Archive for Dezember, 2006

Kurz erklärt: Der Sherman Pledge

Dezember 10, 2006

Nach den Kongresswahlen gibt es in Washington nur noch ein Thema: Wer wird 2008 für die Nachfolge von Präsident George W. Bush kandidieren? Um das herauszufinden gehen amerikanische Journalisten von Politiker zu Politiker, halten ihm oder ihr vor laufender Kamera ein Mikrofon ins Gesicht und fordern sie auf, etwas namens the Sherman pledge abzugeben.

Dieser „Eid“ geht auf den Bürgerkriegs-General William Tecumseh Sherman zurück, der vor der Wahl von 1884 auf diese Frage mit folgendem Satz antwortete:

If drafted, I will not run; if nominated, I will not accept; if elected, I will not serve.

Zu den potenziellen Kandidaten für 2008, die den Eid abgelegt haben, gehört Vize-Präsident Dick Cheney. Nur um sicher zu sein, dass man ihn verstanden hatte, fügte er auch ein hell no hinzu.

Noch interessanter ist natürlich, wer sich bislang trotz direkter Fragen darum gedrückt hat: Ex-Vizepräsident Al Gore und das derzeit wohl beliebteste Mitglied im Kabinett von Bush, Außenministerin Condoleezza Rice. Beide haben zwar erklärt, dass sie nicht vor haben zu kandidieren, aber irgendwie will ihnen der Sherman Pledge doch nicht über die Lippen kommen. Gore begründet das so:

I haven’t made a Shermanesque statement because it just seems odd to do so.

Wenn das nicht überzeugend ist.

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Liebe Briten, Euer Tee schwimmt im Hafen: Steuern und Mitbestimmung

Dezember 6, 2006

Im Jahr 1763 stand Großbritannien vor einem Problem. Der Sieg über Frankreich im Siebenjährigen Krieg hatte der Krone Kanada und die Gebiete um das heutige Ohio gebracht. Aber der Erzfeind saß noch in Louisiana und konnte von dort aus wieder zuschlagen. Außerdem gab es ständig Indianerüberfälle. Benötigt, so entschied man in London, wurde ein stehendes Heer von 10.000 Soldaten, um die Kolonien in Nordamerika zu schützen [1]. Dafür sollten diese dann auch bitteschön selbst zahlen, denn die Krone war nach dem Krieg pleite.

Die Kolonien waren schockiert – das hatte es noch nie gegeben. Ein stehendes Heer in Friedenszeiten galt als Werkzeug der Tyrannei und war in Großbritannien selbst nach dem englischen Bill of Rights von 1689 verboten. Fast noch ungeheuerlicher waren die Steuern, den bislang hatten die Kolonien keinerlei Abgaben an das Mutterland gezahlt. Über die örtlichen Steuern entschieden die gewählten Vertreter in den Kolonien und deren Gemeinden. Das war schon seit Generationen so.

Die Kolonialisten, obwohl inzwischen schon zu zwei Fünfteln nicht mehr britischer Abstammung [2], beriefen sich daher auf das Grundrecht jedes Engländers, dass nur sein gewählter Vertreter ihm Steuern auferlegen dürfe. Nach Jonathan Mayhew und James Otis wurde das zu einer Kampfparole zusammenfasst: No taxation without representation!

Dummes Zeug, erwiderte London. Die Kolonien seien im Parlament „virtuell“ vertreten, auch wenn sie keine Abgeordneten stellten. Und überhaupt sollten die Amerikaner ihrem Mutterland lieber auf Knien für den Schutz vor den bösen Franzosen und barbarischen Indianern danken. Geld her!

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Aufgebrachte Bürger von Boston verkleideten sich (nicht sehr überzeugend) als Indianer und schmissen versteuerten Tee in den Hafen der Stadt, die berühmte Boston Tea Party. Das empörte britische Parlament schickte Truppen. Bei Lexington und Concord kam es am 19. April 1775 zu den ersten Gefechten zwischen ihnen und der Miliz von Massachusetts. Ein paar Jahre später hatte Großbritannien aus vergleichsweise dämlichen Gründen seine wichtigsten Kolonien verloren.

No taxation without representation kann man allgemeiner formulieren: Wer zahlt, muss mitbestimmen dürfen. Es ist bis heute eines der zentralen Prinzipien der amerikanischen Politik und Gesellschaft.

Es ist der Grund, warum Steuern wie die school tax gezielt und getrennt erhoben werden statt wie in Deutschland in einem großen Batzen. Die Volksbefragungen zur Finanzierung von öffentlichen Projekten gehen auf dieses Prinzip zurück. Es ist der Grund, warum amerikanischen Studenten bei der Anstellung von Professoren mitentscheiden und auch ein Grund, warum die USA als größter Beitragszahler der Vereinten Nationen so wenig Geduld mit der Korruption dort haben. Es ist der Grund, warum amerikanische Aktionäre so viel Mitspracherecht im Sinne des shareholder value verlangen im Vergleich zu ihren Kollegen in Deutschland oder gar Japan.

Es erklärt auch einige Vorfälle, deren Bedeutung in Europa nicht immer verstanden wird. Während des Vorwahlkampfs der Republikaner für das Präsidentenamt 1980 veranstaltete der damalige Gouverneur von Kalifornien, ein ehemaliger Gewerkschaftsführer namens Ronald Reagan, eine Fernsehdebatte. Als es organisatorische Schwierigkeiten gab und der Moderator ihm das Mikrophon abstellen wollte, fuhr ihn Reagan mit einem inzwischen legendären Satz an: I paid for that microphone! Reagan selbst schloss nicht aus, dass dieser eine Satz ihn zum Präsidentschaftskandidaten machte.

Diese Einstellung bringt Amerikaner bis heute in Konflikt mit Institutionen, die eine solche Mitbestimmung ablehnen. Als Reaktion auf den Kindersex-Skandal der Katholischen Kirche wurden in den USA zum Beispiel auch Rufe nach tief greifenden Reformen des ganzen Finanzsystems laut. In den Forderungen der Laiengruppe Voice of the Faithful heißt es zu den Prinzipien, nach denen über das Geld der Kirche verfügt wird:

These principles are based on the premise that the assets of the Church are trust property for the benefit of its whole community. It is, therefore, only fair that the community should participate in the administration of those assets and be informed about transactions involving those assets.

Davon will die Katholische Kirche nichts wissen – die Finanzen der Kirche offen legen? Die Gläubigen mitentscheiden lassen, was mit ihrem Geld geschieht? Undenkbar. Die Forderungen nach Finanzreformen seien eine Folge der „Säkularisierung“ in den USA, heißt es offiziell.

Amerikaner ihrerseits finden viele Strukturen in Europa unverständlich, angefangen mit der Europäischen Union. Warum darf das Europäische Parlament, das ja die Vertretung der Leute sein soll, die am Ende für den ganzen Spaß aufkommen, noch nicht einmal Gesetze vorschlagen? Auch in der neuen Verfassung soll das Parlament kein Initiativrecht haben. Dass die Franzosen das Ding abgelehnt haben, wird als beruhigendes Zeichen gesehen, dass die gemeinsamen Ideal von früher doch nicht ganz vergessen worden sind.

Es ist allerdings zu einfach, die gesamte amerikanische Mentalität beim Umgang mit Geld auf dieses eine Prinzip zu reduzieren. Am Marshall-Plan 1947 waren im nachhinein erstaunlich wenige Bedingungen geknüpft. US-Bürger und amerikanische Privatorganisationen spendeten 2004 etwa 71 Milliarden Dollar [PDF] allein an internationaler Hilfe (zum Vergleich: Die US-Regierung gab im gleichen Zeitraum 20 Milliarden Dollar dafür aus, die Bundesregierung auf vergleichbarer Basis 7,5 Milliarden Dollar). Spenden ist ohnehin so etwas wie ein nationales Hobby der Amerikaner, die darin weltweit führen:

Americans per capita individually give about three and a half times more money per year than the French per capita, seven times more than the Germans and 14 times more than the Italians.

Wie in Deutschland suchen sich diese Spender Projekte aus, die ihnen gefallen, ohne gleich in jedem Dorfrat sitzen oder entscheiden zu wollen, welche Farbe die nach einem Tsunami wiederaufgebauten Häuser haben müssen. Es sind freiwillige Abgaben.

Es bleibt aber dabei: Wer als Institution eine finanzielle Beteiligung der Amerikaner verlangt, ob UNO, Weltbank, IWF, Kirche, Bund, Bundesstaat, Landkreis, Stadt oder Schulbezirk, muss grundsätzlich damit rechnen, dass es einen Preis dafür geben wird: Mitbestimmung. Die können sonst richtig patzig werden.

Die Briten können ein Lied davon singen. Es heißt The World Turned Upside Down und wurde angeblich bei der Kapitulation der britischen Streitkräfte 1781 in Yorktown gespielt.

([1] „The March of Folly“, Barbara Tuchman, Ballantine Books, New York 1984, ISBN 0-345-30823-9; [2] „American Beliefs. What Keeps a Big Country and a Diverse People United.” John Harmon McElroy, Ivan R. Dee 1999, ISBN 1-56663-314-1. Zahlen zu Spendevolumen gefunden über Davids Medienkritik.)

(Geändert 10. Dez 2006: Fachbegriff „Entwicklungshilfe“ durch das allgemeinere „internationale Hilfe“ ersetzt, Danke an JW)

Kleidung nach Anlass, Kleidung nach Stand

Dezember 4, 2006

Amerikaner kleiden sich aus europäischer Sicht manchmal komisch. Damit sind nicht die Tage gemeint, an denen George W. Bush gezielt das Image des „Texas Cowboy“ pflegt, auch wenn das am häufigsten in die deutsche Presse kommt. Eher gilt das für sein Auftreten nach dem Hurrikan „Kathrina“, als er für europäische Augen etwas arg lässig am Unglücksort herumspazierte.

Nun macht das aber nicht nur Bush so. Auch die Senatoren, die sich ein Bild von der Verwüstung machten, ließen ihre Krawatten zu Hause. Ex-Präsident Jimmy Carter trägt Jeans, wo es in Deutschland undenkbar wäre und Bill Clinton trug sie auch als Präsident in der Öffentlichkeit. Dass diese beiden sich so kleiden ist in den USA überhaupt kein Thema, eher diskutiert man darüber, welche Marke sie bevorzugen. Helmut Schmidt und Gerhard Schröder sieht man dagegen selbst heute fast nur in Anzügen. Und die Vorstellung, dass Helmut Kohl Jeans tragen könnte, ist geradezu verstörend.

Wir haben es hier wieder mit einem kulturellen Unterschied zwischen den USA und Europa zu tun: Vereinfacht gesagt kleiden sich Amerikaner eher nach Anlass, während bei Europäern mehr die gesellschaftliche Rolle oder soziale Stellung im Vordergrund steht. Historisch gesehen können wir in Europa von Kleidung nach Stand sprechen: Im Mittelalter war es per Gesetz festgelegt, was ein Bauer, Handwerker oder Adeliger tragen durfte, bis hin zur Farbe des Stoffes und der Länge der Ärmel. Das hallt bis heute noch nach, wie das kurze Nicken beim Händeschütteln. In der Neuen Welt wurde das zusammen mit dem Adel abgelegt und durch neue Konventionen ersetzt.

Diese Faustregel gilt zwar nur begrenzt, wie wir sehen werden. Aber wo sie gilt, sorgt sie für Missverständnisse und Kopfschütteln.

Früher gab es dazu einen Klassiker: Die Hausfrau im Supermarkt. Eine Amerikanerin, die mit Lockenwicklern und abgefuckter Hose Hot Dogs und Root Beer kaufen ging, war für Europäer das Zeichen für die angebliche Kultur- und Stillosigkeit der USA. Umgekehrt war es für Amerikaner völlig unpassend, um nicht zu sagen lächerlich, wenn sich eine Deutsche schminkte und feine Kleidung anzog, nur um sich aus dem Laden um Ecke ihre Bratwürste und ihren Sauerkraut zu holen – completely overdressed lautete das vernichtende Urteil. Inzwischen hat sich das auf beiden Seiten des Atlantiks entschärft. Die 50er Jahre sind halt eine Weile her.

Heute sieht man den Unterschied eher in der Politik und Wirtschaft. Als US-Firmenchef taucht man zu Präsentationen durchaus lässig auf. Das, nun, einprägsamste Beispiel ist Steve Ballmer von Microsoft bei seinem Monkey Dance. Deutsche Wirtschaftsbosse haben es nicht nur nicht mit dem Tanzen (was wohl auch besser so ist), sie bleiben bei ihren Anzügen. Die Idee, dass ein Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank in der Öffentlichkeit Jeans oder gar Turnschuhe tragen könnte, ist so abenteuerlich wie Kohl in einer stone washed. Ein Mann in dieser Position trägt so etwas nicht öffentlich, ähnlich wie die Queen ihre Hunde nicht im Trainingsanzug im Garten Gassi führt.

Ein ausdrücklich informelles Treffen kann in den USA aber durchaus Jeans für die höchsten gesellschaftlichen Ränge bedeuten, denn die Kleiderordnung legt der Gastgeber fest und man hat sich als Gast gefälligst daran zu halten. Als Jacques Chirac 2004 zum G8-Gipfel auf Sea Island als Einziger im Anzug auftauchte, lag das also entweder an einem Versagen seines Stabes oder er wollte den Leuten in der alten Heimat irgendwas signalisieren. Auf seine Gastgeber wirkte er bestenfalls unpassend angezogen, eher aber grob unhöflich.

Umgekehrt kann auch ein formeller Anlass für die (vergleichsweise) unteren Schichten formelle Kleidung bedeuten. Die dress codes in Restaurants sind so ein Beispiel. Der Sinn dahinter verschließt sich hier selbst zum Teil den sonst wesensverwandten Briten: Phil Collins‘ Album „No Jacket Required“ erhielt seinen Namen weil der gebürtige Engländer nicht verstand, warum er in Chicago nicht mit seiner schönen Lederjacke in eine Bar mit Jackett-Zwang hineingelassen wurde.

Ein weiteres gutes Beispiel, das dann aber auch die Grenzen dieser Faustregel zeigt, sind die Grünen. Als sie 1983 in den Bundestag einzogen, trugen sie Turnschuhe, Latzhosen und Strickpullis und demonstrierten damit ihre „alternative“ Weltsicht. Ihre Stammwähler liebten sie dafür. Wer wie Jürgen Trittin im Laufe der Jahre zu Anzügen wechselte, musste sich sogar fast rechtfertigen. Ökos in Anzügen sind in Europa verdächtig.

In den USA ist es dagegen undenkbar, dass man sich im Kongress nicht fein anzieht, denn das wäre ein Beleidigung für den ganzen demokratischen Prozess, ein Zeichen, dass man das Volk nicht respektiert. Die Bürger erwarten, dass man die Sache ernst nimmt und dazu gehört nun mal formelle Kleidung, egal ob man Kernkraftwerke mag oder nicht. Amerikanische Öko-Promis wie Ralph Nader tragen Anzüge. Auch die 60er Jahre sind lange vorbei.

Allerdings: Auch jede Menge Deutsche waren entsetzt über den Auftritt der Grünen und selbst der grünste deutsche Öko trägt zu Beerdigungen schwarz. Der „Medienkanzler“ Gerhard Schröder trug bei der Jahrhundertflut 2002 auch demonstrativ keine Krawatte (der spätere Wahlverlierer Edmund Stoiber blieb klassisch). Joschka Fischer wechselt seine Kleidung inzwischen fast wie ein Amerikaner. Über Trittin haben wir schon gesprochen. Damit hätten wir wohl auch die 80er abgehakt.

Es gibt auch sonst keinen Mangel an Gegenbeispielen, denn: In den USA geht nicht alles nach Anlass und in Europa nicht alles nach Stand. Die Faustregel kann einige wichtige Unterschiede erklären, aber die Kleiderkonventionen sind in beiden Kulturen zu komplex, als dass wir sie hier auch nur umreißen können. Dazu gehört auch dieses komische Ding namens „Mode“, das die Schönste Germanin in regelmäßigen Abständen diesem Autor vorstellt, in der Hoffnung, dass er endlich versteht, was man damit machen soll. Letztens wurden ihm die 501s gestrichen, einfach so, nach zwölf Jahren. Sehr seltsam.

Kleidung gilt auf beiden Seiten des Atlantiks inzwischen mehr als Art, ein persönliches statement abzugeben. Apple-CEO Steve Jobs ist für seine schwarzen Rollkragenpullis und Turnschuhe berühmt, die er anscheinend immer trägt. Sein Gegenspieler Bill Gates von Microsoft will bestimmt auch etwas aussagen, allein, niemand weiß so recht was.

Solche Statements halten auch Einzug in die Politik, wie US-Außenministerin Condoleezza Rice zeigt. Im Februar 2005 trug sie bei einem Besuch in Wiesbaden kniehohe schwarze Lederstiefel mit Pfennigabsätzen. Weltweit überstürzte sich die Presse mit Interpretationen und Analysen von the boots und zog Parallelen zu The Matrix (womit wir doch wieder Carrie-Anne Moss eingebaut hätten). Was überhaupt der Anlass des Besuchs war, ging völlig unter.

Ob das auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Alternative wäre, lassen wir dahingestellt.