer vs Landon befand, dass der Wicca-Glaube eine Religion ist, war der Ausgang der Klagen auch abzusehen. Bei der US-Armee gibt es schätzungsweise 1.800 Wicca („Wiccen“?), die sich als military pagans bezeichnen. Da der Staat nach dem First Amendment keine Religion bevorzugen darf (die Establishment Clause), dürfen Wicca in den USA auch rechtlich bindende Trauungen vornehmen und ihre Kirchen bei der Bundessteuerbehörde IRS einen begünstigten Status beantragen.
  • Zum Kongress: Als Ergänzung zu der Thomas-Datenbank der Library of Congress zu Gesetzen hier noch der Hinweis auf die Abstimmungs-Datenbank der „Washington Post“. Dort ist jedes Votum im Kongress seit 1991 gespeichert, sowie lustige Informationen über Dinge wie wer wieviele Abstimmungen verpasst hat.
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