Archive for August, 2006

Movie Ratings: FSK in den USA

August 12, 2006

Dieser Autor treibt sich im Moment – so weit es Familie und Beruf zulassen – wie jedes Jahr auf dem wunderbaren Fantasy Filmfest herum. Zwischen guten koreanischen Geisterfilmen („Voice“), schlechten amerikanischen Adaptionen von „Turn of the Screw“ („In a Dark Place“) und, nun, sehr japanischen Filmen mit Riesenhasen („Starfish Hotel“) kam ihm dabei der Gedanke, kurz auf das amerikanische System der Jugendfreigaben für Filme einzugehen.

Vergeben werden die ratings von der Motion Picture Association of America (MPAA), dem Verband der US-Filmindustrie. Eine Gruppe von zehn bis 13 Leuten nimmt die Bewertung vor. Da es um den Schutz von Kindern geht, müssen sie selbst Eltern sein:

There are no special qualifications for Board membership, except that the members must have a shared parenthood experience, must be possessed of an intelligent maturity, and most of all, have the capacity to put themselves in the role of most American parents so they can view a film and apply a rating that most parents would find suitable and helpful in aiding their decisions about their children and what movies they see.

Hier fangen die Unterschiede zum System in Deutschland an: Die FSK sagt von sich selbst nur, dass „viele“ ihrer Prüfer „Erfahrung“ in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben. Auch gibt es für die US-Ratings keinerlei juristische Grundlage wie das Jugendschutzgesetz, mit dem in letzter Konsequenz die Entscheidungen der FSK bewehrt sind: Die USA haben so etwas nicht auf Bundesebene, dafür aber den Ersten Verfassungszusatz, der es dem Kongress verbietet, Zensurgesetze zu erlassen. Die Filmindustrie unterhält das System auf eigene Faust in Zusammenarbeit mit den Kinobetreibern. Computerspiele werden zum Beispiel nach einem ganz anderen Verfahren bewertet.

Die Kategorien für Filme werden nicht starr am Alter des Kindes festgemacht, da man davon ausgeht, dass sich jedes Kind unterschiedlich schnell entwickelt. Stattdessen wird den Eltern (bis auf die letzte Kategorie) die Entscheidung überlassen, was ihre Kinder sehen sollen oder nicht. Es handelt es sich also um ein Empfehlungssystem.

Konkret:

G – General Audiences. All Ages Admitted. Die Kinderfilme, ohne derbe Sprache, ohne Sex, Gewalt oder Drogen. Zum Alter werden keine konkreten Angaben gemacht.

Moment, sagte jemand Kinderfilm?

The G rating is not a certificate of approval nor does it signify a children’s film.

In der Praxis ist es ein Kinderfilm, und für amerikanische Teenager in einem gewissen Alter ist es undenkbar, in so einem solchen Streifen gesehen zu werden. Was würden die Freunde bloß denken?

PG – Parental Guidance Suggested Some material may not be suitable for children. Eltern sollten sich über den Film schlau machen, bevor sie ihr Kind hineinschicken. Es kann Nacktheit enthalten, schon mal etwas derbe Sprache und Gewalt, aber keine Drogen.

In our pluralistic society it is not easy to make judgments without incurring some disagreement. As long as parents know they must exercise parental responsibility, the rating serves as a meaningful guide and as a warning.

Nicht wahr.

PG-13 – Parents Strongly Cautioned Some material may be inappropriate for children under 13. Gewalt, Nackheit, „Sinnlichkeit“ und Sprache sind schon deutlicher oder härter. Alle Darstellungen von Drogenkonsum erhalten automatisch ein Rating PG-13 oder höher. Nacktheit mit einem klaren Bezug zur Sexualität findet sich hier meist noch nicht.

PG-13 places larger responsibilities on parents for their children and moviegoing. The voluntary rating system is not a surrogate parent, nor should it be. It cannot, and should not, insert itself in family decisions that only parents can make.

Hier gibt es zwar erstmals konkrete Angaben zum Alter, aber kein damit verbundenes Verbot. In so einem Film kann man sich auch langsam als Teenager sehen lasen.

R – Restricted Under 17 Requires Accompanying Parent Or Adult Guardian. Der Film enthält Elemente, die nur Erwachsene sehen sollten. Wer unter 17 Ist, darf nur in Begleitung eines Erziehungsberechtigten hinein – aber er darf hinein.

[P]arents are counseled in advance to take this advisory rating very seriously.

Eine ähnliche Entscheidungsbefugnis für Eltern kennt die FSK seit 2003 nur in Form der Parental Guidance [PDF]. Dabei können Kinder ab sechs Jahren von ihren Eltern (formell: „personensorgeberechtigte Personen“, ausdrücklich nicht: „Erziehungsberechtigte“) in Filme mitgenommen werden, die ab zwölf Jahren freigegeben sind. In allen anderen Fällen gelten die Altersgrenzen der FSK.

NC-17 No one 17 and under admitted. Hier wird es ernst: Keine Kinder, basta. Die Kinos sind angehalten, das streng zu kontrollieren. NC-17 ist die höchste Kategorie. Da es in den USA keine Indizierung gibt und keine Zensur entsprechend StGB 131 oder gar StGB 130, umfasst sie alles ab einer gewissen Schwelle.

NC-17 does not necessarily mean obscene or pornographic; in the oft-accepted or legal meaning of those words. The Board does not and cannot mark films with those words. These are legal terms for courts to decide.

Moment, fragt sich jetzt der geneigte Leser. Was ist mit dem berühmten „X-rated“? Das ist eine alte Klassifikation, die sich die MPAA im Gegensatz zu den heutigen Einträgen nicht schützen ließ. Pornos fielen unter X, und damit begannen alle Filme mit einem X als pornographisch angesehen zu werden. Das fanden die Leute unfair, die einfach nur jede Menge sinnlose Gewalt, geisteskranke Massenmörder und eimerweise Kunstblut zeigen wollten. Die MPAA führte deswegen NC-17 ein, das geschützt ist: Nur die MPAA kann es vergeben. X-rated ist inzwischen mehr ein Werbegag, „XXX-rated“ und ähnliche Formen waren es schon immer.

Man muss seinen Film überhaupt nicht einstufen lassen. Besonders Leute, die ihr Werk nur auf DVD herausbringen wollen, scheuen die Kosten – es heißt dann unrated. Das heißt aber bei weitem nicht, dass der Film auch automatisch ein NC-17 bekommen hätte – im Gegenteil kann auch unrated als Werbegag benutzt werden („nimm‘ mich, ich bin schlimm!“), obwohl der Film eigentlich nur R oder sogar PG-13 erhalten würde.

Mit einer gewissen Vorsicht vor zu großen Verallgemeinerungen können wir bei der Einteilung kulturelle Unterschiede feststellen. Deutsche Aufpasser haben weniger Probleme, wenn Kinder mit Nacktheit und sogar Sex konfrontiert werden – Gewalt soll das große Problem sein. In den USA ist es eher umgekehrt. Es versteht sich von selbst, dass jede Seite die andere für völlig fehlgeleitet und kriminell verantwortungslos hält. Und dass Jugendliche in beiden Ländern nur mit den Augen rollen.

Im Hause Stevenson läuft es allerdings mit der Zensur im Moment eher andersherum. Kind Nummer Eins braucht am Wochenende Gesellschaft und hindert damit diesen Autor sehr effektiv daran zu erfahren, was zum Beispiel in „H6: Diario de un asesino“ (Spanisch mit englischen Untertiteln) genau passiert. Wir können daher am Ende einen wirklich guten pädagogischen Rat geben: Liebe Teenager, wenn ihr solche Filme sehen wollt, müsst ihr Kondome benutzen.

Werbeanzeigen

Senator Lieberman und die Blogs und warum es in den USA Vorwahlen gibt

August 9, 2006

Gestern fanden in einigen Teilen der USA primaries statt, die Vorwahlen, bei denen Republikaner und Demokraten bestimmen, wer für die Sitze bei den Kongresswahlen im November kandidieren soll. Für Blogger ist insbesondere die Niederlage von Joseph Lieberman, dreimaliger demokratischer Senator aus Connecticut (CT-SEN) und ehemaliger Kandidat für das Amt des Vize-Präsidenten, interessant: Zahlreiche Demokraten-Blogs im Internet, unter anderem das einflussreiche Daily Kos, hatten sich für den Sieger Ned Lamont stark gemacht, weil Lieberman als eine Art Tarnkappen-Republikaner gilt und entschieden den Irak-Krieg unterstützt. Einige Medien sagen sogar, die Blogs hätten das Rennen entschieden. Das ist natürlich Blödsinn: Am Ende haben die Bürger von Connecticut in den Primaries abgestimmt, nicht Amerikas Blogleser.

Aber warum bestimmen die Parteien in den USA ihre Kandidaten überhaupt durch Vorwahlen?

Die kurze Antwort lautet, weil sie die Wahl gewinnen wollen, denn eine Vorwahl ist in gewisser Weise die Sonntagsfrage in echt. Statt zu raten, wen der Bürger am liebsten hätte, probiert man es einfach aus, nimmt sozusagen eine Stichprobe unter echten Wahl-Bedingungen.

Für die ausführliche Antwort müssen wir uns genauer anschauen, wie in den USA gewählt wird. Wichtigster Punkt dabei ist, dass immer Menschen und nicht Parteien auf dem Stimmzettel stehen. Um sich in Connecticut für die Senatswahl aufstellen zu lassen, braucht man laut CNN 7.500 Unterschriften bei einer Bevölkerung von drei Millionen. Das geht also schnell.

Dann ist noch wichtig, dass die parties in den USA kaum mit den Parteien in Europa zu vergleichen sind. Wir werden in einem anderen Eintrag ausführlich darauf eingehen, hier nur so weit: Die Kandidaten selbst, nicht die Parteien, sind im wesentlichen für die Finanzierung ihrer Wahlkämpfe zuständig. Es gibt keinen Fraktionszwang und die Parteien können am Ende auch ihre Mitglieder nicht davon abhalten, gegeneinander anzutreten.

Dann ist aber die Gefahr groß, dass die Kräfte der Partei (und deren Stammwähler) gespalten werden, und dann verliert man. Dass es in den USA immer nur zwei große Parteien gibt, ist eine logische Folge der Direktwahl der Abgeordneten: Eine Gruppe unterstützt den Amtsinhaber, die andere will ihn loswerden, warum auch immer. Die Gruppe, die sich spaltet, hat verloren. Die deutsche Variante, im Zweifelsfall einfach alle aufzustellen – wie bei der „Troika“ von Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder und Rudolf Scharping bei der Bundestagswahl 1994 – geht nicht, denn es werden ja Menschen gewählt. Man braucht eine Entscheidung.

In den USA müssen Parteien also irgendwie damit klar kommen, dass ihre Mitglieder plötzlich aufstehen und sagen, ich kandidiere – irgendwelche dahergelaufenen Hollywood-Schauspieler aus Österreich zum Beispiel, oder halt ein Geschäftsmann wie Lamont. Die Parteien können das nicht verhindern, denn das System ist – bewusst – offen für Leute, die keine Berufspolitiker sind. Trotzdem müssen die Parteien es schaffen, dass sich am Ende alle nur hinter einen Kandidaten stellen, denn der Gegner bekommt das bestimmt hin, und dann hat man sehr, sehr schlechte Chancen. Das Beispiel Schwarzenegger zeigt auch, dass Quereinsteiger gewinnen können – man will sie also auch einbinden.

Daher braucht man einen Mechanismus, um herauszufinden, wer der beste Kandidat ist, das heißt, wen die Wähler am liebsten hätten – ein Mechanismus, der gut genug ist, dass auch die unterlegenen anderen potenziellen Kandidaten ihn akzeptieren, meistens zumindest. Das sind die Primaries.

Das war nicht immer so. Früher bestimmten die Parteien durch einen caucus, einer Urwahl, den Kandidaten. Das führte aber oft dazu, dass die Parteichefs sehr viel Macht hatten, dass viel gemauschelt wurde und dass oft Leute ernannt wurden, die der Wähler nicht mochte und die nicht wirklich eine Chance hatten – der „Scharping-Effekt“, um bei der Bundestagswahl 1994 zu bleiben. Inzwischen haben sich fast überall die Primaries durchgesetzt.

Das Verfahren hat einen nützlichen Nebeneffekt: Es ist für den Kandidaten und seine ganze Wahlkampfmaschinerie ein Probelauf. Hält der Kandidat den Druck aus? Kann er mit den Medien umgehen, versteht er überhaupt, wie sie funktionieren? Am letzten Punkt ist Howard Dean in den demokratischen Primaries zur Präsidentenwahl 2004 kläglich gescheitert. Besser aber da als im eigentlichen Wahlkampf, sagen die Demokraten.

Wer die Primaries übersteht, hat gezeigt, dass er (oder sie) einen Wahlkampf führen kann, dass er belastbar ist, dass seine Leute hinter ihm stehen, dass er die Menschen begeistern kann. Auch hier könnte man wieder auf Scharping hinweisen, aber wir wollen den guten Mann jetzt in Ruhe lassen.

Es gibt verschiedene Formen der Primaries. Die zwei wichtigsten sind die closed und die open primary. Bei der Closed Primary dürfen nur Leute wählen, die sich zu einer Partei bekennen. Es kann sich um registrierte Parteimitglieder handeln, oder einfach um Leute, die sich direkt vor der Wahl sagen, ich mag die Demokraten. Bei einer Open Primary darf jeder wählen, wirklich jeder, auch die Mitglieder der anderen Partei. Es steht damit auch den Gegnern frei, aufzutauchen und den schlechtesten Kandidaten der anderen Partei die Stimme zu geben. In Connecticut waren es geschlossene Vorwahlen.

Der Gewinner der Primaries wird zum offiziellen Kandidaten der Partei. Was hindert die Verlierer daran, trotzdem anzutreten?

Absolut gar nichts.

Lieberman hat inzwischen angekündigt, als independent im November um seinen Sitz zu kämpfen. Die Demokraten sind entsetzt und empört und versuchen angeblich, ihm das auszureden. Die ersten führenden Parteimitglieder stellen sich zwar demonstrativ hinter Lamont, wie es die Absprache verlangt, angeblich auch Senatorin Hillary Clinton mit einer Spende – im Wahlkampf hatte sich Bill Clinton als Ex-Präsident hinter Lieberman gestellt.

Aber niemand kann Lieberman zwingen, zu Hause zu bleiben, und aus der Partei kann man ihn nicht ausschließen. Wenn er sich nicht an die Regeln halten will, spaltet das einfach die Demokraten, und die Republikaner haben plötzlich Chancen, den Senats-Sitz zu erobern.

Die Blogs haben schon zum Kampf aufgerufen.

Der Bund Teil 5: Der Präsident oder wie eine Demokratie zum mächtigsten Mann der Welt kam

August 7, 2006

„Seine Hoheit George W. Bush, der Präsident der Vereinigten Staaten und Beschützer ihrer Freiheiten.“ Wäre das nicht ein Titel gewesen? Zum Glück wurde der Vorschlag von John Adams nicht übernommen, denn das würde nicht in die Überschrift passen. In dieser und der kommenden Folge wollen wir nämlich über den Präsidenten der USA sprechen.

Die meisten Leute wissen, dass der Präsident eine Amtszeit von vier Jahren hat und dass er (inzwischen) nur einmal wiedergewählt werden kann. Viele wissen, dass er über Wahlmänner gewählt wird, und dass er gegen Gesetze ein Veto einlegen kann. Zumindest die Leser dieses Blogs wissen, dass er im Inland wenig zu sagen hat, dass seine Ernennungen die Zustimmung des Senats brauchen wie auch die von ihm geschlossenen Verträge. Wir werden diese Punkte daher nicht weiter ausführen.

Vielmehr soll uns eine grundsätzlichere Frage beschäftigen: Wie kommt überhaupt ein Haufen rabiater Freiheitskämpfer dazu, ein Amt zu schaffen, dessen Inhaber von Freund und Feind als „mächtigster Mann der Welt“ bezeichnet wird?

Das Prinzip der strengen Gewaltenteilung gibt vor, dass die Exekutive mindestens so stark sein muss wie die Legislative. Insbesondere muss sie der Neigung einer jeden Legislative widerstehen können, im Laufe der Zeit mehr und mehr Macht an sich zu reißen. Daher verbietet sich auch das europäische System, die Spitze der Exekutive aus der Legislative hervorgehen zu lassen – der deutsche Kanzler, der vom Bundestag gewählt wird – denn die Exekutive darf nicht von der Legislative abhängig sein. Das hatte man in Pennsylvania probiert und das wollte man nicht. Der Präsident sollte auf eigenen Füßen stehen.

Beide Gewalten wurden gleich stark gemacht und dann aufeinander losgelassen, damit sie sich gegenseitig in Schach halten. Der für Europäer so erschreckende, weil laute und ständige Kampf zwischen Präsident und Kongress ist also ausdrücklich gewollt und ein völlig normaler Teil des Systems. Entsprechend locker gehen Amerikaner damit um. Die US-Politik ist halt nichts für konfliktscheue Warmduscher und weicheiige Konsenskuschler.

Aber die Exekutive muss nicht nur 535 machtgeile Abgeordnete im Zaum halten können. Auch zur Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabe soll sie stark sein, argumentieren die Federalist Papers:

A feeble executive implies a feeble execution of government. A feeble execution is but another phrase for a bad execution; and a government ill executed, whatever it may be in theory, must be, in practice, a bad government.

Die Exekutive soll dabei einen ganz anderen Charakter haben als die Legislative. Wir hatten gesehen, dass der Kongress deliberative, also „abwägend“ sein soll: Schnell geschriebene Gesetze sind nach amerikanischer Vorstellung schlecht geschriebene Gesetze, die Abgeordneten sollen reden und debattieren und sich dabei Zeit lassen. Das ausführende Organ des Staates soll dagegen schnell, entschlossen und mit Nachdruck handeln:

Energy in the executive is a leading characteristic in the definition of good government.

Der Präsident soll unermüdlich, voller Tatendrang und Elan sein, er soll Bäume ausreißen und energetic leadership bieten, wie man heute sagen würde. Wer als schwach gilt (zum Beispiel Jimmy Carter, ob zu Recht oder nicht), wird verachtet. Es gibt Ausnahmen: Dwight „Ike“ Eisenhower, der auf dem Rasen des Weißen Hauses Golf spielte, verfolgte fast so etwas wie eine „Politik der ruhigen Hand“, wie man in Deutschland sagen würde. In den Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg und Korea-Krieg war aber etwas Ruhe gefragt, und dem Ex-General konnte man kaum Schwäche vorwerfen.

Allgemein gilt jedoch: Wenn Bush sagt, dass es sein Job ist, Entscheidungen zu treffen, dann hat er aus Sicht der Verfassung vollkommen Recht. Ob es gerade diese Entscheidungen sein mussten, sei dahingestellt; grundsätzlich tut er aber das, was von ihm erwartet wird: Handeln.

Was alles noch nicht zwingend bedeutet, dass die Exekutive aus nur einer Person bestehen muss. Tatsächlich gab es viele, die einen „Exekutivrat“ haben wollten, aus Angst davor, der Präsident könnte im Laufe der Zeit zu einem König mutieren (moderne Kritiker haben Angst vor einem Diktator).

Dagegen sprach, dass solche Strukturen in der Geschichte versagt haben, insbesondere bei den Römern, die in Krisenzeiten immer wieder die gesamte Macht einem einzigen Mann übertragen mussten. Wie das ausging, ist bekannt.

Weitere Argumente für eine Einzelperson waren: Eine Gruppe „versteckt Fehler und zerstört Verantwortung“ – bei einer Person ist klar, wer schuld ist (daher Harry Trumans berühmtes Schild „The buck stops here“, sinngemäß etwa: „Den Schwarzen Peter kriege ich“). Eine Person ist leichter zu kontrollieren, denn alle Augen sind auf ihn gerichtet. Und ein Rat würde wieder diskutieren müssen, also dann doch keine schnellen Entscheidungen treffen.

Diese Besessenheit mit schnellen Entscheidungen mag etwas seltsam klingen, hat aber einen sehr guten Grund: Im Krieg ist Geschwindigkeit eine Waffe [PDF]. Die USA wurden in einem Krieg geboren, und schon 1787 war klar, dass weitere folgen würden: Die Engländer würden die Niederlage nicht auf sich sitzen lassen, in Florida saßen die Spanier und im Westen die Indianer-Nationen, die noch lange eine ernste Bedrohung waren. Das Land an der Ostküste Nordamerikas war zu wertvoll, die 13 neuen, zerstrittenen Staaten dort eine scheinbar zu leichte Beute. Man würde kämpfen müssen. Also konnte man sich gleich darauf einstellen.

Am Ende haben die Väter der amerikanischen Verfassung einen einzigen Mann an die Spitze der Exekutive gehoben, weil das die Anforderungen an das Amt am besten erfüllte. So einfach ist das, und es ist dieser schlichte Pragmatismus, der heute vielleicht am erstaunlichsten ist. Es dauerte eine Weile, bis man sich zu dem Schritt durchrang, viele hatten dabei Bauchschmerzen, aber dann ließ man sich auch nicht von dogmatischen Vorstellungen beirren.

Und tatsächlich funktioniert das System seit mehr als 200 Jahren ziemlich genau wie geplant. Weder hat der Kongress – im Gegensatz etwa zum britischen Parlament – alle Macht an sich gerissen, noch wurde der Präsident zum König (oder Diktator). Zwar bekam die eine oder andere Seite zwischendurch mal die Oberhand – besonders Ende des 19. Jahrhunderts waren einige Präsidenten so schwach, dass Historiker von einer congressional government sprechen [1]. Aber nur vorübergehend.

Gleichzeitig bot das Amt wirklich überragenden Männern die nötige Handlungsfreiheit, um Krisen zu meistern. Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt gelten heute als Halbgötter (George Washington ist schon weiter), aber das System gab ihnen auch die Chance, ihr Potenzial zu nutzen.

Dabei verkraftet es auch schlechte Präsidenten: Enlightened statesmen will not always be at the helm, heißt es dazu taktvoll in den Papers. Wer jetzt an Bush denkt, sollte sich eine Weile mit den Biografien von James Buchanan oder Andrew Johnson beschäftigen. Die Republik hat auch ihre Fehler überstanden, wenn in Buchanans Fall auch nur knapp.

Ein Punkt muss dabei immer wieder betont werden: Die wirkliche Macht des Präsidenten richtet sich nach außen. Der mächtigste Mann der Welt ist zu Hause ein Pantoffelheld. Innerhalb der USA kann er ohne die Zustimmung oder wenigstens die Duldung des Kongress kaum etwas machen. Seine größte persönliche Macht hat er in der Außenpolitik und tatsächlich im Krieg. In diesen Situationen lässt ihm auch der Kongress am ehesten freie Hand.

Der Kontrast zu Deutschland könnte kaum größer sein. Die Bundesrepublik sollte ursprünglich nicht einmal eine Armee haben, und das letzte, was man nach Hitler geduldet hätte, wäre eine einzelne Person gewesen, die schnell militärische Entscheidungen treffen könnte. Diese übernahmen am Anfang die Besatzungsmächte und inzwischen die Verbündeten. Das Kabinett und der Bundestag entscheiden dann in aller Ruhe, ob die Bundeswehr mitmachen soll oder nicht. Geschwindigkeit ist in der Bundesrepublik zwar auch gerne gesehen, aber von der Verfassung her ein nachrangiges Ziel. Stabilität ist gefragt.

Entsprechend schwierig ist es daher oft für Deutsche zu verstehen, was genau der amerikanische Präsident tun darf und was nicht: Das Grundgesetz sieht schlicht keine derartigen Mechanismen vor und erst recht kein direktes Gegeneinander von Gewalten. Oft ist Deutschen daher nicht klar, wie die Entscheidungen des Präsidenten sich zu den Gesetzen des Kongresses verhalten.

Daher sind die Anordnungen des Präsidenten – die executive orders – das Thema der nächsten Folge.

[1] The Penguin History of the United States, Hugh Brogan, ISBN 0-14-025255-X

Free refills!

August 4, 2006

Amerikanische Essensketten verheimlichen ihren deutschen Kunden einen zentralen Service aus der Heimat: Free refills, also das Recht, nach dem Kauf eines Getränks beliebig oft kostenlos nachzunehmen. Das gilt in der Regel nur für Softdrinks und Säfte, nicht für Bier oder Cocktails – so toll sind die USA dann auch wieder nicht. Eiswasser und Kaffee fallen auch nicht unter Free Refills, weil man sie immer schon umsonst nachgefüllt bekommen hat.

Amerikaner sehen Free Refills als eine Art Grundrecht an und reagieren daher besonders ungläubig, wenn amerikanische Ketten in Deutschland es nicht anbieten. Bei bei einigen Berliner Filialen des Sandwich-Machers Subway hingen früher schlecht gedruckte Schilder mit der Aufschrift NO FREE REFILLS! auf den Getränkemaschinen, um amerikanische Touristen gleich mit den Gepflogenheiten der Alten Welt vertraut zu machen. Auf die (listig auf Englisch vorgetragene) Frage dieses Autors, warum das so sei, erklärte man, der Einkaufspreis für Softdrinks sei in Deutschland deutlich höher.

Aber Ironie kann süß sein: Auch amerikanische Großkonzerne sind nicht gegen den Kulturimperialismus immun. Bei Subway im Berliner Ostbahnhof ist inzwischen immerhin ein Free Refill enthalten. Auch bei McDonald’s im neuen Berliner Hauptbahnhof hat man zumindest faktisch Free Refills eingeführt: Die Getränkeautomaten stehen unbeaufsichtigt einige Meter neben dem Tresen und man bekommt nur noch einen Becher in die Hand gedrückt.

Noch hat das Nachfüllen dort für die Teenager den Reiz des Verbotenen („Jetzt! Sie gucken nicht!“) und ältere Gäste schauen einen vorwurfsvoll an, als wäre man ein Dieb. Macht nichts: Die nächste Generation wird Free Refills für völlig selbstverständlich halten und die übernächste wird bei USA-Reisen erfreut feststellen, dass auch Amerikaner Free Refills kennen …

Hunde bellen dort nicht mehr: Frühe europäische Vorurteile über die USA

August 2, 2006

Gestern am (sehr) frühen Morgen war der Top-Suchstring für dieses Blog „sind amerikaner wirklich doof“, mit immerhin zwei Treffern. Dieser Autor ist zu verzückt darüber, dass Leute tatsächlich noch „doof“ benutzen – wir haben in der Grundschule lange, hitzige Debatten darüber geführt, ob es nicht doch „doff“ geschrieben wird – und zu geschmeichelt, dass die Maschinengötter von Google diese Person hierher geschickt haben, um sich über die Einstellung hinter diesem Suchstring zu ärgern. Sie ist auch eher harmlos im Vergleich zu anderen Fragen wie zum Beispiel die, wann die Amerikaner endlich aufhören werden, Indianer zu kastrieren. Alles schon da gewesen.

(In die andere Richtung gibt es natürlich auch Vorurteile. Die folgende Passage über deutsche Einwanderer stammt von keinem geringeren als Benjamin Franklin:

Those who come hither are generally of the most ignorant Stupid Sort of their own Nation, and as Ignorance is often attended with Credulity when Knavery would mislead it, and with Suspicion when Honesty would set it right; and as few of the English understand the German Language, and so cannot address them either from the Press or Pulpit, ‚tis almost impossible to remove any prejudices they once entertain.

Die Übersetzung bleibt dem geneigten Leser zur Übung überlassen.)

Wir wollen diese Gelegenheit nutzen, um uns den wohl ersten offiziellen Schlagabtausch zwischen Amerikanern und Europäern über antiamerikanische Vorurteile anzuschauen. Der wurde am Ende so schlimm, dass ein Elch nach Frankreich importiert werden musste.

Der Reihe nach:

Im Jahr 1786 war Thomas Jefferson – Verfasser der Unabhängigkeitserklärung (aber nicht der Verfassung) – Botschafter der jungen USA in Paris. Wie damals alle Amerikaner liebte der spätere Präsident die Stadt – wenn da nicht der respektierte französische Naturwissenschaftler Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon, gewesen wäre.

Buffon war der Meinung, dass die Tiere in der Neuen Welt alle mickeriger seien als in der Alten. Ein Puma, so Buffon, sei „viel kleiner, schwächer und viel feiger als ein echter Löwe“. In Amerika gebe es keine Elefanten, keine Nashörner, keine Nilpferde und statt des Kamels nur dieses komische Lama. Bei den Ureinwohnern sei das genauso: Die Indianer seien weniger potent als die Europäer. Der Grund waren vermutlich giftige Dämpfe oder so etwas.

Damit aber nicht genug. Was immer auch der Auslöser war, es sorgte laut Buffon und anderen führenden europäischen Wissenschaftlern der damaligen Zeit auch dafür, dass Lebewesen aus der Alten Welt degenerierten, wenn man sie über den Atlantik brachte: Die Tiere schrumpften. Hunde, so die vielleicht bekannteste Behauptung, hörten auf zu bellen, wenn sie zu lange amerikanische Luft atmeten.

Die Amerikaner waren natürlich erbost über diese Theorie, besonders über den ziemlich offenkundigen Blödsinn mit den verstummenden Hunden. Diese schafften es sogar in die Federalist Papers (Text Nummer 11) als Argument dafür, warum ein gemeinsamer, geeinter Staat so wichtig für die ehemaligen Kolonien war:

Men admired as profound philosophers have, in direct terms, attributed to her [Europe’s] inhabitants a physical superiority, and have gravely asserted that all animals, and with them the human species, degenerate in America — that even dogs cease to bark after having breathed awhile in our atmosphere. Facts have too long supported these arrogant pretensions of the Europeans. It belongs to us to vindicate the honor of the human race, and to teach that assuming brother, moderation. Union will enable us to do it.

Auch Jefferson war, wie man heute sagen würde, gepisst. Die politischen Implikationen der Degenerationstheorie waren klar: Die komische neue Republik, nein, alle Menschen in der Neuen Welt würden sich auf Dauer nicht selbst regieren können, sondern brauchten die leitende Hand der körperlich und geistig überlegenen Europäer. Es war somit wissenschaftlich bewiesen, dass eine Unabhängigkeit der USA unmöglich war. Nur der Kolonialismus war eine stabile Regierungsform.

Jefferson sah die Theorie außerdem als Teil einer größeren Kampagne der europäischen Monarchien und Fürstentümer an, ihre Untertanen an der Auswanderung zu hindern:

One half of Germany and more than half of England, Scotland, and Ireland would be soon on tiptoe, and no inconsiderable part of France, to fly to America for relief from that intolerable load which they now carry on their shoulders, if they knew the true state of facts in America.

Besonders die Engländer wüssten dies und hätten „eine unglaubliche Zahl“ von Personen darauf angesetzt, die USA schlecht zu schreiben (böse Stimmen weisen diese Rolle inzwischen der BBC zu, was die Briten energisch zurückweisen).

Jefferson schrieb jahrelang gegen die Degenerationstheorie an, unter anderem mit seinen Beschreibungen der Tiere Nordamerikas in den Notes on the State of Virginia. Aber ihm war klar, dass er mehr brauchte als nur Worte.

Und so ließ er sich einen (toten) Elch schicken, denn amerikanische Elche sind deutlich größer als europäische Rehe oder Rentiere. Das Exemplar war dann zwar nicht ganz so imposant, wie Jefferson gehofft hatte, aber es hatte trotzdem einen Schulterstand von sieben Fuß, also von etwas mehr als zwei Metern. Jefferson baute es in der Eingangshalle seiner Residenz auf, dem Hotel de Langeac. Sieht so ein degeneriertes Tier aus, konnte er seine Besucher dann fragen. Ist das groß genug für euch?

Buffon beeindruckte das nicht, und er vertrat bis zu seinem Lebensende die Degenerationstheorie. Spätestens nach der ersten Begegnung mit einem Mammutbaum dürfte die sich zwar erledigt haben. Verwandte Vorstellungen bleiben aber noch lange in den Köpfen hängen und wurden später von den Nazis missbraucht. Ersetzt wurden sie durch die Evolutionstheorie.

Jeffersons Elch ist so etwas wie Sinnbild für Situationen geworden, in denen man Dinge zeigen muss, statt nur darüber zu sprechen. Der Jurist David Post schlug 2000 in einem Text vor, die Musiktauschbörse Napster nach diesem Vorbild als Beispiel zu verwenden, was alles im Internet möglich sei. Schaut man sich an, was weiter mit Napster geschah, war er damit wohl tatsächlich so erfolgreich wie Jefferson bei dem Versuch, Buffon zu überzeugen.

Der Fall wirft natürlich auch für dieses Blog Fragen auf: Reicht es, über die USA zu schreiben, oder brauchen auch wir einen Elch? Hoffentlich nicht. Kind Nummer Eins hätte vermutlich nichts dagegen, aber ein zwei Meter großer Elch-Kadaver in unserem Flur – wenn er überhaupt dort hinein passen würde – dürfte selbst die sprichwörtliche Toleranz der Schönsten Germanin hart auf die Probe stellen. Schon ein ausgestopfter Waschbär auf dem Schuhschrank wäre schwierig. Vielleicht eine Scheibe eines Mammutbaums als neuen Wohnzimmertisch?

Blogs machen die erstaunlichsten Probleme.

(Weitere Quelle: Miracle at Philadelphia, Catherine Drinker Bowen, ISBN 0-316-10398-5. Danke an DKS für Recherchehilfen.)