Land für alle: Wie das Eigenheim für Amerikaner zum Normalfall wurde

Oktober 27, 2006

Im Winter 1622-1623 drohte den Pilgrim Fathers wieder der Hungertod, zum dritten Mal seit der Gründung der Kolonie. Die gemeinschaftlichen Vorräte der Plymouth Plantation an der Küste von Massachusetts waren erneut zu früh aufgebraucht, die Einwohnerzahl fiel unter 100. Im ersten Winter nach der Landung der Mayflower 1620 hatten die Indianer noch ausgeholfen – der Ursprung von Thanksgiving. Aber jetzt verhöhnet sie die ausgemergelten Gestalten, die im Wald verzweifelt nach irgendwas Essbaren suchten, egal was, oder stahlen das Wenige, das die Frauen und Kinder gesammelt hatten [1].

In ihrer Not entschlossen sich die Pilgrims 1623 eine ihrer wichtigsten Regeln aufzugeben: Gouverneur William Bradford ließ auf Probe die private Nutzung von Land zu. Bei der Division of Land [PDF] wurde jeder Familie pro Kopf ein „Acre“ zugewiesen – etwa 0,4 Hektar. Der Schritt war umstritten, aber der Erfolg umwerfend (Rechtschreibung modernisiert):

This had very good success, for it made all hands very industrious, so as much more corn was planted than otherwise would have been by any means the Governor or any other could use, and saved him a great deal of trouble, and gave far better content. The women now went willingly into the field, and took their little ones with them to set corn; which before would allege weakness and inability; whom to have compelled would have been thought great tyranny and oppression.

Ab da ging es mit der Kolonie bergauf. Aus privater Nutzung wurde bald Privatbesitz und Bradford schrieb in seine Chronik bissige Kommentare über Platos Ideale vom gemeinschaftlichen Eigentum. Andere Siedler reisten an, den Indianern verging der Spott. Plymouth Plantation wurde zur zweiten lebensfähigen englischen Kolonie.

Die erste – Jamestown, Virginia, gegründet 1607 – hatte schon vorher die gleiche Erfahrung gemacht, die wir heute so formulieren würden: Kommunismus funktioniert nicht. Nur wer sein eigenes Land bearbeitete, für sich und seine Familie, arbeitete auch hart genug, dass die Gemeinschaft überleben konnte. Für England war diese Erkenntnis der große Durchbruch bei der Besiedlung der Kolonien. Auf lange Sicht entstand daraus auch eine Einstellung zu Land- und Hausbesitz, die bis heute ein zentraler Teil der amerikanischen Psyche ist. Das ist das Thema dieses Eintrags.

England hatte in der Neuen Welt auf den ersten Blick die Arschkarte gezogen. Spanien hatte die riesigen Azteken- und Inka-Reiche im Süden erobert, wo (zunächst) Millionen von Ureinwohner für sie Gold und Silber abbauten. In Kanada – damals noch ein Teil Frankreichs – war der Reichtum die Felle, die die Indianer ohnehin besser erjagen konnten. In beiden Fällen waren nur wenige Europäer nötig, quasi als Aufseher, um alles am Laufen zu halten. Frankreich unterdrückte sogar die Auswanderung, denn die wehrfähigen Männer wurden für die Kriege in Europa gebraucht.

Englands Schatz in der Neuen Welt war weder Gold noch Biberfell, sondern Ackerland, eigentlich ein unglaublicher Reichtum für die Industrie des 17. Jahrhunderts. Es gab nur ein Problem: Bäume. Die Dinger standen von der Küste bis zu den „Endless Mountains“ (den Appalachen) Ast an Ast und Blatt an Blatt gereiht. Diese Bäume! Einige waren so groß, dass eine Kette von vier Männern sie nicht umfassen konnte.

Dieser Wald musste weg, bevor das Land nutzbar wurde. Und dann mussten auch die Felder von Europäern bestellt werden, denn die vergleichsweise wenigen Indianer, die es in Nordamerika gab, zeigten dazu wenig Neigung.

England brauchte also als einzige der frühen Kolonialmächte in Nordamerika eine große europäische Bevölkerung, so viele Leute wie möglich. Und daher machte es etwas Einzigartiges: Man ließ jeden hinein, der kommen wollte, ob Engländer, Deutscher, Skandinavier, Schotte, Niederländer oder Ire. Nach den Erfahrungen in Virginia und Massachusetts lautete der Deal vereinfach gesagt: Ihr dürft so viel Land kaufen, wie ihr könnt, zu Spottpreisen, und es wird und bleibt euer persönlicher Besitz. Im Gegenzug arbeitet ihr euch den Hintern ab und liefert uns alle Rohstoffe, die ihr produziert, denn wir sind Merkantilisten. Es galt der Spruch [2]:

In Virginia land [is] free and labour scarce; in England land [is] scarce and labour plenty.

Das klingt hier bewusster und geplanter als es war. England wurde im 17. Jahrhundert durch zahlreiche inneren Krisen zerrissen. König Charles I. war zum Beispiel viel zu sehr damit beschäftigt, enthauptet zu werden [JPG], als dass er sich um die Kolonien kümmern konnte. Vieles passierte einfach, was von Parlament und Krone (sofern vorhanden) mit dem damaligen Äquivalent von yeah, whatever abgenickt wurde. Bis zum 18. Jahrhundert hatten sich die Kolonien daran gewöhnt, ihr eigenes Ding zu machen, mit den bekannten Folgen.

Wie auch immer: Hier haben wir hier den Kern des „Amerikanischen Traums“, auch wenn der Begriff erst im 20. Jahrhundert geprägt wurde. Ein ungebildeter Fronbauer, der in Europa sein Leben als besitzloser Untertan seines Feudalherren gefristet hätte, konnte in Amerika nach einigen Jahren Arbeit selbst Landbesitzer werden. Sogar reine, dumpfe Muskelkraft war Mangelware und wurde hoch bezahlt.

Mit diesem Geld konnte auch ein einfacher Arbeiter Land kaufen, viel Land, denn das war neben den ganzen blöden Bäumen und Mücken so ungefähr das Einzige, was es in Virginia im Überfluss gab. Er hatte die Chance, nicht mehr arm sein zu müssen.

Der American Dream war daher auch nie der Traum der europäischen Mittelschicht – die bis heute darüber spottet – und schon gar nicht der Oberschicht. Für den englischen Adel war das rückständige Drecksloch auf der anderen Seite des Atlantiks ein Albtraum. Es war der Traum der Unterschicht. Und als solches ging er tatsächlich Millionenfach in Erfüllung.

Denn die USA behielten das Prinzip bei: Immer wenn Land verteilt werden musste, sorgte man dafür, dass es für Normalsterbliche erschwinglich blieb. Die Land Ordinance von 1785 teilte das heutige Ohio und andere Gebiete in kleine Blöcke auf, zum Preis von 640 Dollar für eine Sektion von 640 Acre (etwa 260 Hektar) oder umgerechnet 16 US-Cent pro Quadratmeter. Wenn man das überhaupt sinnvoll vergleichen kann, was fraglich ist, wären das
auf der Basis der Lebenshaltungskosten (CPI) heute offenbar etwa 3,50 Dollar pro Quadratmeter.

Noch radikaler ging man beim Homestead Act von 1862 westlich des Mississippi vor. Jeder Interessierte erhielt 160 Acre Land für eine pauschale Bearbeitungsgebühr von zehn Dollar und die Zusage, dort fünf Jahre zu wohnen, bevor man es wieder verkaufte. Man musste nicht einmal ein Bürger der USA sein, sondern nur schriftlich versichern, einer werden zu wollen:

Come along, come along, don’t be alarmed;
Uncle Sam is rich enough to give us all a farm!

Etwa zehn Prozent des gesamten Landes der 48 kontinentalen Bundesstaaten (also ohne Alaska und Hawaii) wurde auf diese Weise an Privatpersonen verteilt. Erst 1976 wurde das System von dem Federal Land Policy and Management Act abgelöst. Der Bund behält seitdem zunächst die Kontrolle über die unbesiedelten Flächen. Damit soll auch der Umweltschutz gestärkt werden – eine tolle Sache, diese ganzen großen Bäume! Die Besitzverhältnisse in den westlichen Bundesstaaten sind damit auch anders als in den übrigen USA, wo der Bund vergleichsweise wenig Land hält.

Die diversen Verteilungsmechanismen waren nicht perfekt. Es gab massiven Missbrauch und haltlose Spekulation und was es für die Indianer bedeutete, muss in einem separaten Text beschrieben werden. Aber das Ziel, dass auch der einfache Bürger Land besitzen konnte, wurde erreicht. Nicht umsonst folgte Kanada 1872 mit dem Dominion Lands Act diesem Vorbild. Im Gegensatz dazu kämpfen die Länder Süd- und Mittelamerikas bis heute mit den Folgen des Großgrundbesitzes.

Und jetzt können wir endlich etwas erklären, das für Deutsche bis heute so schwer zu verstehen ist: In den USA gilt es als völlig normal, dass jeder bis herunter in die untere Mittelschicht ein Haus besitzt. Ein eigenes, frei stehendes Haus auf einem eigenen Grundstück ist in den USA nicht ein Zeichen von Wohlstand, es ist ein Teil der Grundausstattung. Wer als Amerikaner nach Deutschland zieht, verbringt Jahre damit seinen Verwandten zu erklären, warum man immer noch zur Miete wohnt. Spätestens wenn die Kinder kommen, hört das Verständnis für Mehrfamilienhäuser auf.

Der Kontrast zu Deutschland ist dabei besonders groß, denn kaum ein anderer Industriestaat hat so wenig privates Wohneigentum. Die „Wohneigentumsquote“ liegt in Deutschland bei 44 Prozent, in den USA bei rund zwei Drittel. Deutsche Hausbesitzer sind auch deutlich älter: Mit 40 bis 44 Jahren haben knapp die Hälfte der deutschen Haushalte eigene Wände um sich. In den USA sind es 70 Prozent.

Das liegt sicher nicht daran, dass die Deutschen gerne zur Miete wohnen – 80 Prozent hätten gerne ein Haus. Allein, es ist zu teuer. Wer ein eigenes Dach haben will, muss im Durchschnitt fünf bis sechs Jahreseinkommen ausgeben. In dieser Spanne sind dabei auch die, äh, günstigen Häuser in Ostdeutschland aus der DDR-Zeit mit eingerechnet. Im Westen der Republik bracht man knapp acht Jahreseinkommen. In den USA sind zwei bis drei normal; die jüngsten „hohen“ Preise waren Teil einer Immobilien-Blase, die jetzt wieder schrumpft.

Ein Grund für den Unterschied ist natürlich die Bevölkerungsdichte, aber man darf diesen Faktor nicht überbewerten. Die Briten haben die gleiche Wohneigentumsquote wie die USA und die Spanier liegen mit 80 Prozent sogar höher. Es gibt zahlreiche Gründe – Bauvorschriften, Kreditbedingungen, dass Deutschland Europas Schlusslicht beim Wohnungsbau ist und ganz einfach eine unterschiedliche Politik der Eigenheimförderung. Das ist allerdings alles nicht Thema dieses Blogs.

Wir lassen das Deutsche Institut für Altersvorsorge am Ende die unterschiedlichen Ansichten zusammenfassen:

In den USA ist ein Haus eine Ware … Als Single kauft man seine erste Wohnung und dann, wenn man als Paar zusammenwohnt, eine größere. Wenn man Kinder hat, steigt man auf ein Haus um und zieht später, wenn die Kinder ausgezogen sind, in eine Eigentumswohnung um.

Wir sollten der Vollständigkeit halber erwähnen, dass nicht alle mit dieser Situation zufrieden waren. Auch das fing bei den Pilgrim Fathers an: Plötzlich wohnten ihre Gemeindemitglieder nicht mehr eng zusammen, wo man streng auf ihr moralisches Wohlergehen achten konnte. Die Chance, aus der Neuen Welt eine perfekte Glaubensgemeinschaft zu machen, ging mit der Einführung des Privatbesitzes verloren. Manchen Leuten kann man nie etwas recht machen.

([1] American Beliefs. What Keeps a Big Country and a Diverse People United. John Harmon McElroy, Ivan R. Dee 1999, ISBN 1-56663-314-1. [2] The Penguin History of the USA, Hugh Brogan, Penguin Books 1999, ISBN 0-14-025255-X)

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