Von Trollen und Brücken

März 23, 2007

Trolls dislike direct sunlight and for this reason are found living in holes, caves, under rocks and bridges, and on the shady side of mountain passes. There they lie in wait for passers-by and extort from them either by threats or violence their valuables and sometimes their life.

– Barbara Ninde Byfield, The Glass Harmonica [1]

Dieser Autor war vor einigen Tagen in „Bridge to Terabithia“. Der Film handelt nicht, wie man vom Titel her denken könnte, von einem Land, in dem es viel Festplattenspeicher gibt, sondern von Kindern, die sich eine Fantasie-Welt erschaffen. Und wie es sich für amerikanische Filme gehört, die in Neuseeland gedreht werden, kommen Trolle und Brücken darin vor (wenn auch diesmal leider nicht Liv Tyler mit Elbenohren). Das entsprechende Zitat führte im deutschen Publikum zu Unverständnis, weswegen wir hier den Hintergrund erklären.

Brückentrolle sind in angelsächsischen Ländern eine fürchterliche Plage. Oft verlangen sie nur Wegzoll, aber die militanten Vertreter fressen Reisende auf. Kindern in Großbritannien und den USA wird daher schon in jüngsten Jahren eingeschärft, sich von Trollen fernzuhalten. Dazu gibt es das Märchen Three Billy Goats Gruff.

In Kurzform die Variante, die Kind Nummer Eins zu hören bekommt:

Drei Ziegenbrüder (billy goats) wollen über eine Brücke, um zur saftigen Wiese auf der anderen Seite zu gelangen. Als aber die kleinste Ziege den halben Weg zurückgelegt hat, springt ein Troll auf die Brücke und brüllt sie an: Who goes over my bridge? Ich bin es, der kleinste Ziegenbruder, antwortet das völlig verängstigte, aber natürlich unglaublich süße Tier, dem sofort die Tränen in den großen Kulleraugen stehen. Ha! brüllt der Troll. I’m going to eat you!

Aber da sagt die kleine Ziege: Friss nicht mich, denn ich bin sehr klein und du wirst von mir nicht satt. Gleich kommt mein Bruder, der ist größer, friss doch lieber ihn. Der Troll überlegt kurz und stimmt dann zu. Die kleinste Ziege geht weiter zur Wiese, der Troll versteckt sich wieder unter der Brücke.

Als nächstes kommt der mittlere Ziegenbrüder. Wieder springt der Troll auf die Brücke und schreit Who goes over my bridge? und wieder will er die Ziege fressen. Oh nein, sagt aber auch die mittlere Ziege. Friss mich nicht, denn ich bin nicht wirklich groß und du wirst von mir nicht satt. Gleich kommt mein Bruder, der ist größer, friss doch lieber ihn. Auch diesmal stimmt der Troll zu und auch die mittlere Züge geht weiter zur Wiese.

Und dann kommt der größte Ziegenbruder. Der Troll springt zum dritten Mal auf die Brücke, brüllt Who goes over my bridge? und I’m going to eat you! Nein, das wirst du nicht, sagt die Ziege, die viel größer und stärker ist als der Troll. Oops, sagt der Troll, aber zu spät: Die Ziege stößt ihn in den Fluss, wo er elendig ertrinkt bis zum Ozean getragen wird und schließlich in Brasilien landet, wo er reumütig sein restliches Leben damit verbringt, den Regenwald wieder aufzuforsten. Auch die größte Ziege geht weiter zu Wiese.

Dieses Märchen ist im deutschen Bekanntenkreis zumindest dieses Autors unbekannt. Die Schönste Germanin hat mal eine Variante mit einem Wolf unter einer Brücke gehört, aber ehrlich, seit wann leben Wölfe unter Brücken?

Das ist seltsam, denn offenbar hat es früher Trolle im germanischen Raum gegeben. Eine Kurz-Recherche zeigt, dass sie offenbar aus Skandinavien kommen, genauer gesagt, aus Norwegen. Dort scheinen sie sogar ein noch größeres Problem zu sein als in angelsächsischen Ländern. Vermutlich wurden sie bei den Wikinger-Raubzügen als Blinde Passagiere nach Schottland eingeschleppt und haben sich von dort aus mit dem Empire ausgebreitet.

Haben sie in Deutschland die Flussbegradigungen dahingerafft? Schweres Wasser aus Kernkraftwerken? Werden Trolle bei der Sicherheitsprüfung von Brücken heimlich eingefangen und zu wissenschaftlichen Versuchen in der Kosmetikindustrie missbraucht? Wie auch immer. Der interessierte Leser kennt jetzt die fürchterliche Gefahr, die ihm auf amerikanischen Brücken droht und weiß, wie er sich schützen kann: Man muss in den USA immer eine große Ziege dabei haben.

([1] The Glass Harmonica von Barbara Ninde Byfield, Macmillan Company New York, 1967)

[KORRIGIERT 26. Juni 2011: „Liv Tyler“ ist jetzt richtig geschrieben, zuerst gesehen von MP, vielen Dank]

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