Kulturelle Ikonen 1: The Cat in the Hat

September 15, 2006

Im Jahr 1957 bekam der Zeichner Theodor Seuss Geisel, Sohn deutscher Einwanderer, von seinem Verleger eine Aufgabe: Es musste eine Lesefibel her, die Kindern tatsächlich Spaß machen würde. Welch radikaler Gedanke!

Geisel setzte sich hin und schuf mit einem Wortschatz von 220 Wörtern und eigenwilligen Zeichnungen unter dem Pseudonym Doctor Seuss (ausgesprochen wie juice) eine freche kleine Geschichte in Reimform, die seitdem kleine und große Amerikaner begeistert: The Cat in the Hat.

Die Handlung ist schnell erzählt: Bruder und Schwester sitzen an einem regnerischen Tag allein zu Hause – die Eltern sind weg – und langweilen sich, weil sie nicht nach draußen können (und es noch keine Computer gibt). Doch kommt plötzlich The Cat durch die Tür und sagt:

I know it is wet
And the sun is not sunny.
But we can have
Lots of good fun that is funny.

Es folgt Chaos pur. Die Wohnung wird auf den Kopf gestellt, die Möbel werden beinah geschreddert. Die Kinder stehen der Katze und ihren Spielgefährten Thing One und Thing Two zunächst völlig hilflos gegenüber, während der Goldfisch in ohnmächtiger Empörung schimpft. Richtig hektisch wird es, als die Mutter die Einfahrt heraufkommt, denn dann bleiben nur noch Sekunden, um die Eindringlinge los zu werden und alles wieder aufzuräumen …

Kaum ein amerikanisches Kind kommt an The Cat in the Hat oder einem der anderen Bücher von Dr. Seuss vorbei. Anspielungen auf The Cat finden sich zum Beispiel in Addams Family Values (es gab 2003 auch eine Filmversion des Buchs mit Mike Myers, was aber ein Frevel war und hier nicht weiter erwähnt werden wird). Es gibt endlose Nachahmer. Am besten bekannt dürfte A Grandchild’s Guide to Using Grandpa’s Computer von Gene Ziegler sein, das (meist ohne korrekte Quellenangabe und als Fragment) im Internet zirkuliert. Der bekannteste Ausschnitt lautet:

If a packet hits a pocket on a socket on a port,
and the bus is interrupted as a very last resort,
and the address of the memory
makes your floppy disk abort
then the socket packet pocket
has an error to report!

Seuss schrieb nach The Cat in the Hat viele weitere Bücher im gleichen Stil. Die Katze selbst taucht nochmal in The Cat in the Hat Comes Back auf, wo das Alphabet und ein Zeugs namens „Voom“ eine wichtige Rolle bei der Frage spielen, wie man Schnee wieder sauber kriegt. In Green Eggs and Ham, eines der Lieblingsbücher dieses Autors als kleiner Junge, versucht eine Figur namens „Sam“ hartnäckig dem Protagonisten das Gericht des Titels schmackhaft zu machen.

Kind Nummer Eins zieht dagegen Fox in Sox vor. Das fängt mit drei kurzen Wörtern und einem Namen an – fox, socks, box, Knox – und steigert sich dann über ganz unscheinbare Kombinationen wie

Knox in box.
Fox in socks.

hin zu fürchterlichen Zungenbrechern:

Through three cheese trees
three free fleas flew.
While these fleas flew
freezy breeze blew.

(Dieser Autor, dem ein gewisser interkultureller Sadismus nicht völlig fremd ist, animiert gerne seinen Nachwuchs dazu, mit diesem Buch zu nichtsahnenden deutschen Bekannten zu gehen. Eingelullt von den ersten Seiten fangen sie auch bereitwillig an es vorzulesen, bis ihnen spätestens nach der Einführung von Slow Joe Crow dämmert, worauf sie sich eingelassen haben.)

So witzig wie seine Bücher sind, so sauber die Reime, Dr. Seuss hatte auch eine sehr ernste politische Ader. In The Lorax wird die vernichtende Wirkung der Industrialisierung auf die Umwelt angeprangert („I speak for the trees!“); die Kurzgeschichte The Sneetches ist eine Parabel über Rassismus und Diskriminierung; The Butter Battle Book ist ein Anti-Kriegs-Buch. Alle sind für Kinder verständlich, und die Moral sollten selbst Erwachsene verstehen. Radikale Gedanken können halt auch in Form von Kinderreimen daherkommen.

%d Bloggern gefällt das: